Zeitung Heute : Bis zum letzten Mann

Die Koalition der Willigen hat am Persischen Golf eine große Streitmacht zusammengezogen, um den irakischen Diktator militärisch zu entwaffnen. Der Gegner ist schwer einzuschätzen, auch wenn es zahlreiche Erfahrungen aus dem letzten Golfkrieg gibt. Saddams Soldaten haben ihre ganz eigene Taktik.

Peter Siebenmorgen

WIE STARK IST DER IRAK?

Soldaten und Waffen

Gemessen an der Zahl der Soldaten, verfügt der Irak über eine beachtliche Streitmacht. 389000 Soldaten stehen in den regulären Streitkräften permanent unter Waffen, gegenwärtig kommen über 100000 bereits eingezogene Reservisten hinzu. Da jedes Jahr rund 274000 Männer zum Wehrdienst eingezogen werden, kann der Irak seine Armee rein nominell rasch zu beträchtlicher Größe wachsen lassen. Dazu kommen mehrere militärische und paramilitärische Organisationen, die im Kriegsfall aktiviert werden können, deren Kampfwert allerdings niedrig einzuschätzen ist.

Am vergangenen Wochenende teilte Saddam das Land in vier Militärzonen. Sie stehen nach einem Beschluss des Revolutionären Kommandorats, der höchsten Führungsinstanz, unter dem Befehl von Saddams Cousin Ali Hassan Majid und weiteren Vertrauensleuten. Die „Zentralregion“ mit Bagdad und Tikrit, der Geburtsstadt des irakischen Diktators, wir von dessen Sohn Kussai geführt. Ausbildung und Ausrüstungsstand von Saddams Soldaten gelten als nicht sehr beeindruckend; allein die mittlerweile im Umkreis von Bagdad konzentrierten Luftabwehr-Einheiten sind auch aus amerikanischer Sicht respektabel. Für eine längere Feldschlacht eignen sich die irakischen Streitkräfte aber nicht. In Saddams Armee spiegeln sich die ethnischen Zwiespältigkeiten der irakischen Gesellschaft wider. Sie bedingen die Unvorhersehbarkeit des tatsächlichen Einsatzwillens und der faktischen Kampfkraft der Soldaten zu einem großen Teil.

Ernster zu nehmen sind dagegen die Republikanischen Garden, eine Eliteeinheit, die 70000 bis 80000 Mann stark ist und die noch dazu am besten ausgerüstet ist. Die wenigen Berührungspunkte die es im letzten Irak-Krieg mit diesen Streitkräften gab, haben auf amerikanischer Seite zwar nicht den Eindruck hinterlassen, dass es sich um eine, an westlichen Standards gemessen, zur geordneten Kriegsführung geeignete Truppe handelt. Doch ihre Zähigkeit und Einsatzbereitschaft nötigt den Planern im Pentagon auch heute noch Respekt ab. Dies gilt insbesondere für die speziellen Republikanischen Garden, denen der Schutz von Bagdad und Saddam anvertraut ist. Diese Truppe, deren Größe auf zwischen 15000 und 20000 Mann geschätzt wird, ist eine Art Leibstandarte Saddam Husseins; einer seiner Söhne führt diese Treuesten der Treuen an.

Wille und Moral

Die alles entscheidende Frage, wenn es um Dauer und Schwere der kriegerischen Auseinandersetzung mit dem Irak geht, ist der Kampfeswille von Saddams Soldaten. Dass diese die übermächtigen US-Streitkräfte schlagen könnten, wird selbst Saddam nicht glauben. Doch wenn sie sich nicht wehrlos aufgeben oder rasch ergeben, können sie die amerikanische Kriegsführung durchaus empfindlich stören. In der Eröffnungsphase des Feldzugs wird es daher weniger entscheidend sein, wie viele und welche Ziele die amerikanische Luftwaffe zerstören kann, sondern wie sich die ersten Angriffswellen auf die Moral der Truppe auswirken. Verhöre von Gefangenen im letzten Irak-Krieg, aber auch nach dem Kosovo- oder dem Afghanistan-Feldzug haben ergeben, dass hierfür nicht etwa Hightech- und Präzisionswaffen den Ausschlag gegeben haben, sondern die psychologischen Auswirkungen des Dauerbeschusses. Saddams Streitkräfte tun dem Feind sicherlich nicht den Gefallen, massiert auf freier Fläche angreifbar und vernichtbar zu sein. Größere und leicht auszumachende Truppenkonzentrationen, so viel ist aus den Bewegungen der vergangenen Wochen erkennbar, wird es wohl nur dort geben, wo deren Bekämpfung eine unverhältnismäßig große Zahl an zivilen Opfern fordern würde.

Strategie und Taktik

Da die irakische Armee keine Chance hat, den amerikanischen Streitkräften in offener Feldschlacht zu trotzen, ist die vorhersehbare Strategie Saddams darauf gerichtet, selbst die zentralen Orte der Auseinandersetzung zu bestimmen. Im wesentlichen wird dies der Kampf um wenige große Städte wie Bagdad, Basra, Tikrit oder Mossul sein, bei denen die technische Überlegenheit des Angreifers nicht so sehr ins Gewicht fällt. Daneben ist aber auch mit Operationen zur Lähmung des gegnerischen Angriffs und zur Interferenz der Logistik zu rechnen. Möglicherweise werden dafür die schwachen Kräfte der regulären Streitkräfte geopfert und als Stolperdraht für den Gegner benutzt.

Sollte Saddam tatsächlich noch über Massenvernichtungswaffen verfügen, so würden sie einen ähnlichen Zweck erfüllen. Der irakische Diktator ist sich darüber im Klaren, dass er diese Waffen entweder benutzt, oder sie ihm abgenommen werden. Daher kämen sie eher zu Beginn der Kampfhandlungen zum Einsatz. Auch mit rein zerstörerischen Kampfhandlungen der Iraker ist zu rechnen: von Selbstzerstörungen der Ölförderkapazitäten bis hin zu Sprengungen im weit verzweigten Staudammsystem, insbesondere in der Euphrat-Ebene.

Kriegsentscheidend auf dem Schlachtfeld wird dies alles nicht sein, ebenso wenig wie der Versuch, die amerikanischen Streitkräfte in eine zähe Schlacht um einige Städte, inklusive aufreibenden Häuserkampfes, hineinzuziehen. Und Saddam wird versuchen, das Schlachtfeld in die amerikanischen und europäischen Wohnzimmer zu verlegen – über verheerende Kriegsbilder via Fernsehen. Sie sollen den Gegner wenn nicht demoralisieren, so doch vielleicht aufhalten.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!