Zeitung Heute : Blaumann

Christian Schröder

Alfred Hitchcock hielt sich selber nicht für sonderlich interessant. „Die Chinesen haben ein Sprichwort dafür, dass man besser kein aufregendes Leben führen sollte“, hat er seiner Biografin Charlotte Chandler gesagt. „Ich habe gerne Filme gemacht über den Mann, der in Schwierigkeiten steckt, aber ich wollte nie dieser Mann sein.“ Hitchcock war ein geradezu manischer Problemvermeider, um Auseinandersetzungen am Set zu vermeiden, legte er vor Drehbeginn jede Einstellung exakt fest. Er schaute nie durch den Sucher einer Kamera und fand es langweilig, seine Filme nach der Fertigstellung noch einmal zu sehen. „Mein Verstand arbeitet wie der eines Babys, er denkt in Bildern.“

Das Buch der amerikanischen Journalistin, das zum 25. Todestag des Regisseurs erscheint, ist voll solcher aphoristischer Selbstbespiegelungen. In seinen besten Passagen gleicht es einer Autobiografie, Chandler hat lange Gespräche mit „Hitch“, wie sie den Meister nennen durfte, geführt und referiert ausgiebig, was er ihr mitteilte. So folgen auf die stehende Wendung „…sagte Alfred Hitchcock“ immer wieder seitenlange Hitch-Erzählungen im O-Ton. Manchen Filmtrick wie die im Milchglas versenkte Glühbirne kennt man bereits aus Truffauts legendärem Interviewbuch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“, doch etliche der hier versammelten Schnurren sind auch für eingefleischte Cineasten neu.

So ist zu erfahren, dass die berühmten schwarzen Anzüge, die Hitchcock bei jeder Gelegenheit trug, in Wirklichkeit ultramarinblau waren. In seinem Haus in Los Angeles war stets eine Kollektion in allen Größen vorrätig. „Wenn mein Gewicht schwankt, rauf oder runter, bin ich vorbereitet.“

Chandler sprach auch mit Hitchcocks Frau Alma und seiner Tochter Pat sowie Dutzenden von Weggefährten wie Gregory Peck, Kim Novak oder Laurence Olivier. Das Buch ist in freundlichem Plauderton geschrieben, die holprigen Nacherzählungen der Filme überspringt man besser. Chandler zeichnet das Porträt eines freundlichen Neurotikers. Weil er zum Helden im wirklichen Leben nicht taugte, musste er Filme drehen. Hätte er die Wahl gehabt, sagt Hitchcock, hätte er lieber wie Cary Grant ausgesehen.


Dieses Buch bestellen Charlotte Chandler: Hitchcock. Die persönliche Biografie. Aus dem Amerikanischen von Dagmar Roth. Herbig, München. 412 Seiten, 24,90 €

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