Zeitung Heute : Bis zum Anschlag

Kein Tag ohne Raketen – in Gaza, Machtbasis der Hamas, wachsen die Not und der Hass auf Israel

Karin Wenger[Gaza]

Rabiha Jamal hört das Heulen der Granate. Sie zählt bis zwölf, dann schlägt sie mit einem dumpfen Knall in der Nachbarschaft ein. Die fünf Töchter schauen wie erstarrt auf den Bildschirm, auf dem die libanesische Popsängerin Nancy über die Liebe singt. Es ist neun Uhr abends im Norden des Gazastreifens. In der Stadt Scheich Zayed, gleich neben der ehemaligen israelischen Siedlung Elei Sinai, schleichen junge Männer um die Blöcke. Rabiha hat Tee aufgebrüht und in Gläser gefüllt, sie zittern, wenn die Granaten einschlagen. Seit dem frühen Morgen schießt die israelische Armee Panzergranaten von der Grenze in den Gazastreifen hinein. Die Armee-Sprecherin sagt: „Wir vergelten die Raketen, die die Palästinenser auf unsere Städte schießen. Wir zielen nur auf leere Felder.“ Am Rande eines Feldes im Dorf Beit Lahia wohnte bis Mittwoch noch ein Bauer. Dann wurde er von einer Granate getötet.

Rabiha weiß, wie gefährdet ihre Wohnung in Scheich Zayed ist. An diesem Abend, es ist einige Tage vor dem jüngsten Selbstmordanschlag in Tel Aviv, bei dem neun Israelis ums Leben kommen werden, vermischen sich die Einschläge israelischer Geschosse mit den Abschüssen von palästinensischen Raketen. Wenn der Islamische Dschihad oder eine der anderen militanten Gruppen eine Rakete abschießt, klingt es so: Zuerst hört man nur ein Zischen, dann zittern die Wände, als ob ein Erdbeben den Boden schüttelte, dann ertönt ein ohrenbetäubender Knall. Rabiha hat die Vorhänge ein wenig zurückgeschoben und schaut auf das Feld vor dem Haus, auf dem kleine Feuer brennen. Junge Männer machen sich an Raketen zu schaffen. Nach den Abschüssen rennen sie davon. Mit „einem Durchschnitt von täglich 300 Panzergranaten“ hat die israelische Armeesprecherin die Vergeltung auf Anschläge palästinensischer Attentäter beziffert. Rabiha hat aufgehört zu zählen, sie lacht, um den vierjährigen Samer zu trösten. Er weint. Er hat in die Hose gemacht.

Als sie im letzten Juni mit ihren sechs Töchtern und zwei Söhnen in die Stadt Scheich Zayed zog, konnte sie ihr Glück nicht fassen. Scheich Zayed, ein Fürst aus den Emiraten, hatte diese Stadt – 700 Wohnungen, eine Moschee, ein Einkaufszentrum, Spielplatz und Schule – eigens erbauen lassen, um armen Familien im Gazastreifen zu helfen. Rabiha wohnt mietfrei. Aber seit dem Abzug der jüdischen Siedler, der groß gefeiert worden war als Sieg der Palästinenser, ist die Freude verflogen. Es gibt zwar keine Checkpoints mehr, die Gaza zerschneiden, und sie kann ihre Verwandten im Süden besuchen, aber sie fragt sich: „Was ist das wert, wenn ich immer Angst haben muss? Ich kann Pech haben und stehe neben einem Auto, das von einem israelischen Kampfflugzeug aus beschossen wird. Oder ich gerate ins Kreuzfeuer von verfeindeten Milizen.“ Denn auch untereinander bekriegen sich die Palästinenser, seit die Fatah-Partei, die lange an der Macht war, vor kurzem die Wahlen an die Hamas verloren hat.

