Zeitung Heute : Bittere Lektionen für Telekom-Konzerne

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Von Almar Latour

Die Aktienkurse der europäischen Telefongesellschaften sprechen eine deutliche Sprache: Telekom-Unternehmen, die ihre Chefs rechtzeitig vor die Tür setzten und die alten Strategien über den Haufen warfen, fahren nun die Ernte ein. Großbritanniens BT Group stand ebenso wie die niederländische KPN oder die finnische Sonera knapp vor dem Schuldenkollaps. Doch die Aktien der drei Unternehmen haben sich erholt, seitdem die Konzernspitzen ausgetauscht und die ehrgeizigen Strategien zurückgestutzt wurden. Allesamt schlugen seither den Vergleichsindex des Telekom-Sektors. Bei den Papieren von BT und KPN ging es seit dem Führungswechsel rapide aufwärts, während sich die Sonera-Aktie immerhin stabilisieren konnte.

France Télécom und die Deutsche Telekom haben dagegen wenig für den Abbau ihrer Schulden getan und lehnen Änderungen an der Unternehmensspitze nach wie vor ab. Ihre Aktienkurse haben seit Jahresbeginn empfindlich gelitten. „Diejenigen, die damals zum Umbau gezwungen wurden, profitieren jetzt“, sagt Raj Karia, Telekom-Analyst bei Cannacord Capital. „Wer Schulden abbauen und den Cash Flow verbessern will, muss Anlagevermögen verkaufen, die Kosten senken und ein transparentes Geschäftsmodell präsentieren. Neue Manager sind dabei glaubwürdiger, das wird auch die Deutsche Telekom bald einsehen“, meint Karia.

Wenig Nachsicht mit den Chefs

In anderen Sparten sind die europäischen Firmen weniger nachsichtig mit den Unternehmenschefs, wenn die Zahlen enttäuschen. Nach einer Studie des Marktforschers Booz Allen Hamilton werden erfolglose Vorstände in Europa sogar schneller entlassen als in Nordamerika. Erst am vergangenen Dienstag musste Donal Geaney, Vorstandschef des irischen Arzneimittelherstellers Elan, seinen Hut nehmen, als das Unternehmen nach undurchsichtiger Buchführung und sinkenden Aktienkursen das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen wollte.

Europas Telekom-Unternehmen haben sich enorm verschuldet, um neue Technologien und Akquisitionen zu bezahlen. Im Zusammenhang mit der neuen Mobilfunkgeneration UMTS wurden in den letzten Jahren mehr als 150 Milliarden Euro für Betreiberlizenzen und Ausrüstung ausgegeben. Die meisten Versuche, durch massive Unternehmenskäufe zu mächtigen Marktgrößen zu wachsen, erfolgten inmitten der Internet-Hysterie und damit zu Rekordpreisen. Als den Aktien dann die Luft ausging, forderten die Aktionäre den Abbau der Schulden, um Schlimmeres zu vermeiden. Wer dieser Forderung nicht nachkam, den haben die Anleger abgestraft. Doch für die Aktionäre ist ein Wechsel in der Unternehmensführung kein Selbstzweck: Viel mehr ermutigt sie die damit einhergehende Atempause, in der das bedrängte Unternehmen neue Ziele ins Auge fasst und unpopuläre Maßnahmen wie Schließungen oder den Verkauf verlustbringender Sparten durchsetzen kann.

Als erstes Unternehmen des Sektors beugte sich British Telecom dem Druck der Aktionäre, nachdem man bis zum Frühjahr 2001 einen Schuldenberg von über 46 Millionen Euro angehäuft hatte. Der damalige Unternehmenschef wurde durch den einstigen Chairman der BBC, Sir Christopher Bland, ersetzt, der rigoros neu strukturierte: BT trennte sich gleich von mehreren Tochterfirmen, darunter von solchen in Japan und Spanien sowie von einem Unternehmen für Telefonregister. Durch die Ausgabe neuer Aktien wurden 5,9 Milliarden Pfund eingenommen. Im Januar wurde Ben Verwaayen zum neuen Vorstandschef berufen. Seitdem steigt die Aktie und lässt den Branchendurchschnitt weit hinter sich. „BT hat früh gehandelt und konnte so den schlimmsten Folgen des Dot-Com-Debakels aus dem Weg gehen“, sagt Tim Johns, der Sprecher von BT Group. „Unsere Schritte waren drastisch. Die Entflechtungen erfolgten rasch und bei unseren Verkäufen haben wir noch gut verdient.“

Einige der ehemaligen Telefon-Monopolisten nahmen sich die BT-Strategie zum Vorbild: Die finnische Sonera, die in den vorangegangenen Jahren massiv expandierte und gleich in mehreren europäischen Märkten UMTS-Lizenzen erworben hatte, holte sich mit Harri Kopponen einen neuen Vorstandschef an die Spitze. Der bis dahin kaum bekannte ehemalige Ericsson-Manager setzte den Rotstift an und drohte den defizitären Einheiten mit Schließung oder Verkauf. Die Aktionäre konnte er von einer Neuausgabe von Aktien im Zeichnungswert von einer Milliarde Euro überzeugen. Seit Kopponens Amtsantritt bewegt sich das Sonera-Papier um die Marke von vier Euro und hat den krisengeschüttelten Sektor damit abgehängt.

Sparkurs bei KPN zahlt sich aus

Auch die niederländische KPN galt noch im August 2001 als Kandidat für die Insolvenz. Die Verhandlungen über einen Zusammenschluss mit Belgiens Belgacom waren gescheitert und die Aktie ging zum Sinkflug über. Der damalige Unternehmenschef gestand, dass der Gesellschaft in den kommenden elf Monaten das Geld ausgehen würde. Doch dann erschien ein neuer Mann am Steuer: Ad Scheepbouwer, ein Management-Autodidakt, der selten zum Spaßen aufgelegt ist und den Ruf des Kostensenkers hat. Bereits in der ersten Woche seiner Amtszeit kündigte Scheepbouwer Entlassungen und den Verkauf einiger nicht zum Kerngeschäft gehörender Unternehmensteile an. Die leeren Kassen füllte er, indem er weitere Anteile an die Börse brachte. Sein Sparkurs machte vor nichts Halt: Von den Zuschüssen für die Betriebskantine bis hin zu den Kosten für Büromittel reichten seine Streichungen. Seit dem Beginn der Maßnahmen im September 2001 hat sich die KPN-Aktie von zwei Euro auf 4,7 Euro erholt.

Bei France Télécom und der Deutschen Telekom vertröstete man die auf einen Schuldenabbau drängenden Anleger in nahezu gleicher Manier: Mit einem erhobenen Zeigefinger und der Erklärung, dass es bei der Rückzahlung der Verbindlichkeiten dank der Stärke des einheimischen Festnetz-Geschäfts keine Probleme gäbe. Die Spekulationen über einen Rücktritt von Ron Sommer wies Telekom-Sprecher Hans Ehnert bis zuletzt zurück: „Warum sollte er?“, fragt Ehnert. „Er hat das Unternehmen auf den richtigen Weg gebracht. Mit der Gesellschaft geht es aufwärts, sie ist in dem schwierigen Marktumfeld bestens positioniert. Wir haben eine Menge Schulden, doch die sind eine Investition in die Zukunft."

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