Zeitung Heute : Bleib, wo du bist!

Von Esther Kogelboom

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Der Hauptbahnhof und ich haben uns in letzter Zeit sehr häufig gesehen. Es waren Leute abzuholen und wieder wegzubringen. Manche waren auch nur wegzubringen, traurig. Wegen all dem muss jetzt auch noch ich meinen Kommentar zu dem Bauwerk abgeben. Doch keine Angst, Sie erwartet ein vollkommen entspanntes Lesevergnügen. Im Gegensatz zum Hbf. hat diese Kolumne nur eine Ebene, und Sie müssen auch nichts kaufen.

Wenn beispielsweise ein ICE um 21.45 Uhr am Hbf. auf Gleis 1 eintrifft und ich um 21.00 Uhr aus Kostengründen auf einem der HalbeStunde-mit-Parkscheibe-Parkplätze parke, gehe ich davon aus, dass ich einfach in den Hbf. reinlaufe und den Besuch raushole. Oder?

Ich halte mich für jemanden, der in den Metropolen der Welt zu Hause ist und sich nie verläuft. Völliger Quatsch. Ich bin nur in Berlin zu Hause, und im Hbf. verlaufe ich mich auf der Suche nach Gleis 1. „Sie müssen nach tief“, sagt der Mann an der Auskunft. „Ach, natürlich“, sagte ich mit weltgewandter Stimme.

Auf dem Weg nach tief kam ich bei Douglas, Esprit, Vero Moda, einem funky Accessoire-Laden, einem Schuhgeschäft, Mc Donald’s und meinem Lieblingszeitungsladen Relay vorbei. Als ich gerade einem Bahn-Kinderbuch entnahm, wie oft der Lokführer aufs Klo darf (nur in Bahnhöfen, denn er hat keinen Co-Piloten, unfassbar), fiel mir mein Besuch wieder ein. Ich rief ihn an und fragte, wo er sich aktuell befinde.

„Ich stehe hier vor Esprit.“

„Ach, ich bin im Relay.“

„Bleib, wo du bist! Ich komme.“

„Neinnein, ich sehe dich!“

„Wo?“ – „Was?“

„Mein Akku ist l

Der Berliner Hbf. zerstört jede Idee des romantischen Abholens, im Sinne von: einer steht mit hochgeklapptem Mantelkragen am Bahnsteig, tritt von einem Bein auf das andere, raucht, überlegt, ob er eine Cola aus dem Automaten ziehen soll, steckt sich ein Kaugummi in den Mund, bemüht sich beim Einfahren des Zuges vergeblich um einen unbeteiligten Gesichtsausdruck, während sich seine Augäpfel (wie beim Beobachten eines Tennismatches, nur schneller) hin und her bewegen. Der andere fällt leicht verpennt aus dem Zug und klagt wegen des furchtbaren Kaffees an Bord über Bauchschmerzen. Falls es sich bei dem anderen um einen Architekten handelt, fragt er meist: „Und welches Gefühl von Urbanität vermittelt dir dieser Raum so?“

Dieses Abholen im romantischen Sinne wurde mit dem Lehrter Bahnhof abgeschafft. Im Hbf. geht es, das muss jetzt endlich mal in aller Deutlichkeit gesagt werden, um nichts anderes als Konsum und Effizienz.

Wie zum Hohn darf man im Parkhaus 15 Minuten gratis parken. Vorschlag: das große Abholspiel der Bahn, moderiert von Goleo und Pille. Wer es schafft, innerhalb von 15 Minuten das Gleis des Ankommenden zu recherchieren, das Gleis auch aufzusuchen, die entsprechende Person mit Zunge zu küssen und ihr dabei freundschaftlich auf den Hintern zu klopfen, das Parkhaus mit Gepäck beladen wiederzufinden und vor Ablauf der Viertelstunde draußen zu sein, darf für 15 Minuten Knut mit zu sich nach Hause nehmen.

Ja, ja. Mir ist bewusst, dass es am Hbf. eine von der Bahn eingerichtete, gut beleuchtete Drop-off-&- kiss-Zone oder von mir aus auch Park-&-kiss-Zone oder Heavy-Petting-&-miss-the-Bahn-Zone gibt. Das sind jedoch alles vom Schweinesystem aufoktroyierte Konzepte von Romantik, gegen die zu kämpfen ich nicht nur gewillt, sondern auch imstande bin.

Unsere Kolumnistin, 31, bekommt laufend gute Ratschläge. An dieser Stelle überprüft sie jede Woche einen davon auf seinen Wahrheitsgehalt.

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