Zeitung Heute : Black Rider

Der Tagesspiegel

Von Jana Simon, New York

Bennie Miller ist 90. Er trägt einen schwarzen breitkrempigen Hut. Um seine schmalen Hüften hat er einen dicken Gürtel mit goldverzierter Schnalle gelegt. In seinem Kleiderschrank ganz unten links warten zwei Paar Stiefel, die zu den Zehen hin immer spitzer werden. Er setzt sich aufs Bett und zieht sie sich mit einen schwachen Seufzer über die Fußgelenke. „Der Rücken“, sagt er und deutet mit dem Zeigefinger über seine Schultern. Das war das Pferd, das ihn in den 30er Jahren besonders stürmisch in den Dreck geschleudert hat. Die vielen Verletzungen von verschiedenen Gäulen haben ihm im Alter die Wirbelsäule gekrümmt. Miller tritt vor den Spiegel im Schlafzimmer, zieht sein Halstuch gerade, betrachtet sein Ebenbild und nickt sich zufrieden zu. Bennie Miller hat sich nicht verkleidet, er ist ein Cowboy. Und er lebt in New York.

An den Wänden seiner Wohnung in Harlem hängen die alten Schwarz-Weiß- Fotos von Rodeo-Weltmeisterschaften. Er schreitet sie ab wie ein Museumsdirektor, der seine besten Stücke präsentiert. Vor jedem Bild bleibt er stehen, verschränkt die Arme und fragt: „Finden Sie mich?“ Er formuliert routiniert, er hat die Frage schon oft gestellt. Und er lächelt jedes Mal, wenn sein Gegenüber mit dem Finger auf das einzige schwarze Gesicht zwischen all den weißen Männern zeigt. Cowboys sehen im Gedächtnis der meisten Menschen aus wie John Wayne, rauchen auf Lungenkrebs, machen Lagerfeuer, reiten durch die Prärie, betrinken sich in Saloons, duellieren sich auf staubigen Straßen. Sie sind ein Mythos. Sie sind Marlboro Country. Sie wohnen niemals in der Stadt. Und sie sind immer weiß.

Gerade haben die Amerikaner entdeckt, dass sie auch schwarze Schauspieler mit Oscars auszeichnen können. Wild-West-Filme bekommen keine Oscars, und schwarze Cowboys kennt niemand, bis heute spielen sie im Western fast immer nur kleine Nebenrollen. „Dabei war jeder dritte Cowboy schwarz“, sagt Bennie Miller leise und lächelt. Es ist ein sanftes Lächeln, es wirkt, als hätte er der Menschheit ihre Unwissenheit verziehen. Er sitzt an dem großen Tisch in seiner Küche und verschwindet fast hinter der wuchtigen Holzplatte. Sein Körper ist schmal geworden über die Jahre, die Stimme leise. Es stört ihn ein bisschen, dass er nicht mehr so in Form ist wie früher, aber er würde nie über seine Gebrechen klagen. In seine Gesichtzüge hat sich ein Lächeln gegraben, das nicht mehr verschwinden will. Es wirkt, als habe er sich irgendwann entschieden, das Leben gut zu finden, egal was passiert.

Sie heißen „Heat“ und „Terrible“

Vor ihm auf dem Tisch liegen alte Zeitungen und ein paar Papiere, ein schwarzes Telefon mit Wählscheibe steht daneben. Aus dem Radio dringt Countrymusik. Es läuft die ganze Zeit. Die Wohnung ist seltsam leer. Die Fotos an den Wänden und der Fernseher mit Videorekorder scheinen die einzigen Reichtümer seines 90-jährigen Lebens zu sein. Und es ist sehr sauber, alle paar Tage putzt Bennie Miller. Die Fenster in der Küche hat er mit Pappe verdunkelt, das Neonlicht wirft diffuse Schatten. Es ist heiß in seiner Wohnung, die Heizung lässt sich nicht runterdrehen, so dass auch im Winter ein Ventilator kühle Luft in Millers Richtung bläst.

