Zeitung Heute : Bittere Schokolade probieren

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Der Sonntag ist der beste aller Tage, sich der Kunst des „dolce vita“ anzunähern, sie zu pflegen oder zu trainieren, je nach Mentalität. Da trifft es sich gut, dass derzeit unter diesem Titel ein Festival italienischer Kultur und Lebensart in der Stadt gefeiert wird. „Dolce“ meint in diesem Zusammenhang nicht zuckersüß, nicht reibungsfrei, nicht einfach nur zurücklegen und sich von WellnessRezepten weichspülen lassen. Es hat auch diesen Aspekt von bitterer Schokolade, süß wohl, aber mit einem Hauch Ernst dabei. Das kann Dekadenz, aber auch Überwindung sein. Es meint die hellen Farben des Sommers, aber auch die dunklen Seiten des Lebens, die man heller leben kann. Wenn man die richtige Einstellung hat.

Um das zu verstehen, müssen wir uns mal mitten hineinbegeben. Hoch über dem Hausvogteiplatz liegt die Wohnung von Ugo Perone, dem Leiter des italienischen Kulturinstituts, der gleichzeitig die Seele des Festivals ist. Er hatte die Idee, den Brunnen unten vorm Haus von Anita Ekberg taufen zu lassen, die in Fellinis Film „La dolce vita“ 1959 in der Fontana di Trevi ein Bad nahm, das Film-Legende geworden ist. Die Magie von Glamour und Verfall schuf einen Mythos, der sich bis heute hielt. Am Vorabend zum Festival-Auftakt ist die einst so gefeierte Hauptdarstellerin zum Familienessen eingeladen. Alle rechnen mit Überraschungen. Eine Diva mit der Aura von leicht verblichenem Ruhm muss eigentlich schwierig sein. Aber als sie dann erscheint, ganz in Schwarz, mit interessanten goldenen Ketten und zurückgekämmtem, im 72sten Lebensjahr noch immer vollem Haar, kommt die andere Seite des Ruhms schnell zum Zuge. Sie steht immer im Mittelpunkt, ist ständig mit erwartungsvollen und kritischen Blicken konfrontiert. Dagegen hilft offensichtlich nur eins: die gnadenlose Offensive. Erst den charmanten Sohn der Familie löchern. Was studiert er? Wo? Hat er eine Verlobte? Und wo verbringt er am liebsten seine Ferien?

Anita Ekberg lässt keine Pause aufkommen. Lobt die köstlich duftende Lasagne und erklärt, warum man in manchen Ländern immer einen Rest auf dem Teller zurücklassen muss (was sie tut), erklärt dem einzigen deutschen Gast, was ein Milchlamm-Braten für die Römer bedeutet. Erzählt freimütig, dass sie kaum einen ihrer Filme je gesehen hat, weil sie immer schon woanders einen neuen drehte, wenn der letzte in die Kinos kam. Und dass sie „La dolce vita“ nicht mehr hören kann, da hat es in ihrem Leben einfach zu viel Rummel drum gegeben. Trotzdem tritt sie geduldig mit dem Botschafter auf den Balkon und guckt sich den Brunnen an, den sie da taufen soll. Sie braucht geraume Zeit, die Städte aufzuzählen, die sie gesehen hat. Was soll daran schlimm sein, dass sie noch nie zuvor in Berlin war? Jetzt ist sie ja da.

Sonntag ist der Tag, an dem man sich Zeit nehmen kann, etwas zu sehen, richtig zu sehen. Dann ist die süß verbrachte Zeit nicht vertane Zeit. Die Schauspielerin hat sich ihr Abendessen verdient. Hat ein gutes Schauspiel gegeben gegen jeden Neid auf das vermeintlich durch und durch süße Glamourleben eines Filmstars. Die Scheinwerferstunden mögen heller sein als im normalen Leben – dafür sind aber die Schatten auch tiefer. Bittere Schokolade eben.

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