Zeitung Heute : Blechschaden auf Bestellung

Der Tagesspiegel

Von Wolfgang Hassenstein

Die Bande hatte 66 Mitglieder. Sie fingierten 34 Verkehrsunfälle mit 91 beteiligten Autos und wollten damit eine Versicherungssumme von insgesamt rund 415 000 Euro ergaunern; 240 000 Euro erbeuteten sie tatsächlich. Jetzt flog der groß angelegte Schwindel auf. Das Verfahren gegen den Betrügerring sei hinsichtlich der Zahl der beteiligten Verdächtigen und Fahrzeuge das bislang größte dieser Art in Berlin, sagte gestern der Chef der Abteilung Organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt, Uwe Schmidt.

Fünf Haupttäter zwischen 30 und 40 Jahren, darunter drei Libanesen und zwei Deutsche, sowie 27 weitere „Täter“ und 34 „Gehilfen“ waren an der Betrugsserie beteiligt. Das System war ausgeklügelt: Über Mittelsmänner wurden Fahrer beauftragt, sich mit ihren Autos an einem bestimmten Ort zu treffen und dort einen Crash zu verursachen. Sie erhielten dafür bis zu 1000 Euro. Gerne wurden vermeintlich unverdächtige Frauen angeworben – daher deren vergleichsweise hoher Anteil von 17 Prozent in der Gruppe. Die Kontaktaufnahme fand oft in einer Diskothek in Buckow statt, die mit einer Kfz-Werkstatt in Pankow den Dreh- und Angelpunkt des Betrügerrings bildete. Meist verliefen die Unfälle nach dem gleichen Schema: „Wagen eins wechselte den Fahrstreifen und drängte Wagen zwei ab, der gegen einen geparkten Wagen drei prallte“, schilderte der ermittelnde Kriminalhauptkommissar Jörg Beier den typischen Ablauf. „Zur Gewinnmaximierung wurden oft sogar mehrere geparkte Autos einbezogen.“ Teils vergrößerten die Täter den Schaden nachträglich. Beteiligt waren auch Gutachter, die gegen Gewinnbeteiligung überhöhte Schadenssummen attestierten. Während für die zerbeulten Autos stolze Versicherungsprämien kassiert wurden, verliefen die Reparaturen provisorisch in „Hinterhofwerkstätten“.

Misstrauisch wurden die Fahnder der Polizei, als bei der Kontrolle von Unfallanzeigen eine Häufung bestimmter Anschriften auffiel. Die Ermittlungen liefen 1998 an, entscheidende Fortschritte brachte eine groß angelegte Polizeiaktion: 150 Beamte durchsuchten 48 Objekte, mehrere Verdächtige waren sofort geständig und gaben Hinweise auf die Drahtzieher. Seit Januar ist die Polizei bei den Schlussermittlungen.

„Dies ist eine besonders sozialschädliche Form der Kriminalität“, sagte Schmidt. „Den Schaden tragen die Versicherten“. Nach Polizeischätzungen werden bis zu zehn Prozent der Verkehrsunfälle in Deutschland absichtlich herbeigeführt. Hinzu kommen reine „Papierunfälle“. Auch die Versicherungswirtschaft geht davon aus, dass acht bis zehn Prozent der Kfz-Schäden fingiert werden; sie schätzt den Schaden auf bundesweit bis zu eine Milliarde Euro jährlich. „Ohne derartige Betrügereien könnten die Beiträge entsprechend niedriger liegen“, bestätigt Stephan Schweda, Sprecher des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft.

Unterschiedliche Ansichten gibt es darüber, wie der Schaden in Zukunft verringert werden kann. Beier forderte die Versicherungen auf, die Prämienauszahlungen gründlich zu überprüfen und den Gutachtern genauer auf die Finger zu schauen. Schweda dagegen sagte, man solle das Problem der falschen Gutachten „nicht so hoch hängen“. Er verweist darauf, dass sich die Aufklärungsquote immer dort deutlich erhöht, wo Polizei und Versicherungen gut zusammenarbeiten.

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