Der alte Mann hat die Hände auf seinem Schoß ineinander gefaltet, beugt sich nach vorn, er erzählt von der Vergangenheit, dem Wilden Westen und was davon geblieben ist. Heute ist er ein Cowboy in New York ohne Kühe und ohne Pferde. „Petty“, sein Letztes, hat er vor ein paar Jahren verkauft. Es war zu teuer, und er konnte sich nicht mehr auf dessen Rücken halten, weil ihm schon beim Laufen alles schmerzt. Ab und zu lassen ihn seine Freunde von der „Federation of Black Cowboys“ auf einem Gaul reiten, nur kurz. Viel zu kurz. „Der ist dann alt und langsam wie ich“, sagt Bennie Miller. Es reicht gerade, dass er die Sehnsucht wieder spüren kann. Die Sehnsucht danach, ein Pferd zu trainieren, zu lenken, „es zu beherrschen“, wie er es nennt. Die Sehnsucht danach, die Welt von oben, vom Rücken eines wilden Tieres zu betrachten, scheinbar losgelöst von irdischen Sorgen. Es ist die kurze Illusion von Freiheit. Bennie Miller kann sich anziehen wie ein Cowboy, so laufen wie einer, so reden, aber er kann nicht mehr reiten. Das Alter ist der schlimmste Feind der Cowboys. Und Miller möchte nicht, dass es vorbei ist.

Jeden Dienstagabend fährt er anderthalb Stunden durch die Stadt nach Brooklyn. Auf die Ranch. Sie liegt eingeklemmt zwischen zwei Schnellstraßen auf einer modrigen Wiese, gegenüber stehen Hochhäuser, die an Bukarest in den 70er Jahren erinnern, und darüber setzen Flugzeuge zur Landung an. Es ist die Zentrale der schwarzen Cowboys von New York. Sie sind die einzigen in den USA, die sich zu einem Verband zusammengeschlossen haben. Es sind ungefähr 50 Männer, die aussehen, als hätten sie viel Zeit in Fitnessstudios verbracht, und die Namen tragen wie: „Heat“, „Terrible“ „Bam Bam“. Bennie Miller wird von allen nur „Tex“ genannt, weil er in den 30er Jahren aus Texas nach New York gezogen ist.

Die Ställe bestehen aus Holzresten, nebenan im Clubhaus hocken sie um einen großen grün lackierten Tisch, blättern in Zeitschriften für Cowboybedürfnisse, die Lassos Marke „Predator“ und Sättel in verschiedenen Ausführungen anbieten, reden über die Lebensdauer von Hufbeschlägen, welches Pferd gerade krank ist, wer wo wie gut geritten ist, über Geld, wovon sie immer zu wenig haben, und natürlich über ihre weißen Nachbarn.

Die schwarzen Cowboys haben ihre Ranch in Howard Beach gebaut, im Einflussgebiet von John Gotti, dem Mafiapaten. Der sitzt zwar im Gefängnis, aber sein Geist lebt im Viertel weiter. Hier sind die Rasenkanten exakt rasiert, die Blumen wachsen so gerade, als hätte ihnen jemand „Stillgestanden“ zugerufen. Die amerikanische Flagge weht in jedem Vorgarten. Im selbsterschaffenen Idyll mag man keine Fremden. Die weißen Anwohner beschweren sich bei ihren Kongressabgeordneten und bei den Zeitungen, dass die schwarzen Cowboys Bäume abgeholzt, Vögel vertrieben und ohne Genehmigung gebaut hätten. Wahrscheinlich haben sie sogar Recht. Curly Hall, der Vizepräsident, sagt: „Wir wollten doch nur Gutes. Früher war das eine verdreckte Wiese voller Stechmücken.“ Womit er wahrscheinlich auch Recht hat.

In der Satzung der Black Cowboys heißt es: „Die Föderation der schwarzen Cowboys ist eine Organisation von Afroamerikanern, die sich für die Verbreitung der Kultur und der Geschichte von Amerikas vergessenen schwarzen Cowboys einsetzt.“ Sie treten vor Schulklassen auf und auf Straßenfesten, sie reiten über den Grünstreifen zwischen den Schnellstraßen und stellen sich vor, es wäre die Prärie. An den Wänden ihres Clubhauses hängen die Helden der Vergangenheit, Bill Pickett zum Beispiel, der schwarze Cowboy, der das Rodeo erfunden haben solI. Bevor es die Weißen für sich beanspruchten.

