Zeitung Heute : Blairs schlechtes Gewissen lebt

„Keine illegalen Kriege mehr, keine Lügen, kein Verrat“ – wie ein früherer KrankenwagenfahrerGroßbritanniensPremier stürzen will

Matthias Thibaut[Sedgefield]

Reg Keys hat für den Wahlkampf eine neue Barbour-Steppjacke und Stiefel gekauft. Exakter Haarschnitt, Schnurrbärtchen, in der Hand einen Packen Flugblätter, so geht er durch Middleton St. George, einen kleinen Ort im Wahlkreis Sedgefield, begleitet von Wahlhelfern und ein paar Journalisten. Wähler sind in dieser stillen Straße mit den neuen Häuschen und den Wintergärten aus Glas und Plastik schon schwerer anzutreffen. „Nein“, sagt die Frau, die in der Haustür steht und in die Sonne blinzelt, „das Flugblatt kann ich nicht ins Fenster hängen. Da schmeißt mir jemand einen Ziegelstein durch die Scheibe.“ Freundlich fügt sie hinzu: „Aber das mit Ihrem Sohn, das tut mir wirklich Leid.“ Für Reg Keys ist das nicht genug. „Ich will kein Mitleid. Ich will, dass Tony Blair zur Rechenschaft gezogen wird.“

Inzwischen macht es Keys nichts mehr aus, wenn er an die Türen klopft und zu fremden Menschen sagt: „Mein Sohn Tom war 20 Jahre alt und ist im Irakkrieg gefallen.“ Am Anfang war es schwer, aber schließlich macht er diesen Wahlkampf ja für seinen toten Sohn. „Vote Reg Keys“ steht auf den Handzetteln – „Wählt Reg Keys. Keine illegalen Kriege mehr. Keine Lügen. Kein Verrat“.

Der 52-jährige frühere Krankenwagenfahrer will den amtierenden britischen Premier aus dem Amt vertreiben. Deshalb kandidiert Keys in Sedgefield, Tony Blairs Wahlkreis in Nordostengland. Man sagt, hier, im Labour-Kernland, würde ein Affe gewählt, wenn man ihn nur in einen Anzug steckt und ihm eine rote Labourrosette ans Revers heftet. Aber Blair ist eben auch Labour und hat einen Vorsprung: In Sedgefield haben bei der letzten Wahl 17000 Wähler, 64 Prozent, Blair die Stimme gegeben.

Vorne an der Middleton Lane, der Autostraße, wo die Häuser keine Vorgärten haben, öffnet ein Mann im T-Shirt und einer leuchtenden Feuerwehrmannshose die Tür. „Reg scheint ein ehrlicher Mann zu sein. Das ist bei Politikern ja selten“, sagt Andy Bateson. Wie viele Wähler in Sedgefield glaubt auch er, dass das Land einen neuen Premier braucht. Andy nennt Blair einen „schlimmen Kerl“. Aber gegen den Irakkrieg hatte er nichts. „Saddam war schlecht. Gut, dass er weg ist.“ Nur ins Gesicht will er Reg das nicht sagen.

Sedgefield ist ein schmucker Wahlkreis. Grüne Wiesen, sanfte Hügel, hübsche Dörfer. Kein Fremder würde glauben, dass man hier bis Anfang der 90er Jahre vom Kohlebergbau lebte. Vor den Cottages stehen sogar Jaguars. „Wir haben uns weiterentwickelt in den letzten 15 Jahren. Die Zechen sind alle längst geschlossen“, sagt Labourbezirkschef John Burton. Er sitzt im Labourclub von Trimdon unter dem Plakat „Britain forward, not back“ und erzählt von seiner Country Group „Skirne“ und wie Blair einmal mitspielte und drei Töne zu tief sang. „Hier war das, auf diesem Podium.“

Auf demselben Podium will Blair am Morgen des 6.Mai seine Wiederwahl mit einer kurzen Ansprache feiern. „So etwa um halb zwei morgens“, schätzt Burton. Er ist seit 20 Jahren Blairs Agent und macht seinen fünften Wahlkampf mit ihm. Die Stimmenauszählung in Newton Aycliffe, dem größten Ort des Wahlkreises, sollte um ein Uhr abgeschlossen sein. Dann wird Blair zum Sieger erklärt, fährt die zehn Minuten nach Trimdon in den Labour Club für die Ansprache. Dann fliegt er zurück nach London. Morgens um zehn kann er schon wieder regieren – es sei denn, Keys macht ihm einen Strich durch die Rechnung.

Burton zählt auf, was der Wahlkreis Sedgefield seinem Abgeordneten Tony Blair zu verdanken hat. Das neue, kleine Krankenhaus, drei Schulen und seit George Bush nach Sedgefield kam, um im „Dun Cow Inn“ Fish and Chips zu essen, ist auch der Platz vor der St.-Edmund-Kirche neu gepflastert. Schatzkanzler Gordon Brown hat viel Geld in den Norden Englands gepumpt. Die Staatsquote liegt hier bei 60 Prozent. Doch nun steht hier ein roter Doppeldeckerbus, und auf dem prangt groß die Internetadresse „www.blairditchproject.com“. – Blair stürzen, das ist nicht nur das Projekt von Reg Keys, Sedgefield ist ein Mekka für Blair-Gegner. 14 Kandidaten treten gegen den Premier an.

Im Crosshill Hotel trinkt an diesem Abend David Shayler sein Bier, der ehemalige britische Geheimdienstagent, der aus dem Nähkästchen plauderte und dafür ins Gefängnis musste. Er hat seine Kandidatur in Sedgefield zurückgezogen, um Reg Keys zu unterstützen.

