Bischöfe : 28 Männer und ein Kreuzweg

Bischöfe? Das sind Typen in Frauenkleidern. Den Kirchen laufen vor allem die männlichen Mitglieder weg - mangels guter Vorbilder. Das soll sich nun ändern

Claudia Keller

Es ist drei Uhr nachts, als die Männer die Fackeln anzünden. Der Vollmond ist hinter Wolken verschwunden, die Welt hat sich in den Radius des Fackelscheins zurückgezogen. Im gelblichen Licht werden auf den Holzkreuzen vor der Kapelle Namen sichtbar. Eugen Rossegger oder Maria Moosbauer heißen die Toten hier, im Allgäu. Als sie noch lebten, brauchten diese Menschen nachts keine Fackeln, da lagen sie nach einem harten Arbeitstag in ihren knarzenden Holzbetten, manchmal nur durch eine Wand aus Decken vom Vieh getrennt. „Was Männern Sinn gibt“, war noch nicht Thema von soziologischen Studien. Was Männern Sinn gab, war das seit hunderten Jahren tradierte Leben, der Kampf mit Regen und kargen Böden, mit Tierseuchen und Krankheiten, die über die Menschen kamen. Mannsein war etwas Selbstverständliches, das so fest in den Köpfen verankert war wie das Kruzifix überm Altar der Dorfkirche.

„Nachts ist der Schmerz am stärksten“, sagt Jürgen Haindl. Zwischen drei und vier Uhr, wenn es still ist und man nur das eigene Herz pochen hört, dann kommt in Haindl hoch, was er sonst verdrängt. Wie er vor fünf Jahren morgens im Schlafzimmer stand, in den Spiegel starrte und nichts mehr ging. Er konnte die Zähne nicht putzen, sich nicht anziehen, alles an ihm war wie gefroren. „Ich kann nicht mehr“, sagte er zu seiner Frau. Da war er 36 Jahre alt.

Das Thermometer an einer Hauswand zeigt vier Grad minus. Schneegraupel bleiben an Haindls Dreitagebart hängen. Er zieht die Kapuze der Jacke über den Kopf und zurrt die Riemen des Rucksacks fester. Eine Thermoskanne mit Gemüsebrühe trägt er mit sich, belegte Brote. Er würde jetzt gerne ein bisschen langsamer gehen. Die Müdigkeit kriecht in die Muskeln, und es ist noch weit. Aber die Gruppe bestimmt das Tempo. Die Gruppe, das sind 28 Männer, die sich am Vorabend um halb elf in Fischen im Allgäu auf den Weg gemacht haben. Es ist die Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag. Vorneweg läuft Gerhard Kahl. Er ist im Bistum Augsburg zuständig für die Männerseelsorge und „spirituelle Outdoor-Veranstaltungen“. Er hat die nächtliche Kreuzwegswanderung organisiert, weil er gelernt hat, dass Männern sowas gefällt und dass sich dadurch selbst die für Kirche begeistern lassen, die denken, Glaube sei was für Weicheier. Und außerdem: Mose saß auch nicht in der Stube, als ihm Gott erschien. Er stand draußen, vor dem brennenden Dornbusch.

20 Kilometer haben sie vor sich, Berge, Täler, Schnee und Matsch. Der Jüngste ist 33 Jahre alt, der Älteste 73. Die meisten sind zwischen 40 und 50. Sie sind Wirtschaftsinformatiker und Landwirte, Ingenieure und Techniker. Von der Wanderung haben die meisten durch Zufall erfahren.Manche sind gläubig, die meisten suchen das Abenteuer und ein bisschen auch sich selbst. „Stille“, „zu mir kommen“, „Einkehr“. Denn vieles ist unklar geworden im Leben von Männern. „Männlichkeit“, sagt Jürgen Haindl, „ich weiß eigentlich gar nicht, was das ist.“

Männlichkeit, so scheint es, ist eine riskante Eigenschaft geworden. Männer leben im Durchschnitt sieben Jahre kürzer, drei Viertel aller Selbstmörder sind Männer, auch die meisten Mordopfer. Zwei Drittel der Schulklassenwiederholer sind Jungs. Lehrer, Politiker und Unternehmer reden neuerdings viel davon, dass jetzt die Jungs dran seien, nachdem lange Mädchen und Frauen gefördert wurden.

