Zeitung Heute : „Blauhelme wären im Interesse der Konfliktparteien“

Der Tagesspiegel

Was will Scharon – hat er wirklich keine politische Taktik, wie man ihm vorwirft?

Er hat eine Taktik, aber keine langfristige Strategie, keine Strategie, die Frieden möglich macht. Scharon ist immer ein Militär gewesen, der gewusst hat, wie man feindliche Ziele angreift, bekämpft, zerstört. Er hat nur nie gewusst, den politischen Ausweg zu finden. Als er 1982 in Beirut einmarschierte, hat er es den Politikern überlassen, eine Lösung zu finden. Jetzt ist er der verantwortliche Politiker.

Wie lange wird die Bevölkerung hinter Scharon stehen?

Die Meinungsumfragen sind paradox. Auf der einen Seite ist die Zustimmung für das militärische Vorgehen groß, andererseits die Unzufriedenheit über die Leistungen Scharons ebenso. Es ist Scharon nicht gelungen, für mehr Sicherheit zu sorgen. So lange es aber keine glaubhafte Alternative zu Scharon gibt, wird es keinen politischen Umschwung geben.

Ist Scharons aggressiver Weg der richtige, um Israel zu schützen? Oder muss sich Israel abschotten, mit Mauern und Stacheldraht?

Es ist sicherlich so, dass die militärische Eskalation Israel nicht mehr Sicherheit bringt. Die Gleichung ist einfach: Mehr Besetzung, mehr Gewalt. Der Sprecher der israelischen Knesset, Abraham Burg, hat zu Recht betont: Sicherheit wird Israel erst dann haben, wenn Israel sich aus den 1967 besetzten Gebieten zurückzieht. Israel kann das herauszögern, aber es gibt keine Alternative.

Wie würden die Palästinenser agieren, wenn Arafat tot oder im Exil wäre?

Ich denke, wenn es zu einem Mord käme, wären die Aktionen sehr viel gewalttätiger als bisher. Aber auch der Rest der arabischen Welt, Jordanien zum Beispiel, könnte kaum untätig zuschauen.

Ein großer Krieg würde drohen?

Die Gefahr einer regionalen Explosion ist größer als vor einigen Monaten und zwar umso mehr Israel die militärische Auseinandersetzung eskalieren lässt. Und zwar nicht, weil Israels Nachbarn einen Schießkrieg anfangen wollten, genauso wenig wie Israel selbst, sondern weil es zu erheblicher Instabilität und zu Unruhe in vielen arabischen Staaten kommen würde. Wir in Europa können uns nicht vorstellen, wie groß der Zorn ist.

Warum wirken die USA so unentschlossen?

Es gibt ein sehr großes Maß an Hilflosigkeit in der US-Administration. Israels Armee hat dem US-Sondergesandten Zinni untersagt, Arafat zu besuchen. Da hätte man sich schon eine schärfere Reaktion der USA erwartet. Ich denke, dass Washington bislang nur einige ’rote Linien’ festgelegt hat, die Israel nicht überschreiten darf – etwa die Ermordung Arafats.

Helfen nur noch Blauhelm-Soldaten?

Zunächst wäre es angebracht, sofort internationale Beobachter in ausreichender Zahl zu schicken. Mittelfristig denke ich, ist es im Interesse beider Konfliktparteien, wenn es Blauhelme vor Ort gäbe. Natürlich wird man sich auf die Nationalitäten festlegen müssen, die Israelis und Palästinenser akzeptieren können. Deutschland sollte sich da nicht vordrängeln. Wenn Europa und Deutschland aber gefragt würden, müssten wir unserer viel zitierten Verantwortung auch gerecht werden und Soldaten dorthin schicken.

Das Interview führte Armin Lehmann.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben