Zeitung Heute : Bleibende Schäden

Nach dem blutigen Ende des Geiseldramas beginnt in Beslan das Aufräumen - und die Suche nach der Wahrheit

Elke Windisch[Moskau]

Das Geiseldrama ist offiziell beendet, doch viele Fragen sind noch offen. Was weiß die Öffentlichkeit – wo bleiben Zweifel?

Wer sind die Terroristen von Beslan?

Noch gibt es keine verlässlichen Angaben zur Zahl der Terroristen. Es könnten bis zu 40 gewesen sein. Unter ihnen sollen sich, wie der Leiter der Operation zu ihrer Befreiung, der FSB-Chef von Nordossetien, Walerij Andrejew, sagte, „sieben bis acht Bürger aus der arabischen Welt“ befinden. Die Araber durfte bisher nur Staatssender Rtr zeigen, zu sehen war dabei allerdings nur einer. Was Moskau auch verschweigt: Die so genannten arabischen Söldner sind nicht zwingend Mitglieder terroristischer Vereinigungen. In der Türkei und im Nahen Osten, vor allem in Jordanien, gibt es eine große nordkaukasische Diaspora: Nachfahren von Vertriebenen nach Russlands Kaukasuskrieg Mitte des 19. Jahrhunderts.

Befreite Geiseln berichten zudem, die meisten Terroristen hätten ossetisch oder inguschisch gesprochen. Auch sollen mehrere Russen dabei gewesen sein – Verbrecher mit mehreren Vorstrafen und eventuell vom Geheimdienst eingeschleust, um den tschetschenischen Widerstand zu diskreditieren, wie ein Experte beim russischen Dienst von Radio Liberty (RFL) nicht ausschließt. Das würde die Theorie von der internen Auseinandersetzung erklären, die den Sturm der Schule ausgelöst haben könnte.

Offiziell gilt das Geiseldrama als beendet – aber einige Terroristen sollen noch auf der Flucht sein: Wohin?

Drei der Geiselnehmer sollen nach einem TV-Bericht inzwischen gefasst sein und werden vom Geheimdienst FSB verhört. Gut ein Dutzend, vermutlich in bürgerlicher Kleidung von den Ex-Geiseln, wird nach diesem Bericht gesucht. Russlands Präsident Wladimir Putin verfügte am Samstag die Schließung der Verwaltungsgrenzen Nordossetiens zu den anderen Regionen Russlands und des ossetischen Abschnitts der Staatsgrenze zu Georgien, wo man die Geflohenen vermutet. Nach andere Berichten sollen alle Geiselnehmer getötet worden sein.

Warum haben die Terroristen gerade dieses Ziel ausgewählt?

Die Geiselnahme war offenbar von langer Hand geplant. Wie der russische Hörfunksender RFL berichtet, hatten als Bauarbeiter getarnte Terroristen Waffen und Sprengstoff vor dem Anschlag in der Schule deponiert, die während der Ferien renoviert wurde. Nordossetien ist Russlands einzig loyaler Verbündeter im Nordkaukasus. Gleichzeitig aber wegen eines Konflikts mit der Nachbarrepublik Inguschetien extrem verwundbar.

Wie wurde die russische Öffentlichkeit über das Geschehen in Beslan informiert?

Seit Verschärfung der Pressegesetzgebung nach dem Geiseldrama in Moskau im Oktober 2002 dürfen die Medien bei Terroranschlägen nur noch verbreiten, was die Einsatzleitung offiziell für gesichertes Wissen erklärt. Russische Medien bekamen, anders als die Fernsehzuschauer im Westen, keine Bilder vom Geschehen. Objektiv informieren konnten sich die Russen deshalb nur über die beiden Hörfunksender RFL und das Inforadio „Echo Moskwy“. Beide sind jedoch nur in Teilen Russlands zu empfangen.

Wurden Journalisten gezielt behindert?

Die Mitarbeiterin der kritischen „Nowaja Gaseta“ Anna Politkowskaja, eine Tschetschenien-Expertin, die beim Moskauer Geiseldrama 2002 vermittelte, wurde in Rostow mit einer schweren Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert. Sie war auf dem Weg nach Beslan. Die Ergebnisse erster Laboruntersuchungen, so der Chefredakteur der „Nowaja Gaseta“, Dmitrij Muratow gegenüber RFL, sind auf wundersame Weise abhanden gekommen. RFL-Korrespondent Andrej Babitzki, ebenfalls Richtung Beslan unterwegs, war am Donnerstag wegen angeblichen Waffenbesitzes auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo festgehalten worden, dann von zwei jungen Männern in eine tätliche Auseinandersetzung verwickelt worden und verbüßt gegenwärtig fünf Tage Haft wegen „geringfügigen Rowdytums“.

Ist inzwischen aufgeklärt, wie es zu den unterschiedlichen Opferzahlen kam?

Der Präsident der Teilrepublik Nordossetien, Alexander Dsasochow, ging schon zu Anfang von 1200 Geiseln aus. Diese Zahl, so RFL, durfte er jedoch ebenso wenig in Umlauf bringen wie die politischen Forderungen, die die Geiselnehmer ihm übermittelt hatten: Unabhängigkeit Tschetscheniens und Abzug der russischen Truppen. Laut RFL, wo man sich auf eine Quelle in der Umgebung Dsasochows beruft, hatte dieser auch Verhandlungen mit Separatistenchef Aslan Maschadow angeboten, der die Geiselnahme scharf verurteilte. Er wurde vom Kreml jedoch zurückgepfiffen.

Wie werden die Verletzten versorgt?

Die Verletzten werden zum größten Teil in Nordossetien selbst versorgt. Viele eher leicht Verletzte wurden zunächst einmal nach Hause geschickt. Schwer Verletzte wurden in die Krankenhäuser der Region eingeliefert. Zudem wurden aus Moskau mobile Feldlazarette eingeflogen. Komplizierte Fälle, vor allem Opfer mit großflächigen Verbrennungen, wurden in Moskauer Spezialkliniken ausgeflogen.

Wie reagiert die russische Politik?

Eine Änderung der Tschetschenienpolitik, wie sie vor allem die nicht mehr im Parlament vertretene demokratische Opposition in Russland fordert, zeichnet sich bisher nicht ab. Polizei und Geheimdienste gehen vor wie bei früheren Anschlägen: Verschärfte Kontrollen, Verstärkung der Straßenposten, Appelle an die Bevölkerung zu erhöhter Wachsamkeit. Präsidentenberater Aslambek Aslachanow sagte „Echo Moskwy“, Putin könnte in den nächsten Tagen „unpopuläre Maßnahmen“ in Kraft setzen. In der Duma, so der unabhängige Abgeordnete Wladimir Ryschkow gegenüber RFL, lägen denn auch bereits mehrere Entwürfe für einen weiteren Rückbau der Demokratie.

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