Auch in den Kirchen entdeckt man die Männer. Vor allem entdeckt man, dass sie scharenweise davonlaufen. „Gerade bei den 25- bis 35-Jährigen gibt es enorme Einbrüche“, sagt Martin Rosowski, der bei der Evangelischen Kirche in Deutschland die „Männerarbeit“ leitet. Zwei von drei Gottesdienstbesuchern sind heute Frauen und 70 Prozent der Ehrenamtlichen. Männer zapfen beim Gemeindefest das Bier, ansonsten kommen sie in den Kirchen fast nur noch als Pfarrer und Funktionäre vor. Und selbst die sind keine richtigen Männer mehr, sagt Rosowski. „Knorrige Typen?“ Fehlanzeige. Und die katholischen Bischöfe seien doch auch nur Männer in Frauenkleidern.

Eine Studie der Universität Bayreuth im Auftrag der evangelischen und der katholischen Kirche untersuchte vor drei Jahren, „was Männern Sinn gibt“. Der Befund war für die Kirchen erschütternd: Die christlichen Gemeinschaften spielen im Leben der Männer keine Rolle. Predigten erfahren Männer als „phrasenhaft“, „lebensfern“ und „belehrend“, Gesänge, Gebete und der allzeit „liebe“ Gott sind „was für Frauen und Kinder“. An einen personalen Gott, der sich in Jesus manifestierte, kann kaum einer glauben. Allenfalls die Nächstenliebe halten die Befragten für wichtig, als sozialen Kitt.

„Die Männer haben aber durchaus was übrig für Spiritualität und Religion“, hatte Gerhard Kahl am Abend in Fischen gesagt, bevor alle lange Unterhosen angezogen haben. Aber Männer setzen sich dafür nicht in Bibelkreise, sondern steigen auf einen Berg. Kahl ist 41 Jahre alt, groß, schlank und blond. Auf der Nase sitzt eine dezente Brille mit Goldrand. Hinter ihm hört er jetzt die Schritte von schweren Stiefeln, jemand schneuzt sich. Ansonsten ist es still. Es ist bald vier Uhr. Von eins bis fünf hat er den Männern Schweigen verordnet. Denn während Frauen im Gespräch mit anderen Frauen zu sich selbst fänden, seien Männer froh, wenn sie die Klappe halten können. Leistung und Wettkampf, die Natur, Abenteuer oder wenigstens die sportliche Herausforderung, das ist es, wonach sich Männer sehnen. Das können wir als Kirche doch auch, dachte sich Gerhard Kahl und organisiert nun spirituelle Nachtwanderungen, Pilgertouren und Segeltörns. Die Natur als Biotop des Glaubens.

Auch in anderen katholischen Bistümern und evangelischen Landeskirchen wird „Männerarbeit“ seit ein paar Jahren groß geschrieben. Es gibt Tagungen, Männerrunden und ein Männergebetsbuch, das „Krafträume“ heißt. Die evangelische Kirche gibt die Zeitschrift „Männerforum“ heraus, in der es um den „Zeugungsstreik“ der Männer genauso geht wie um rechtsradikale Jugendliche oder das „Hotel Mama“. Bei den Katholiken erscheint monatlich „Mann aktuell“. Wo steht der Mann? Welche Rolle soll er spielen in der Partnerschaft, bei der Erziehung, im Beruf? Blättert man in den Zeitschriften, ahnt man, wie tief verunsichert das „starke“ Geschlecht ist.

Auf einem Hügel heben sich die Umrisse einer Kapelle vom Nachthimmel ab. Kahl wartet, bis alle oben angelangt sind. Dann zieht er einen langen Schlüssel aus der Tasche, schließt auf und knipst das Licht an. Die Männer ziehen die Mützen ab, setzen sich in die Bänke und trinken heißen Tee aus ihren Thermoskannen. Kahl stimmt einen Refrain an: „Du führst mich hinaus ins Weite. Du machst meine Finsternis hell.“ Viele singen mit, ein paar schließen die Augen.

Jede Stunde macht die Gruppe in einer anderen Kapelle Station. Um eins rasteten die Männer in einem Kirchlein, in dem ein leidender Jesus mit klaffenden Wunden am Kreuz hängt. Das Blut strömt in kräftigen Holzstrahlen und wird von pausbäckigen Engeln aufgefangen. „Für was fließt mein Herzblut“, fragte Kahl und deutet auf das Kruzifix. „Was ist mir wichtig im Leben?“ Niemand brauchte zu antworten. Es soll nur eine Anregung zum Nachdenken sein. Bloß nicht missionieren, auch das hat Kahl gelernt. Wenn die Männer auch nur ahnen, dass man sie belehren will, machen sie zu.

