Zeitung Heute : Bis zum nächsten Zug

Rainer Woratschka

Nach einer Vorentscheidung des Europäischen Gerichtshofs wird Deutschland wohl auch ein Tabakwerbeverbot einführen müssen. Könnte durch ein solches Verbot die Zahl der Raucher reduziert werden?


Die Tabakindustrie argumentiert raffiniert. Zigarettenwerbung diene im Grunde nur einem Zweck, behaupten ihre Lobbyisten: Sie solle Raucher veranlassen, die Marke zu wechseln. Insofern stärke sie nur den Wettbewerb zwischen bereits auf dem Markt befindlichen Produkten. Doch es gibt eine Menge Studien, die diese Behauptung widerlegen. Zigaretten zählen demnach zu den Erzeugnissen, bei denen die Markenloyalität am höchsten ist. Offenbar geht es der Tabakindustrie mit ihrer Werbung also um etwas ganz anderes: neue Raucher zu gewinnen.

Bei der Suche nach den Hauptadressaten ist ein Blick in die Statistik aufschlussreich. Nur jeder zehnte Raucher hat mit dem Qualmen erst als Erwachsener angefangen. 60 Prozent haben mit 13 Jahren erstmals zur Zigarette gegriffen, mehr als 90 Prozent vor Vollendung des 20. Lebensjahres. Laut Deutscher Krebshilfe liegt das Einstiegsalter schon bei 11,6 Jahren. Folglich zielt die Tabakwerbung offenbar vor allem auf eine ganz spezielle Gruppe ab, auf Jugendliche.

Die Tabakindustrie bestreitet das natürlich vehement und verweist gerne auf eine entsprechende Selbstverpflichtung. Zum Beispiel, dass bei der Werbung nicht mit Models unter 30 Jahren gearbeitet wird. „Selbst wenn das stimmt, jünger sehen die Models allemal aus“, sagt Eva Kalbheim von der Deutschen Krebshilfe. Außerdem würden Jugendideale wie Freiheit und Individualität transportiert. Das eigne sich ganz hervorragend, um Pubertierende anzusprechen.

Eine Probe aufs Exempel, im Internet: Auf der Website von Camel wird der Besucher gleich geduzt. Es gehe ums „Dabei- Sein“ ist dort zu lesen, und dass man noch einen Tag Zeit habe, „um an der aktuellen Spielrunde teilzunehmen“. Kein Wort über Zigaretten, alles nur Lifestyle und Fun: „Checke Interessen und Fotos, knüpfe neue Kontakte.“ „Finde Freunde auf deiner Wellenlänge, mit dem Friendfinder.“ Nicht gerade eine Werbung für gestandene Raucher über 30.

Hans-Ulrich Klör, Krebsexperte an der Uniklinik Gießen, sagt, das Tabakwerbeverbot wäre wichtig, um leicht beeinflussbare Jugendliche vom Einstieg abzuhalten. Laut Klör stieg der Raucheranteil bei 15- bis 19-Jährigen von 1992 bis 2003 von 18 auf 26 Prozent – der höchste Zuwachs aller Altersgruppen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung verweist hingegen darauf, dass der Anteil jugendlicher Raucher aktuell stark rückläufig ist – seit dem Höchststand im Jahr 2001 um fast 30 Prozent. Braucht es also doch kein Werbeverbot?

Im Kampf gegen das Rauchen hält die Deutsche Hauptstelle für Suchtgefahren dieses Mittel zwar für weniger effektiv als höhere Preise oder die Abschaffung von Zigarettenautomaten. Dennoch, für Jugendliche sei Werbung das Medium, heißt es bei der Krebshilfe. Insofern habe man kein Verständnis für die deutsche Haltung: „Die Regierung beweist damit, dass ihr wirtschaftliche Interessen wichtiger sind als die gesundheitlichen Belange der Bevölkerung.“

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