Die Geschichte der schwarzen Cowboys ist auch eine Geschichte der Unterdrückung. Curly Hall erzählt, noch zu Zeiten der Sklaverei hätten die Herren ihre schwarzen Sklaven die Kühe zusammentreiben lassen und dann gesagt: „Das sind meine Cowboys.“ Demnach wäre der erste Cowboy ein Schwarzer gewesen. Immer wenn die Zeit kam, Geld zu verdienen, sahen die Schwarzen den Weißen dabei zu, wie sie die Dollarnoten nach Hause trugen. Das Prinzip blieb gleich, ob bei den Rodeos, den Wildwest-Shows oder den Filmen: Erst waren die Schwarzen dabei, dann wurde etwas populär, sie wurden herausgedrängt und schließlich vergessen. Es gibt kaum einen Cowboyfilm, in dem ein Schwarzer auf seinem Pferd der Abendsonne entgegentrabt.

Acht lange Sekunden

Nur Bennie Miller durfte einmal einen Schauspieler doubeln, der nicht reiten konnte. Das war in den 30er Jahren. Dass jemand nicht reiten kann, versetzt Bennie Miller noch heute in ungläubiges Erstaunen. Eigentlich ist es das Schlimmste, was man in Cowboy-Kreisen über einen Menschen sagen kann. Es klingt wie: „Der taugt nichts.“

Sie sind Besitzer von Baufirmen, Tischler oder Polizisten, die sich nach Feierabend und an den Wochenenden in eine andere Welt träumen. In einer Umgebung voller Autos, Hektik, Alltagsstress erscheint der Wilde Westen wie ein ferner Ort der Freiheit. Und alle verehren sie Bennie Miller, den ältesten schwarzen Cowboy New Yorks. Er hat das Ende der glorreichen Zeit noch miterlebt und noch nie ein Verbandstreffen versäumt. Jetzt steht er in seinem Wohnzimmer und drückt auf der Fernbedienung seines Videorekorders herum. Er sucht die Rodeoaufzeichnungen. Er will zeigen, wie viel man heute in seinem Job verdienen kann. Bei der Tabelle mit den Preisgeldern stoppt er. Hinter den Namen der Sieger stehen Zahlen. Zahlen mit vielen Nullen. Mehr als 100 000 Dollar. Geistesabwesend schaut Bennie Miller auf den Bildschirm.

Im Jahr 1929 ist er selbst einmal Weltmeister im Rodeoreiten geworden. Acht lange Sekunden hielt er sich nur mit einer Hand auf dem sich bäumenden Hengst. Er gewann 100 Dollar. Noch heute kann er sich genau daran erinnern, wie er die Arme reckte und seinen Hut in die Luft warf. Das süße Gefühl des Triumphes. Ein Foto an der Wand zeigt ihn kurz nach dem Sieg. Eine Zigarette hängt schräg in seinem Mundwinkel, und Bennie Miller hat den verschwommenen Blick eines 17-Jährigen, dem soeben das Glück begegnet ist. Das Bild hängt über der geblümten Couch im Wohnzimmer, dort, wo er seine Abende verbringt. Im Rücken die Trophäen seines vergangenen Lebens.

Bennie Millers Vater war als Kind noch ein Sklave. Der Name Miller stammt von seinen „Besitzern“, die eine Baumwollmühle besaßen. Nach dem Bürgerkrieg, dem Ende der Sklaverei, wurde er Cowboy und trat zusammen mit Buffalo Bill, der mehr als 4000 Bisons im Wilden Westen getötet haben soll, in dessen berühmter Wildwest-Show auf. Bennie Miller sah seinen Vater nur selten, denn der war immer auf Tournee. Die Mutter und die sieben Kinder blieben in Whitney, South Carolina, zurück. Sie lebten in einer kleinen Hütte, schliefen auf dem Boden, pflückten Baumwolle, hüteten Kühe. Mit sechs Jahren begann Bennie Miller zu reiten. Nicht aus Spaß, es war lebensnotwendig. Es gab noch kein Radio, kein Telefon, kein Auto, keinen Bus, und zur nächsten Bahnstation gelangte man nur mit einem Pferd.

