Zeitung Heute : Bis Webseiten auf dem Handy-Display gelesen werden können, ist es aber noch ein weiter Weg

Kurt Sagatz

Kaum ein Thema bewegt die Mobiltelefon-Szene derzeit so wie die Internet-Nutzung mit dem Handy. Auf der Funkausstellung in Berlin wurden von T-Mobil, Mannesmann privat und E-Plus mit großem Tamtam die Kooperationen mit Internet-Anbietern wie ARD, ZDF, n-tv, Handelsblatt, der Bahn, dem ADAC und vielen mehr bekanntgegeben. Und auch auf der größten Telekom-Messe in Genf vor wenigen Tagen waren die neuen Mobilfunk-Dienste und -Geräte die Höhepunkte der Telecom 99.

Künftig sollen die Web-Inhalte so aufbereitet werden, dass sie eben auch auf die Displays der Handys oder der etwas größeren Taschen-Organizer passen. Mitbieten bei Online-Auktionen (siehe Beitrag über eBay) oder Staumeldungen vor dem Reiseantritt - nichts wird dem Zufall überlassen. Ernstere Naturen können sich per Knopfdruck die neuesten Nachrichten oder Börsenberichte besorgen. Und wen die Langeweile plant, der klinkt sich bei Ravensburger für ein paar Netz-Spiele ein.

Hinsichtlich des Umfangs und des Komforts kann das Internet für die Westentasche natürlich nicht mit Laptops verglichen werden. Die kleinen Flüssigkristall-Bildschirme der Internet-Handys haben meist nur eine Größe von drei mal drei Zentimetern. Zudem verfügen die Handys nicht über grosse Arbeits- und Datenspeicher. Aus diesem Grund müssen die herkömmlichen Internet-Angebote vor der mobilen Nutzung erheblich angepasst werden. Hierfür werden Grafiken und Bilder bis auf wenige Ausnahmen aus den Seiten entfernt, allenfalls wichtige Logos werden an das Handy gesendet. Hinzu kommt, dass die Datenübertragungsleistung in den D- und E-Netzen bislang auf 9600 Bits pro Sekunde begrenzt ist. Selbst längere Textpassagen führen somit bereits zu Problemen, so dass die Internet-Seiten auch redaktionell viel knapper daherkommen müssen.

Technisch basiert die Internet-Nutzung per Handy auf dem WAP-Standard (Wireless Application Protocol). In der Branche werden die drei Buchstaben jedoch inzwischen ganz anders interpretiert: "Where are the Phones", lautet dort inzwischen das geflügelte Wort, denn noch immer mangelt es an den Geräten. Inzwischen sind zwar nach Auskunft von Nokia die ersten kleinen Lieferungen des WAP-Handys 7110 an die Nokia-Vertriebspartner ausgeliefert worden. Doch bei den Großen wie Mobilfunk-Branchenführer D2 von Mannesmann hat man von dieser Lieferung noch nichts gesehen.

Immerhin, Anfang Dezember soll das Warten ein Ende haben. Dann, so verspricht Nokia, kommen die Internet-Handys auch in größeren Stückzahlen in den deutschen Handel. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft. D2-Pressesprecher Christian Schwolow ist sich sicher, dass bereits bis zum Jahresende 100 000 Geräte an die D2-Kunden gelangt sein werden. "Bis zur CeBIT 2000 wird es keinen Hersteller mehr geben, der nicht mindestens ein WAP-Handy im Programm hat", so Schwolow, der mit rund einer Million WAP-fähigen Geräte bis Ende nächsten Jahres allein in seinem Netz rechnet.

Dass die Mobilfunkgesellschaften das Hohelied der "allways connected"-Gesellschaft singen, ist verständlich. Wie oft sind im Restaurant, in der Kneipe oder in der U-Bahn Menschen zu beobachten, die mit traurigem Gesichtsausdruck auf ihr Handy-Display schauen, sich aber in dieser Umgebung nicht zu telefonieren trauen. Mit WAP wäre deren Leiden mit einem Mal beseitigt, denn nun könnten die mobilen Trendsetter ihr Handy allzeit und überall zum Abruf von so lebenswichtigen Informationen wie dem Wetterbericht für die nächsten zwei Stunden gebrauchen - man muss ja schließlich wissen, ob für die anstehende Wanderung Gummistiefel benötigt werden. Zur Not kann auch gleich das Wochenhoroskop als zusätzliche Entscheidungshilfe abgerufen werden.