In den Zeitungen wird unterdessen über Tony Blairs Aussehen spekuliert. Gerade sah er noch blass und alt aus, dann stellte er sich sonnengebräunt dem schärfsten Interviewer des Landes, Jeremy Paxman von BBC. Er habe an dem sonnigen Wochenende im Garten der Donwing Street Papiere durchgesehen, sagte der Premier. Die Bräune komme aus der Tube, glaubt die Presse – ein weiteres Täuschungsmanöver des Theatermanns Blair, wie der Irakkrieg.

Paxmann eröffnete das Interview mit der Frage: „Müssten Sie sich nicht entschuldigen?“ Blair weiß, dass der Irakkrieg gemeint ist, und alsbald stehen ihm die Schweißtropfen auf der braun getönten Stirn. „Sehen Sie, ich musste eine Entscheidung treffen, damals im März 2003.“ Blair spricht schnell, inzwischen kann er den Irakkrieg im Schlaf rechtfertigen. „Wir hatten 250000 britische und amerikanische Soldaten da unten, Saddam Hussein hatte sich den UN-Resolutionen widersetzt. Ich versuchte verzweifelt, eine zweite UN-Resolution zu bekommen, aber das gelang nicht. Ich musste eine Entscheidung treffen.“

Reg Keys würde das gerne mit Blair ausdiskutieren. Er sei das öffentliche Sprechen gewöhnt, er habe Ausbildungsseminare im Ambulanzdienst gehalten, und die Argumente Blairs kenne er auswendig: „In dem Interview hat er den Krieg wieder einmal mit dem Regimewechsel im Irak begründet. Aber ich möchte gerne das Rechtsgutachten sehen, das den Krieg als legal bezeichnet haben soll, und ich möchte sehen, ob da was von Regimewechsel drinsteht.“

Sein Sohn hatte ihm noch geschrieben: „Dad, wir finden hier nie etwas. Man hätte diese Waffen doch gegen uns eingesetzt. Ich weiß nicht, was wir hier sollen.“ Reg sah Tom das letzte Mal auf einem Bahnsteig. Der Junge habe ihm nie Schwierigkeiten gemacht, hätte zur Universität gehen können. Doch mit 16 Jahren trat Tom in die Armee ein.

Die Nachricht kam an einem Dienstag im Juni 2003. Zwei Soldaten in Zivil kamen zu Regs einsamem Haus in Wales. Im Fernsehen war den ganzen Tag über den schrecklichen Vorfall in Al Majar Al Kabir berichtet worden: Sechs Fallschirmjäger der Militärpolizei waren in einen Hinterhalt geraten, hatten sich, mit viel zu wenig Munition, in ein Polizeirevier geflüchtet, sich ergeben und waren dann grausam ermordet worden. Von den 75 Soldaten von Toms Einheit waren nur noch 26 im Irak, die Gruppe war schon auf dem Heimweg. Lance-Corporal Thomas Keys hatte das falsche Los gezogen. „Das letzte Foto in Toms Kamera war sein gepackter Rucksack auf einem Bett“, sagt Keys.

Labour versucht, den Irakkrieg im Wahlkampf auszuklammern. Die Oppositionsparteien reden gelegentlich davon. Tory-Chef Michael Howard nannte Blair sogar einen Lügner – genau wie Derek im „Working Man’s Club“ in Ferryhill, einem Saal, in dem ein paar alte Bergarbeiter Bier trinken. „Ein lügendes Schwein“, sagt Derek mit einer Stimme, der man Jahrzehnte Kohlenstaub anhört. Doch Blairs Wahlkampfhelfer John Burton glaubt nicht, dass der Irakkrieg noch eine große Rolle spielt. „Die Menschen wollen nach vorne schauen. Weitermachen.“ Für Reg hat er Verständnis. „Aber wenn die Menschen in Sedgefield nach den Renten fragen oder dem Gesundheitssystem – was kann Reg Keys dann dazu sagen?“

Wahlposter mit Blairs Porträt sieht man nirgends. Blair geht vor allem mit Schatzkanzler Brown auf Wahlkampfreise. Er verstecke sich hinter Brown, sagen die Kommentatoren. Zum Wahlkampf muss Blair eigentlich nicht noch einmal nach Sedgefield kommen. John Burton wird das schon regeln – „der Mann, der Tony Blair möglich machte“, wie er von sich sagt, weil er es war, der 1993 dafür sorgte, dass Blair im Labour-Wahlkreis Sedgefield kandidieren durfte. Und John hat trotzdem noch Zeit zum Bridgespielen, für sein Banjo und die Countryband.

Reg Keys dagegen wohnt in einer kleinen Pension und macht unermüdlich Wahlkampf. Der Doppeldeckerbus fährt an einer Kirche vorbei, eine Gruppe schwarz gekleideter Menschen winkt zu Reg hoch, eine Frau hält beide Daumen nach oben. Reg Keys winkt zurück, etwas steif sieht er aus in seiner neuen Jacke. Der Wahlkampf ist seine Art, mit dem Tod Toms umzugehen. Trauerarbeit. Vielleicht sei es sogar etwas wie Rache, sagt er. Seine Frau hat es noch nicht über sich gebracht, Toms Grab zu besuchen auf dem kleinen Friedhof von Llanaber Barmouth in Wales. Vor fünf Jahren haben Reg und seine Frau begonnen, dort eine abgelegene Scheune auszubauen. Zwei Hektar Land gehören dazu, aber die Schafe hat er schon verkauft. „Der Traum ist tot“, sagt er. Was er nach der Wahl macht, weiß er noch nicht. Wahrscheinlich das Haus verkaufen. Und wenn er gewinnt? „Dann werde ich zu Toms Grab gehen und wie George Bush sagen: ,Mission erfüllt’.“

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