Zeitung Heute : Bitte recht freundlich

Gaddafis Gesandte wird Hüterin der Menschenrechte

Jan Dirk Herbermann[Genf]

Unter der Schirmmütze quellen die schwarzen Locken hervor, im Hintergrund liegt ein Kriegsschiff vor Anker. Das großformatige Foto von Muammar Gaddafi prangt hinter dem Schreibtisch. Die Frau, die hier sitzt, hat warme Augen, glänzende, schwarze Haare, eine sanfte Stimme und ein immer liebenswürdiges Lächeln. Komplimente nimmt sie routiniert entgegen. Sie weiß, wie sie wirkt.

Aus den Lautsprecherboxen in den Ecken des Büros tönt eine Chopin-Sonate. „Ja, ich höre immer Musik bei der Arbeit“, sagt sie. „Natürlich habe ich auch einen deutschen Lieblingskomponisten: Beethoven.“ Wäre diese Frau eine Verkäuferin, sie könnte alles loswerden.

Von heute an wird Najat Al-Hajjaji, die Uno-Botschafterin Muammar Al-Gaddafis in Genf, jedoch mehr als Charme und Schönheit ausspielen müssen: Die Gesandte des libyschen Herrschers übernimmt den Vorsitz der Menschenrechtskommission in der Völkergemeinschaft – umtobt von einem Sturm der Entrüstung. Oberst Gaddafi, der Despot von Tripolis, der vielfach als Förderer von Terroristen Beschuldigte – jetzt plötzlich oberster Hüter der Menschenrechte? Organisationen wie Human Rights Watch schlagen Alarm.

Gaddafis Frau in Genf versteht die Aufregung nicht. Natürlich, räumt sie ein, „ gibt es einige Fälle von individuellen Verletzungen der Menschenrechte in meinem Land“, während sie mit Daumen und Zeigefinger den Henkel der Kaffeetasse hält. Allerdings sei „Bruder Muammars“ Reich frei von „systematischen und bewussten“ Verstößen.

Gaddafi müht sich seit geraumer Zeit, aus seiner Schmuddelecke herauszukommen. So verurteilte er die Anschläge vom 11.September, umwirbt Terroropfer mit finanziellen Entschädigungen und öffnet die Tore für politische Gefangene. „Fast gewinnt man den Eindruck, Gaddafi wolle sich mal wieder neu erfinden“, sagt ein westlicher Botschafter bei den Vereinten Nationen. Und jetzt auch noch der Coup mit der 48-jährigen Najat Al-Hajjaji. In den Korridoren des Völkerbundpalastes, dort, wo die Menschenrechtskommission tagt, findet mancher sogar Töne eines gewissen klammheimlichen Respekts für Gaddafi. „Dass der seine Botschafterin hier in der Kommission durchgesetzt hat, das war schon ein Husarenstück“, sagt ein Offizieller bei den Vereinten Nationen. Denn die Amerikaner versuchten vehement, die Libyerin als Vorsitzende dieses Gremiums zu verhindern. Es half wenig. Nur drei der 53 Mitgliedsländer votierten am Ende gegen die Libyerin als Vorsitzende der Kommission. Experten wie Kenneth Roth, der Direktor von Human Rights Watch, glauben auch den Grund für die Niederlage der Amerikaner zu kennen: Da seien wohl nicht wenige Petrodollar geflossen.

Nach der Entscheidung gab sich der US-Botschafter Kevin Moley jedoch als guter Verlierer: „Mit Frau Al-Hajjaji als Person kommen wir klar.“ Die ehemalige Journalistin weiß Stimmungen zu erfühlen, immer die passenden Worte zu finden. „Was auch geschehen ist, ich blicke nach vorne“, beteuert sie, wenn sie auf ihre Widersacher in Washington angesprochen wird. „Ich freue mich, mit allen Mitgliedern zusammenzuarbeiten.“

Die Diplomatin kennt Gaddafi sehr gut: Oft besucht sie ihn in seinem Zelt, schließlich ist sie die – geschiedene – Frau eines seiner Cousins. In der Uno-Stadt Genf ist Gaddafis Geheimwaffe eine feste Größe. 1992 kam sie an die libysche Botschaft, arbeitete sich hoch. Sie kniete sich insbesondere in die Arbeit der Menschenrechtskommission hinein. Dabei erkannte sie allerdings sehr schnell die Machtlosigkeit der Instanz. Übeltäter werden zwar oft angeprangert, Sanktionen brauchen sie aber nicht zu fürchten. Immerhin, so glaubt Al-Hajjaji, könnte ihre Arbeit helfen, die Situation im Reich Gaddafis zu verbessern. Und das wäre ja kein kleiner Erfolg.

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