Auch wenn der eine oder andere WAP-Dienst nicht jeden Nutzer zu Begeisterungsrufen verleiten dürfte, so ist der Trend in Richtung mobiler Datenübertragung bereits jetzt absehbar. Monatlich versenden die deutschen Handy-Besitzer zur Zeit mehrere Hundert Millionen kurze Textbotschaften. Dabei beobachten die mobilen Netzbetreiber weiterhin Zuwachsraten bei den Short Messages (SMS) von rund 20 Prozent. Obwohl die Eingabe der Botschaften durch das Fehlen einer vollwertigen Tastatur recht umständlich ist, haben die SMS gegenüber dem normalen Gespräch einige Vorteile, da oftmals knappe Nachrichten ein teures Gespräch ersetzen können. Mittels Computer können diese Nachrichten überdies über Listen gleich an mehrere Empfänger geschickt werden, ein Service, der vor allem für Firmen interessant ist, die auf diese Weise zum Beispiel ihre Außendienstler schnell über wichtige Veränderungen informieren können.

Diese Vorteile verknüpft mit der Technik des Internets sollen die neuen Geräte ermöglichen, die jetzt unter anderem in Genf vorgestellt wurden. Beim Ericsson R3805 lässt sich beispielsweise die Tastatur wegklappen. Darunter befindet sich ein berührungsempfindliches Display, das fast so groß ist wie das gesamte Handy und das zugleich als Tastatur dient. Motorola setzt hingegen auf die natürliche Sprache. Der Zuruf "Börsenkurs Motorola" soll die gewünschte Information aus dem Internet auf das Display zaubern. Siemens geht mit dem sogenannten Unifier einen anderen Weg. Handy und Gerät für den Internetzugang sind zwar klein und tragbar, bleiben aber getrennt. Das in Genf erstmals vorgestellte Zusatzgerät von der Größe eines Zigarettenetuis sieht wie ein Mini-Laptop aus und kann kabellos über Infrarot-Schnittstellen ans Handy angeschlossen werden. Es bietet Internet-Zugang, E-Mail- und Fax- sowie Messages-Service und kann intelligente Chipkarten aufnehmen.

Dass ein WAP-Handy nicht automatisch Internet-tauglich ist, mussten indes die Besitzers des S25 von Siemens erfahren. Klein, leicht, mit eingebautem Modem und Infrarot-Schnittstelle sollte der schwarz-silberne Dualband-Winzling auch das World Wide Web in abgespeckter Version auf das Display bringen. Weit gefehlt. Als Siemens das Gerät auf den Markt warf, wurde gerade der WAP-Standard geändert, die Käufer schauen in die Röhre oder besser gesagt: aufs leere Display.

Doch auch die Käufer des Nokia 7110 oder des in Kürze zu erwartenden Ericsson-Pendants sollten sich nicht zu früh freuen. Um künftig auch sicheres Homebanking zu gewährleisten, wird inwischen schon am nächsten Standard gebastelt. Und ob die jetzt in den Handel kommenden Geräte auf dieses Protokoll aufgerüstet werden können, muss abgewartet werden. Für Technik-Freaks gilt halt oftmals die Devise: Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben.

Autor: r_t_cummings@compuserve.com

Die Uni: Hassenswertes und Liebenswertes.