Gaza in diesen Tagen. Die neue Regierung will Israel nicht anerkennen, und vor allem will sie der Gewalt nicht abschwören – sie nennt es „Widerstand“. Die EU hat der Palästinensischen Autonomiebehörde deshalb das Geld gestrichen. Seitdem wächst die Not jeden Tag, vor allem in Gaza, dem Lebensexperiment zwischen Mauern, Zäunen und Sicherheitsposten im Südwesten Israels. Beamte bleiben ohne Gehälter – und es sind immerhin 140 000, die ihr Geld von der Autonomiebehörde bekommen und damit ein Drittel der Palästinenser ernähren –, die Preise steigen, und die Lebensmittelvorräte schrumpfen. All das wird allerdings nicht der Hamas zur Last gelegt, im Gegenteil: Die Unterstützung für sie wächst noch, eben weil sie den Widerstand proklamiert. Es ist eine Melange von Hetze, Hass und Hunger, und aus ihr entschlüpft am Ostermontag ein junger Mann, schlägt sich über streng gesicherte Grenzen nach Tel Aviv durch und sprengt sich vor einem Imbiss in die Luft. Es ist der blutigste Anschlag seit 20 Monaten.

Nun dreht die Spirale sich noch schneller. Hamas-Ministerpräsident Ismail Hanija bekräftigt seine Unterstützung für das Attentat. Israel wiederum denkt darüber nach, die Mitglieder der Hamas-Regierung offiziell als „Feinde“ zu deklarieren und erschießen zu lassen, beschießt aber erst einmal Gaza-Stadt; nun liegt eine Metallwerkstatt in Trümmern, in der Kassam-Raketen gebaut worden sein sollen. Außerdem will die Polizei jetzt noch strenger vorgehen gegen Palästinenser, die keine Genehmigung zur Einreise nach Israel haben und unter denen Extremisten vermutet werden, was wiederum zu Lasten der Mehrheit der Palästinenser geht, die nämlich auf der verzweifelten Suche nach Arbeit nach Israel kommen und noch verzweifelter wieder umkehren müssen.

Für Rabiha heißt das: noch mehr Raketeneinschläge und -abschüsse auf dem Feld vor ihrem Haus.

„Der Abzug der internationalen Organisationen und die Einfrierung der Hilfsgelder ist eine Katastrophe“, sagt Darrin Waller, Schotte, einer der wenigen Ausländer, die noch im Gazastreifen anzutreffen sind. Er arbeitet für das palästinensische Menschenrechtszentrum PCHR, aber seit dem Regierungsantritt von Hamas im Januar und den Kidnappings von Ausländern durch palästinensische Milizen in den vergangenen Wochen haben beinahe alle internationalen Organisationen ihre Zelte im Gazastreifen abgebrochen. Dann wurde auch noch der Beach Club, ein beliebter Treffpunkt für Ausländer, in die Luft gesprengt – nicht von Islamisten allerdings, wie vielerorts verbreitet wurde, sondern nach Streitereien zwischen den Angestellten des Clubs und der lokalen Alkoholmafia.

Waller ist trotzdem geblieben. Er geht jetzt ins al Deira, das Nobelhotel am Strand, und trinkt dort Tee statt Whisky. Er bewegt sich nur noch im Taxi, und meist nicht viel weiter als in einem Radius, der das Büro, die Wohnung und das nächste Restaurant einschließt.

Angst und Unsicherheit beherrschen Gaza . Das friedliche Stadtbild – Esel, die Karren mit Altmetall ziehen, Verkäufer, die Erdbeeren anpreisen, die mediterrane Frühlingssonne – dieses friedliche Bild trügt. Vor zwei Wochen erst wurde der Chef des „Popular Resistance Committee“, einer Dachorganisation militanter Organisationen, von Männern der Fatah in seinem Auto in die Luft gesprengt. Kurz darauf beschossen sich Mitglieder der Fatah und des „Committee“ in den Straßen. Hamas-Mitglieder haben letztlich vermittelt, aber die Ruhe ist brüchig. Gaza, das traditionell die Hamas-Basis ist und deshalb nun mehr als Ramallah neuer Regierungsmittelpunkt des palästinensischen Staatengebildes, funktioniert wie ein Dampfkochtopf. Viel Druck hat sich über Monate angestaut, und nur eine Provokation und der Deckel fliegt herunter. Denn die Besatzung ist geblieben, auch ohne Siedler. Die Grenzen, der Luftraum und die See werden immer noch von Israel kontrolliert, die gezielte Tötung von Terroristen, bei der auch Zivilisten umkommen, ist an der Tagesordnung, und die Arbeitslosigkeit hat sich weiter verschlimmert. Jetzt liegt sie bei 70 Prozent.

