Zeitung Heute : Blaue Kiste und rosa Röhre

Wahrzeichen der Pop-Art: Der Umlauftank auf der Schleuseninsel wird saniert.

Martin Schwacke

Es gibt wohl kaum jemanden, den dieses Bauwerk nicht in Erstaunen versetzt. Ob man sich vom Wasser nähert, mit dem Auto oder mit der S-Bahn, die „rosa Röhre“ zieht die Blicke auf sich. Manche lieben sie, manche finden den Anblick abscheulich. Dazwischen gibt es fast nichts.

So polarisiert der Umlauftank 2 der Versuchsanstalt für Wasser- und Schiffbau, wie die rosa Röhre korrekt heißt, seit Mitte der Siebzigerjahre die Berliner und Besucher der Stadt. Mittlerweile ist die Farbe ausgeblichen, blättert ab, zeigt das Gebäude deutliche Spuren der vergangenen Zeit. Nun soll das einzigartige Ensemble des Architekten Ludwig Leo saniert werden. Die Wüstenrot-Stiftung konzipiert, plant und finanziert die Sanierung mit rund 3,5 Millionen Euro. Danach wird die rosa Röhre samt der umschließenden „blauen Kiste“ wieder erstrahlen wie in den Achtzigerjahren, als ich sie das erste Mal sah – und absolut begeistert war.

Nach einer langen Tagestour war der Umlauftank von Ludwig Leo (1924-2012) meine letzte Station des Tages – für den Nichtberliner damals noch ein Geheimtipp, der auf einer euphorischen Würdigung durch den englischen Architekten Peter Cook beruhte. Eine blaue Kiste reitet auf einer rosafarbenen Röhre. Darunter befinden sich auf der Schleuseninsel die lang gestreckten Ziegelbauten der Wasserrinnen (Versuchsstrecken für den Schiffbau, entstanden um 1900), umgeben von den Bäumen des Tiergartens.

Die Lage auf der verträumten Schleuseninsel verstärkt die mystische Wirkung der konträren Architekturen. Dabei geht die Wahl des Ortes auf einen „Handstreich“ Kaiser Wilhelm II. zurück. Um sein geliebtes Hippodrom zu schützen, verschob er mit einer eigenhändig gezeichneten Skizze die ursprünglich auf dem Reitplatz geplante Versuchsanstalt kurzerhand auf die Insel.

Ich harrte lange auf der Brücke zur Schleuseninsel aus, nicht sicher, den Zugang zu dem scheinbar unzugänglichen Gebäude gefunden zu haben, um dann von einem Mitarbeiter der Versuchsanstalt eine exklusive Führung zu erhalten. War dieser Bau wirklich ein realisiertes Beispiel für die Visionen einer „maschinenschwangeren Zukunft“, die die Architektengruppe Archigram, allen voran Peter Cook, in ihren Zeichnungen heraufbeschwor? Die technischen Erläuterungen des Wissenschaftlers und seine Begeisterung für die Funktionalität der Versuchsanlage waren gegenüber dem ideologischen Anspruch überraschend überzeugend.

Nachdem ich mich den restlichen Tag damit abgemüht hatte, die hochtrabenden Architekturtheorien der Avantgarde der Postmoderne in den Bauten der IBA 1987 wiederzufinden, begeisterte mich Leos Umlauftank durch die Selbstverständlichkeit, mit der aus „gänzlich funktionalen Gründen“ (Zitat Leo) ein einmaliges Bauwerk entstanden war.

Dabei muss ein Missverständnis der baugeschichtlichen Fachliteratur aufgeklärt werden: Als Vorbild für den Umlauftank 2 soll angeblich der Große Windkanal in Berlin-Adlershof von 1932–1934 dienen, indem Leo diesen von der Horizontalen in die Vertikale stellte. Die Wasser führende Röhre eines Umlauftanks steht aber immer aufrecht. Das Besondere der Architektur ist es gerade, dass Leo der vorgegebenen technischen Form eine architektonische Gestalt gegeben hat.

Dem Außenstehenden erschließt sich der technische Charakter auf den ersten Blick. Das Geheimnis der Funktionsweise des Versuchsaufbaus, mit dem die Strömungseigenschaften beliebiger Körper im fließenden Wasser untersucht werden, versteht aber nur der Eingeweihte. Ein Brückenkran im Innern der blauen Kiste befördert die Schiffsmodelle in eine Öffnung der rosa Röhre. Darin fließt mit hoher Geschwindigkeit ein künstlicher Fluss, der von der Schraube zweier großer Schiffsmotoren angetrieben wird.

Die Elemente Röhre und Kiste sind die wesentlichen Teile eines geheimnisvollen Symbolismus. Die schrillen Farben und die verkleinerten Fensterbänder verstärken den Eindruck der Maßstabslosigkeit, mit der die technische Versuchsanlage zur Pop-Art-Skulptur wird. Ludwig Leo, dessen Gesamtschaffen nur wenige gebaute Werke aufweist, hat mit dem Umlauftank 2 ein einzigartiges Gebäude erdacht, für das es international keine parallelen Vergleichsbauten gibt.

Deshalb ist der Umlauftank 2 einer der wenigen postmodernen Bauten der 70er/ 80er Jahre, die uns im Gedächtnis bleiben werden. Ludwig Leo ist mit seinem architektonischen Anspruch und seiner Bescheidenheit auch nach seinem Tod im November 2012 ein Vorbild für diejenigen, die Architektur nach Qualität und nicht nach Medienwirksamkeit oder Geschäftssinn der Architekten beurteilen.

Der Autor leitet die Bauabteilung der TU Berlin.

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