Die Universität ist nicht mehr alle Welt. Nur selten kommt es zu heißblütigen Liebeserklärungen. Die Uni ist ja auch nicht mehr jungfräulich, neugierig und unbescholten, sondern die Alma Mater ist heute eine gestandene Maitresse, "mit viel Holz vor der Hütten" (oder Stahlbeton) und allerlei wechselnder Kundschaft, den Studentenmassen, abgesehen von den Professoren und Professorinnen, die ihr gern treu bleiben. Es zahlt sich ja gut aus. Mit der Uni läßt sich gut leben, wenn man einmal Zugang zu einem ihrer Kämmerchen gefunden und gut eingerichtet ist. Hat man hohe Erwartungen, ist die Enttäuschung umso größer. Zur bitteren Enttäuschung gesellen sich Haßgefühle. Zur Uni kann man kein gleichgültiges Verhältnis haben, denn in ihr dreht sich alles ums Wissen - und Wissen ist Macht. Mit Objektivität und jungfräulicher Wahrheit hat die Uni nicht allzuviel im Sinn. Allerlei Obsessionen und Machtgelüste machen sie zum Jahrmarkt der Eitelkeiten. Und so hat man keine Wahl: Entweder man haßt die Uni, liebt sie oder tut beides zugleich. Wissenschaftliche Betätigung heißt nichts anderes, als dass man an ihrer Brust liegen und sein Herz ausschütten will - doch nicht jeden läßt die Uni an sich heran. Tut sie es doch, dann stößt deine Liebe objektiv auf Gegenliebe. Prüfungen zeigen, was es mit der Wissenschaftlichkeit der Universität auf sich hat. Not macht erfinderisch, und so stilisiert sich jeder Prüfling zu David, der gegen Goliath, den prüfenden Professor, in den Kampf zieht. Doch weder herrscht Waffengleichheit, noch kommt es überhaupt zu einem Kampf. Der Prüfer will ja keine Diskussion, sondern die Nummer nur von der Liste streichen. So verkommt eine Prüfung zum reinsten verächtlichen Glücksspiel. In wenigen Minuten sind ein Shakespeare, ein Goethe und Rilke auf irgendwelche Sinnfetzen und Fakten hin zu sezieren - und sowohl Prüfer als auch Prüfling haben dabei natürlich nichts anderes als Objektivität im Auge. Trifft der Prüfling ins Schwarze, erwärmt sich das Herz des Professors. Die Sucht nach Objektivität ist nichts anderes als die Liebe fürs Wahre. Kommt der Prüfling auf Abwege, fühlt der Prüfer sich höchstpersönlich auf den Fuß getreten. Das Falsche ist hassenswert. Und so obsiegt am Ende des Studiums die pure Emotion: Verachtung, wenn Goliath triumphierte, oder Hochachtung vor der Uni, wenn Goliath und David sich im Bruderkuß vereinten. Doch bereits während des Studiums zetert man genüßlich, denn in der Uni, dem chaotischen Eingeweide aus Gängen, Sälen und Warteschlangen davor, verkommt jeder zum gehässigen Nörgler. Studenten nagen an den Brocken, die die Professorenschaft ihnen zuwirft. Einem Professor ergeht es nicht anders, selbst wenn er es nicht zugibt. Das Gebot wissenschaftlicher Anschlussfähigkeit verlangt von ihm, zumeist nach den Zutaten zu greifen, die die Lektüre, Kollegen und Konkurrenten ihm reichen. Die Uni ist ein Wissen wiederkäuendes Ungetüm ohne besonderes Ziel als das der Wiederholung und Verwaltung von Wissen, der Produktion von Absolventen am anderen Ende. Die ständigen akademischen Hahnenkämpfe hingegen sind völlig ziellos, wenn auch voller Sinn. Gelegentlich, natürlich, wächst die Uni an einigen ihrer Flanken über sich hinaus und hat neuartige Erkenntnisse, nach denen tatsächlich ein paar außer-universitäre Hähne krähen. Die Uni ist eine garstige Behörde, die jeden zum Bittsteller und Störenfried erniedrigt und auf die Jagd schickt nach Immatrikulationsbescheinigungen, Prüfungsterminen, Sprechstunden, Gutachten, Stipendien, Fördermitteln. Die Vorstellung der Uni als Dorf und idyllisch gelegene Abtei ist so gefühlsduselig wie der Wunsch des Studenten, auf Du mit den Professoren zu sein. Hassenswert sind nicht die Akademiker, welche zu der komplett weltfremden Art gehören wie die Geisteswissenschaftler. Der berühmte, wirklich schusselige, ansonsten aber brillante Dozent mit Toupet ist und bleibt ein seltenes Ereignis, auch wenn Amor nicht gleich mit seinen Pfeilen schießt. Verachtenswert und erbärmlich ist die nörgelnde Professorin, für die Studenten wie Kinder im Hinterhof sind. Nett anzusehen sind sie, aber bald geht das Gekreisch und Gejaule ihr auf die Nerven. Liebenswerte Züge gewinnt die Uni erst, wenn man merkt, wie wunderbar es ist, sich beispielsweise von Walther von der Vogelweides Liedern und Trällereien umgarnen zu lassen, während tausende Mitbürger als postmoderne Bürosklaven malochen. Wundersam ist es und der pure Luxus, den man auskosten muss, bevor andere Zeiten anbrechen. Die Uni ist genau da ein Liebesnest, wo das Studium zum Selbstzweck gerinnt und man allem Haschen nach Wind noch einen Sinn abgewinnen kann.

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