Zeitung Heute : Bleiben um jeden Preis

In Dresden wird der Ortsteil Gohlis überschwemmt, und nicht jeder will sein Haus verlassen – manche können auch nicht

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Von Frank Jansen, Dresden

Der junge Polizist zerschneidet die rot-weißen Absperrbänder. „Machen Sie schnell“, ruft er dem Mann zu, der im Traktor an ihm vorüberfährt, „die Flut kommt uns entgegen.“ Der mürrische Bauer sagt nichts. Er steuert in die schmale Straße hinein. Nach zehn Minuten kommt er zurück. Langsam, im Schritttempo. An der Hängerkupplung sind zwei braune Kühe angebunden, ohne ein Wort passiert der Bauer die Absperrung und tuckert mit dem Milchvieh davon. Der in seiner schweren Montur schwitzende Polizist lächelt verlegen. „Ich kann ja verstehen, dass die Leute nicht gehen wollen. Dass jeder versucht, Haus und Hof bis zum Letzten zu verteidigen.“ Bis zum Letzten. So weit ist es jetzt in Gohlis. Denn Donnerstagvormittag gegen zehn beginnt Gohlis zu versinken.

Etwa eine Stunde zuvor hat die Elbe auch den dünnen, grünen Strich geschluckt, der einmal der Damm von Gohlis war. Ungehemmt läuft nun das Wasser in den idyllischen Vorort im Nordwesten von Dresden, und die Katastrophe der sächsischen Landeshauptstadt nimmt einen neuen Anlauf. Der Lärmschleier aus Hubschrauberknattern und dem Geheule zahlloser Martinshörner wird noch dichter.

Seit ein Uhr nachts brachten die Ärzte von drei Krankenhäusern in der Innenstadt insgesamt 400 Patienten zu den Transportmaschinen der Bundeswehr auf den Flugplatz Dresden-Klotzsche. Intensivpatienten, Herzpatienten, Frühchen aus Brutkästen. Die Uniklinik ist komplett geräumt. „Wir haben die ersten Patienten mit einem Sanitäts-Airbus nach Leipzig gebracht“, sagt Chirurg Sven Petersen, „das ist für manche der 60-, 70-, 80-Jährigen schon ein gefährlicher Stress.“ Doch die Gefahr von Stromschwankungen wächst, und die Zeit drängt. Um elf Uhr erreicht der Fluss einen Pegelstand von sieben Metern 98. Um zwölf Uhr sind es acht Meter zwei. Mittags prophezeit das sächsische Innenministerium einen Höchststand von acht Metern 70. Das sind 20 Zentimeter mehr, als die Dresdner am Vortag als äußerste Grenzmarke für möglich hielten.

„Schlimmer als im Krieg“

Die Bereitschaftspolizisten aus Wiesbaden, die das Absperrband in Gohlis bewachen, lassen nur noch im Notfall Anwohner durch. Keine Journalisten, Schaulustige schon gar nicht. Als ein Radfahrer mittleren Alters mal eben die rot-weißen Plastikbänder lupfen will, warnt ihn der junge Beamte: „Sie bekommen sofort einen Platzverweis, wenn Sie hinter der Absperrung angetroffen werden.“ Der Radler murrt und dreht ab. Eine Anwohnerin zischt: „Katastrophentourist!“

Ständig steht eine Hand voll Leute hier. Die meisten sind ratlos, fatalistisch. „Unser Haus liegt in der Senke“, sagt eine 65-Jährige aus der gesperrten Gartenstraße, „da gluggert’s gerade rein.“ Normalerweise ist die ruhige Eigenheim- und Bauernhofmeile einen Kilometer von der Elbe entfernt. Doch jetzt hat das Wasser die Straße fast erreicht. Aufgeregt erzählt die Frau, was sich seit Wochenanfang in Gohlis abspielt. „Am Montag wurden wir mit Polizeigewalt rausgeholt. Aber es war überhaupt keine Gefahr! Die kennen das Gelände doch gar nicht. Wir sind hier aufgewachsen, wir wohnen hier seit über 60 Jahren.“ Sie und ihr Mann hätten nur ein paar Wertsachen mitnehmen können. Naja, richtig Gewalt hätten die Beamten aber nicht angewandt. „Die sagten, in zehn Minuten müssen Sie raus, und sie würden ohne uns nicht gehen. Dann sind wir gegangen.“ Dresdens Bürgermeister Ingolf Roßberg sagt, dass von den 300 Gohlisern, die ihre Häuser verlassen mussten, 30 das nur mit Zutun der Polizei machen wollten.