Karni, der einzige Güterübergang, war in den ersten drei Monaten dieses Jahres 50 Tage lang geschlossen. Für ein Gebiet, das 90 Prozent aller Güter aus Israel über Karni einführt, ist das besonders schlimm. Die Bauern, die die Gewächshäuser der jüdischen Siedler übernommen hatten, konnten ihre Erdbeeren, Tomaten und Peperoni nicht aus dem Gazastreifen ausführen, dabei waren ihre Einkünfte als ein Stützpfeiler der neuen unabhängigen Gaza-Wirtschaft eingeplant. Gemüse und Früchte verrotteten tonnenweise am Grenzübergang. Vor kurzem ging sogar das Brot aus, weil die Mehlsäcke auf der anderen Seite von Karni blockiert wurden. „Schon jetzt fehlt es an Antibiotika, Milchpulver und einer ganzen Reihe von Medikamenten“, sagt Waller.

Die neue Regierung befindet sich in einer vertrackten Situation, aber Ghaze Hamad, frisch gebackener Regierungssprecher, verströmt Zuversicht. Er sitzt hinter seinem Pult in einer Zeitungsredaktion in Gaza – Hamad ist Chefredakteur der Hamas-Wochenzeitung „al Risala“. Den Widerstand, sagt er, werde Hamas so lange nicht aufgeben, wie die Palästinenser unter israelischer Besetzung leben. Und deshalb werde die Hamas auch nicht gegen diejenigen vorgehen, die Raketen in Richtung Israel abfeuern. Er versucht aber, Optimismus zu verbreiten. Die Menschen würden bald Arbeit bekommen, sagt Hamad, und bald werde auch der große Handel zwischen Gaza und den arabischen Ländern beginnen. Aber wie genau Hamas die aktuellen Probleme lösen will, das weiß auch der enthusiastische Hamad noch nicht.

Bis dahin, auf Jahre hinaus vermutlich, sind es diese Szenen, die Gazas Alltag ausmachen. Da, wo einst die israelische Siedlung Neve Dekalim gepflegt und ordentlich stand, erstreckt sich heute ein Ruinenfeld über den Sand. Eine Frau in einem bestickten Kleid bündelt Kupferdrähte, die sie in den Trümmern abgezwackt hat. Für das Kilo Kupferdraht bekommt sie auf dem Markt einen Euro. Ihr Mann, Abu Ali, kratzt mit einer Schaufel zwischen gesplitterten Badekacheln herum. Langsam schabt er ein Abwasserrohr frei. Für das Kilo Wasserrohr bekommt er zwanzig Cent. Früher hat Abu Ali in den Treibhäusern der jüdischen Siedler gearbeitet und 180 Euro im Monat verdient. Davon lebte seine zehnköpfige Familie im Flüchtlingslager Khan Yunis gut. Nach dem Abzug aber hat Abu Ali seine Arbeit verloren. Mit dem Verkauf von Drähten und Rohren muss er die Familie nun mit 20, 30 Euro über Wasser halten. Alle vier Monate erhält er 90 Kilo Mehl, zehn Kilo Zucker und zehn Kilo Reis von der United Nations Relief and Works Agency (UNWRA). Bald ist die nächste Ration fällig. Ob Karni für den Nahrungsmitteltransport offen sein wird, weiß Abu Ali jedoch nicht. „Gott ist groß“, murmelt er, als der Ruf des Muezzins von Rafah über die Ruinen getragen wird. Dann greift er wieder zur Schaufel und schabt weiter. Vielleicht findet er noch ein Rohr .

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