Was wichtig ist in seinem Leben? Früher hatte sich Jürgen Haindl das nie gefragt. Immer nur gemacht, was andere von ihm wollten. Entwurfskonstrukteur, das wollten die Eltern. Er hat’s gelernt und 50, 60 Stunden geackert in der Woche. Dann noch der Hausbau. Und immer die Mutter mit ihrer Angst. Die hat sie ihm anerzogen. Der Vater war auf Reisen. Aber Frauen können Jungen keine Männlichkeit beibringen. Das weiß er jetzt. Immer einfach weiter gemacht, bloß keinen Schmerz zeigen. Viele Jahre ging das so. Kein Ausgleich. Keine Balance. Bis er nicht mehr konnte. Burnout. Die Panik damals bei dem Zusammenbruch, die das Hirn zusammenzog, bis er nicht mehr denken konnte. Der Rhythmus der Schritte beruhigt. Einszwei, einszwei. Alleinsein – und doch sind die anderen um einen herum. Das tut gut. Laufen, laufen, nur laufen. Die Zeit dehnt sich wie Hefeteig. Die Gedanken kommen und gehen.

In einer anderen Kapelle sagt Kahl, dass er es schön fände, wenn sich alle um den Altar versammelten. Dann strecken die Männer die Arme nach oben, zur Seite und nach unten auf den Boden. Kahl spricht dazu mit dunkler Stimme, langsam und im Rhythmus der Bewegung: „Ich strecke mich aus nach dem Himmel. Ich bin ganz bei mir. Ich schaue auf das, was mir lieb ist. All das muss ich loslassen, spätestens im Tod.“ Alle machen mit. Jürgen Haindl ist müde und zugleich hellwach. Vielleicht ein bisschen albern diese Übung. Aber naja, warum nicht. Bei anderen Wanderungen bittet Kahl die Männer auch mal, sich flach und mit ausgebreiteten Armen auf den Kapellenboden zu legen und zu beten. Denn Männer bräuchten herbe Gesten, nicht dieses feminisierte Zeug. Die Übung in der Kapelle habe ihm gefallen, sagt ein Wanderer später. Nachts, in der Kapelle, das habe außerdem etwas „Mystisches“.

Der schmale Weg bis zur letzten Kapelle in Langenwang windet sich hoch und runter, über Schnee, Wurzeln und Steine. Dort, wo die Fackeln nicht hinleuchten, haben sich einige Männer Stirnlampen über die Mütze gezogen. Es fängt an zu schneien. Selbst wer wollte, würde jetzt keine Abkürzung finden. Aber schummeln gilt sowieso nicht. Jesus hat schließlich auch das Kreuz geschleppt bis zum Schluss. Es ist kein Zufall, dass Kahl die Männer ausgerechnet in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag zum Wandern eingeladen hat. Das mit dem Kreuz, das fasziniert Männer. Dass da einer Verantwortung übernommen und gekämpft hat, allein gegen die Welt.

In der Reha-Klinik, in der Jürgen Haindl nach seinem Zusammenbruch war, haben sie ihm auch von einer höheren Macht erzählt, obwohl es kein christliches Krankenhaus war. Er sollte nicht denken, dass er alles selbst machen müsse. Da sei noch eine höhere Instanz, die ihm helfe. Das habe sich gut angefühlt, entlastend. Haindl hat dann seinen Job gekündigt, er hat studiert und ist nun Maschinenbautechniker, was er immer schon machen wollte. Er hat angefangen, öfter mal alleine loszuziehen, nur für sich zu pilgern.

In der letzten Kapelle hatten ein paar die Augen zugemacht, und es sah mehr nach Sekundenschlaf aus als nach Meditation. Sich aufzuraffen, wieder raus, wieder weiter, es fällt immer schwerer. Nach und nach treten Bäume, Sträucher und ein Fluss aus der Dämmerung hervor. „Hätte nicht gedacht, dass das so anstrengend ist“, sagt einer. „Da ist man schon stolz auf sich.“ Es ist halb sieben. Im Pfarrheim neben der Volksbank in Fischen warten Kaffee und Brötchen. Viele würden gerne gleich dorthin. Aber erst geht es in die Kirche, noch einmal versammeln sich die Männer um den Altar. Sie sollen sich gegenseitig segnen. Vor acht Stunden, bei der Vorstellungsrunde, hatte jeder vor sich hingestarrt, breitbeinig dagestanden und mit unsicheren, holprigen Sätzen davon gesprochen, wer er sei und warum er mitkomme. Nun berühren sie den Nachbar wie selbstverständlich.

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