Als Bennie Miller zehn war, zog er zu seinem Onkel nach Texas auf eine Ranch und arbeitete dort im Stall. Eines Tages sah ihn ein Fremder reiten und sagte zu seinem Onkel: „Den will ich für meine Show.“ Bennie Miller war 15. Von da an trug er nur noch Jeans, bis heute sind es „Wrangler“, weil die am widerstandsfähigsten sein sollen. Er ritt Rodeos und zähmte Pferde, indem er ihnen die Augen verband, einen schweren Sack auf den Rücken legte und sie toben ließ. Am nächsten Tag versuchte er, sie zu reiten. Der Machtkampf mit den Pferden dauerte manchmal zwei Wochen, manche zähmte er nie. Noch heute hebt sich seine Stimme, wenn er davon erzählt, als könne er sich an jedes einzelne Tier erinnern, das ihn einmal besiegte.

Seine Frau hasste die Pferde

Er reiste durch die Staaten, durch Mexiko und Kanada, jede Nacht in einen anderen Ort. In den 30er Jahren waren die Besitzer der Show pleite, die Rezession und die Cowboyfilme waren ihr Ende. Die Menschen gingen lieber ins Kino. Bennie Miller trat danach noch in anderen kleineren Shows auf, die aber alle schon bekannte Filmschauspieler als Hauptattraktion feierten. Eigentlich war es vorbei. Bennie Miller blieb Cowboy.

Er zog nach Harlem, weil ihm Bekannte erzählt hatten, dass es dort freier, die Rassendiskriminierung nicht so hart sei wie in Texas. Bennie Miller kann sich noch gut an die getrennten Toiletten, Schulen und an die Rodeos erinnern, bei denen sich Schwarze im Hintergrund halten sollten. Manchmal durften sie auch gar nicht teilnehmen. „Die Weißen konnten es nicht ertragen, von Schwarzen im Reiten geschlagen zu werden“, sagt er und lächelt wieder. Es ist sein Trick, den Sätzen die Schärfe zu nehmen. Er will keinen Ärger. Noch heute redet er alle Menschen mit „Sir“ oder „Madam“ an wie in seiner Kindheit.

In Harlem war es die Zeit der Nachtclubs, des Apollo-Theaters, die Zeit, in der Bennie Miller seine Frau kennen lernte. Sie hat Pferde immer gehasst. Sie waren der Grund, warum ihr Mann manchmal Monate verschwand, wenn er mit einer Show unterwegs war. Sie saß dann allein mit den drei Kindern zu Hause. Wenn Bennie Miller zurückkehrte, fragten sie oft: „Wer ist dieser Mann?“ Niemals sollten sie Cowboys oder -girls werden wie ihr Vater. „Sie sollten ehrbare Berufe lernen wie Arzt oder Anwalt“, sagt Bennie Miller. Der Cowboyberuf sei viel zu gefährlich. Millers Sohn ging schließlich zur New Yorker Polizei. Schlimmer hätte es nicht werden können. Seine Tochter ist Lehrerin. Die andere Tochter starb früh. Ihr eifersüchtiger Ehemann hat sie in Raserei erschlagen. Es ist das einzige Mal an diesem Tag, dass Bennie Miller auf seinem Stuhl zusammenzuckt, die Sanftmütigkeit aus seiner Stimme weicht. Trauer. Im nächsten Moment erscheint wieder das Lächeln.

Seit 30 Jahren ist er jetzt in Pension, lebt von Sozialhilfe, 625 Dollar im Monat. Nach dem Tod seiner Frau, 1989, hat er sich das Kochen beigebracht. Er isst nicht viel. Seine Kinder besuchen in ab und zu.

Miller wohnt seit 60 Jahren in Harlem, nur einmal ist er ein paar Häuser weiter gezogen. Er hat den Glanz und den Abstieg des Viertels erlebt. Jetzt sieht er, wie die Weißen allmählich zurückkehren. Ob er sich darüber freuen soll, weiß er nicht. Die Mieten steigen. Wenn Bennie Miller am Nachmittag zu McDonald’s um die Ecke geht, genießt er es, dass ihn fast alle grüßen. Er nickt kurz zurück. Er bestellt sich eine große heiße Schokolade und erzählt, dass er noch nie mit einem Flugzeug geflogen ist. „Das ist mir zu gefährlich“, sagt er und grinst. Auch einen Führerschein hat er nicht. Er brauchte keinen. Er ist immer nur geritten.

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