Zeitung Heute : Blauer Dunst am Arbeitsplatz

Nichtraucher haben es oft noch schwer

Sabine Schrader[dpa]

Eigentlich könnte die Welt für Nichtraucher am Arbeitsplatz in Ordnung sein. Denn nach der Arbeitsstättenverordnung sind Arbeitgeber verpflichtet, sie vor Gesundheitsgefahren durch das Passivrauchen zu schützen. Wieweit dies allerdings in der Praxis umgesetzt wird, ist umstritten.

Nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg sind 8,5 Millionen Nichtraucher am Arbeitsplatz Tabakrauch ausgesetzt. Eine Studie schätzt die Zahl der Todesfälle aufgrund Passivrauchens in Deutschland auf insgesamt 3300 jährlich. Aus Sicht des DKFZ ist der Nichtraucherschutz in der Arbeitswelt bisher alles andere als zufriedenstellend.

Vielfach seien Betriebsräte durch ihr eigenes Rauchverhalten befangen. Zudem würden Gewerbeaufsichtsämter ihre Kontrollfunktion nur unzureichend wahrnehmen. „Wenn ein junger, gesunder Mensch endlich einen Ausbildungsplatz gefunden hat, er aber von 15 Kollegen acht Stunden am Tag zugequalmt wird, ist das ein Desaster“, kritisiert Uta Christiane Brandt von der DKFZ-Hotline „Rauchfrei am Arbeitsplatz“.

Dass Betriebsräte sich nicht ausreichend kümmern, ist nach Ansicht von Petra Müller-Knöß vom Ressort Arbeits- und Gesundheitsschutz der IG Metall in Frankfurt am Main pauschal nicht haltbar. „Sie müssen immer einen Spagat zwischen Nichtraucherschutz und betrieblichen Lösungen für die Raucher machen.“ Zu Konflikten führten oft die zusätzlichen Raucherpausen. „Zunächst muss ein Weg gefunden werden, wie mit der Sucht umgegangen werden kann“, erklärt die Gewerkschafterin.

Dass es Probleme gibt, bestätigt auch Heiner Vollmar, Leiter des Amtes für Arbeitsschutz in Recklinghausen: „Wo Kundenkontakt besteht, etwa in Banken oder in der Gastronomie, lässt sich ein Rauchverbot praktisch nicht aussprechen.“ Auch eine Sekretärin, die mehrmals am Tag in das verrauchte Büro ihres Vorgesetzten gehen muss, habe zwar das Recht, Nichtraucherschutz zu verlangen. Aufgrund des Abhängigkeitsverhältnisses könne sie es aber kaum einfordern.

Seit Inkrafttreten der Arbeitsstättenverordnung 2002 haben Anfragen zum Nichtraucherschutz nach Erfahrung von Vollmar deutlich zugenommen. „Bei den Nichtrauchern ist das Bewusstsein gewachsen, dass sie nicht mehr von der Gnade der Raucher abhängig sind.“ Vereinbarungen und Regelungen dürften jedoch nicht dazu führen, dass das Betriebsklima beeinträchtigt wird. „Es geht nur mit Information und Überzeugung“, ist Vollmar überzeugt.

„Für die Umsetzung des betrieblichen Nichtraucherschutzes sollte sich ein Arbeitskreis bilden, der die Regelungen festlegt“, rät Michaela Goecke, Projektkoordinatorin bei der Bundesvereinigung für Gesundheit in Bonn. Ihrer Meinung nach hat das Gesetz aber entgegen vielen Kritikern bereits einiges bewirkt. „Das Gesetz hat zu einer Verbesserung des betrieblichen Nichtraucherschutzes geführt“, sagt Goecke. Mehr Unternehmen, Behörden und Krankenhäuser böten rauchfreie Arbeitsplätze an. „Allerdings ist bei knapp drei Millionen gewinnorientierten Unternehmen in Deutschland die Umsetzung noch nicht flächendeckend abgeschlossen“, räumt die Expertin ein.

Wichtig sei, dass die Unternehmensleitung die Vereinbarungen unterstützt. „Ein rauchfreies Krankenhaus lässt sich nicht umsetzen, wenn der Chefarzt auf seine Zigarette nicht verzichten kann“, sagt Vollmar.

„Häufig eskalieren Konflikte um das Rauchen unter Kollegen gerade dann, wenn bereits andere Konflikte vorliegen“, sagt Uta Christiane Brandt. Der erste Schritt sei es, die Kollegen anzusprechen oder sich direkt an den Arbeitgeber zu wenden. Möglicherweise sei sich der Chef des Problems noch nicht bewusst. „Die effektivste und kostengünstigste Lösung ist ein Rauchverbot“, erklärt Benedikt Buchner, Jurist für Gesundheits- und Medizinrecht an der Universität Bremen. Verpflichtet, einen Raucherraum zur Verfügung zu stellen, sei ein Arbeitgeber nicht, sagt Buchner. Es sei ausreichend, wenn Mitarbeiter auf dem Außengelände rauchen dürfen.

Ein Arbeitgeber dürfe jedoch nicht dazu übergehen, Mitarbeiter erziehen zu wollen, und das Rauchen etwa auch vor dem Werkstor verbieten. Ein Anspruch auf bezahlte Raucherpausen besteht allerdings auch nicht. Diese Zeit muss eigentlich nachgearbeitet werden.

Einige Unternehmen begegnen dem Problem auf ganz andere Weise. Sie bieten ihren Beschäftigten schlichtweg Raucherentwöhnungskurse an.

Informationen im Netz: www.nichtraucherschutz.de

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