Am Mittwochnachmittag konnte das Ehepaar noch einmal ins Haus, für ein paar Stunden, bis 17 Uhr. Seitdem ist die Gartenstraße wieder Sperrzone. Die Frau hält die rechte Hand an den Kopf. „Wir waren froh, dass wir die Wende geschafft haben“, sagt sie. „Wir konnten so viel erneuern. Neue Heizung, neues Dach. Da kommen sie mit ein paar zehntausend Mark nicht hin. Und jetzt geht alles den Bach runter.“ Pause. „Das ist schlimmer als die Bomben.“ In der Nacht zum 14. Februar 1945, als Dresden fast völlig in Schutt und Asche versank, kam Gohlis davon. „Hier war es nicht so schlimm“, sagt die Frau. Die Hand löst sich von der Wange. „Aber jetzt wird alles viel schlimmer.“ Der Kopf ruckt hoch. „Wir müssen das Beste draus machen. Das hat man in der DDR immer schon müssen.“

Heimlich wieder nach Hause

Aus dem Funkgerät des jungen Polizisten schnarrt eine Männerstimme. „Wir haben hier ein älteres Ehepaar. Die weigern sich massiv. Der Mann ist gehbehindert, er hat keine Beine mehr. Wir warten auf den Schlüsseldienst und den Krankenwagen.“ Ein weißhaariger Rentner hat mitgehört. „Ja, ja. Das ist der Hans. Der ist älter als ich. Dem haben sie beide Beine amputiert. Und seine Frau ist noch älter.“ Dem jungen Kommissar ist der Funkspruch etwas peinlich. „Viele ältere Leute schaffen es nicht, wir leisten dann natürlich Hilfe. Wir müssen ja verhindern, dass sie in ihrem Haus von der Flut eingeschlossen werden.“ Und wenn sich jemand nicht helfen lässt? „Wir sagen dann ganz eindringlich, dass sie mitkommen müssen. Das sehen die Leute auch ein.“ Von einem Einsatz mit Gewalt wisse er nichts.

Die Polizisten müssen allerdings wachsam bleiben. „Es versuchen viele, über Lücken wieder reinzukommen. Werden sie an einer Kontrollstelle abgewiesen, gehen sie zur nächsten Straße“, der Beamte hebt seine gepolsterten Schultern. Etwas abseits hört ein Mann mit üppig-langen Locken zu. Vor einigen Minuten ist er mit seinem Geländemotorrad aus der Gartenstraße herausgekommen, jetzt will er noch mal an der Absperrung gucken. „Ich war bis eben drin“, sagt der 50-Jährige und grinst. Der Bankangestellte mit der erstaunlich bankenunüblichen Frisur hat die Polizei überlistet. Nur zum Schein ist er am Montag der Order gefolgt, seine Doppelhaushälfte zu verlassen. „Ich weiß doch von meinem Vater, wie das Hochwasser 1940 war. Das ist nicht mal in den Keller gelaufen.“ Da waren es aber nur sieben Meter 78.

Der Bankangestellte, der lieber anonym bleiben möchte, skizziert mit den Händen ein großes Viereck. „Mein Haus war 1996 fertig. Es wird ringsum von einer Betonmauer umfasst, die ist 30 Zentimeter hoch. Da kommt kein Wasser rein.“ Will er noch mal heimlich zurück? Er grinst. „Da kann ich nicht widersprechen“, sagt er. Die Wiesbadener Polizisten hören es nicht. Sie haben das Ohr am Funkgerät, selbst sie dürfen sich dem überspülten Damm in Gohlis nicht mehr nähern, hören sie. Maximal auf Sichtweite.

Am frühen Abend steht die Elbe bei 8 Metern 29. Bis Freitagmorgen sollen es noch einmal 40 Zentimeter mehr sein. Soviel waren es auch im Frühjahr 1845. Damals nannten sie das Hochwasser die Sächsische Sintflut.

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