Zeitung Heute : Bleibt alles anders

Der Tagesspiegel

Von Katja Füchsel

Es ist der Platz, der ihnen gebührt. Bückware. Ganz unten im Regal verstauben inzwischen wieder die Gasmasken. Die Vitrinen sind im Armee-Depot anderen Dingen vorbehalten: den Handschellen, Pilotenbrillen, Winkeltaschenlampen und der Nato-Tarnschminkcreme. „Die Gasmasken dürfen wir nur noch für Dekorations-Zwecke abgeben“, sagt Dana. Und findet das auch gut so. „Wir kamen uns ja selber schäbig vor, die zu verkaufen.“

Das war nach dem 11. September. Als vor einem halben Jahr der Anschlag auf das World Trade Center in New York der westlichen Welt vor Augen führte, wie verletzlich sie ist. Die Angst vor Krieg und Terror hat dem Army-Laden in der Karl-Marx-Straße damals eine neue Kundenschicht zugeführt: „Die alten Leutchen“, wie Dana sagt. Und die „Bunker-Bauer“. Kunden, die sich in einem Keller für den Ernstfall mit Konserven, Radio und Gaskocher eingerichtet hatten. Ihnen fehlte nur noch die Maske. Für 20,40 Euro das Stück. Oder besser gleich die für 25,51 Euro.

Etwa zwei Monate ging das so. Dann schickte das Bezirksamt Inspekteure vorbei. Außer zu Dekorationszwecken gilt der Verkauf von Gasmasken seither als verboten. Weil die Masken im Ernstfall nichts bewirken. Zurückgetragen haben die „alten Leutchen“ ihre Masken trotzdem nicht. Dana zuckt lachend mit den Schultern. „Vielleicht haben sie die jetzt in der Wohnung als Deko aufgehängt.“

Mehltüten gehamstert

Es war ein Dienstagnachmittag, kurz vor drei, als die Probleme Berlins plötzlich in weite Ferne rückten. Als am 11. September die Normalität zu Kostbarkeit wurde. Die Menschen trieb es wieder in die Kirchen. Lichterketten und Mahnwachen verbanden Fremde im Schrecken. In den Betrieben versammelte sich die Belegschaft zur Schweigeminute. Und die Supermärkte vermeldeten die ersten Hamsterkäufe: Mehltüten, Brotpäckchen, Wasserflaschen.

Beim Berliner Krisendienst, Europas größter Telefonseelsorge, ist man Ausnahmezustände gewohnt. Doch am 11. September begannen die Telefone kurz nach den ersten Fernsehbildern zu läuten. Einige Anrufer waren in Panik, trauten sich nicht mehr aus dem Haus. Alte Menschen riefen an, die sich an ihre Kriegserlebnisse erinnerten. Mütter, die Angst davor hatten, dass die Söhne in den Krieg eingezogen werden. Inzwischen ist beim Krisendienst wieder der Alltag eingezogen. Am Telefon geht es wieder um Arbeitslosigkeit, Trennung, Verlust – und den ewigen Berliner Spitzenreiter: die Einsamkeit.

Cocktails im Sperrgebiet

Was vom 11. September übrig blieb? Von den weinenden Jugendlichen vor der amerikanischen Botschaft? Von dem Blumenmeer? Den Kerzen? Zunächst einmal: die Absperrgitter, Wachen und ein Container. „Die Sicherheitsmaßnahmen bleiben hoch“, sagt ein Sprecher der amerikanischen Botschaft. Vollends abgerissen sei die Anteilnahme nicht. Am kommenden Dienstag beispielsweise erwarte man einen Vertreter vom Bundeskriminalamt. Samt Scheck. Rund 7200 Euro übergibt der Mann für die getöteten Polizisten in New York.

Auf den Fluren der Botschaft erinnert nichts an den Anschlag. Kein Foto, keine Tafel, keine Gedenkecke. „Die Veränderung ist in den Köpfen“, sagt der Sprecher. Und spricht dann über Kampf gegen den Terrorismus – eine „ernste langfristige Angelegenheit“.

Gleich nebenan hielt sich mal einer für einen „Kriegsgewinnler“: Günter Windhorst, Chef der gleichnamigen Bar in der Dorotheenstraße. Am Abend leuchtet hier zwei Meter hinter der Absperrung der Neonschriftzug der Bar. Alle, die da reinwollen, müssen in einem Wellblech-Container den Personalausweis abgeben, sich abtasten und die Tasche durchsuchen lassen. Im September hat Deutschlands bestbewachte Bar noch Touristen und Schaulustige angezogen. Inzwischen nervt die Warterei auch die Stammgäste. Mehrere hundert Mark fehlen ihm jeden Abend in der Kasse, sagt Windhorst. Aufgeben will er nicht.

Todesdrohungen

Mohammed Herzog hat weiße Haare, trägt einen Bart und Brille. Er war einer der ersten Muslime, die sich nach dem 11. September von den Anschlägen distanzierten. „Wer immer die Hintermänner dieser blutigen Tat sind, beim Islam können sie keine Rechtfertigung finden“, sagte der Vorsitzende der Islamischen Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime. Der 57-jährige gebürtige Berliner hieß früher Hartmut Herzog, arbeitete viele Jahre für den amerikanischen Baptisten-Missionar Billy Graham, bevor er 1979 zum Islam übertrat. Nach dem 11. September wurde auch die islamische Gemeinschaft zum Ziel von Drohungen. Muslime wurden in Berlin bespuckt und Frauen die Kopftücher heruntergerissen, sagt Herzog. Einen der Anrufe hat er gespeichert: „Ich will euch jetzt mal mit Schweinefleisch füttern, euch die Kehle hinterher durchschneiden, ihr gläubigen Säue.“

Einige Tage hatte Herzog zwei Bodyguards, die ihn begleiteten. Dann wechselte die Stimmung langsam. „Die Leute zeigten plötzlich viel mehr Interesse am Islam.“ Schulklassen und christliche Hauskreise melden sich auch heute zu den Moschee-Führungen an. Oder zu Herzogs Vorträgen „Einführung in den Islam“. Im Interkulturellen Haus wird dann anschließend über Religion und Krieg diskutiert. Herzog zitiert sich gewissermaßen selber, wenn er sagt: „Der Islam ist nicht radikal, die Menschen sind radikal.“

Späße mit der Angst

Die Bilder aus New York haben damals die Erkenntnis ein Stück mehr ins Bewusstsein gerückt: Jeder Tag könnte der letzte sein. Während die Welt noch versuchte, das Unfassbare zu begreifen, trieben andere makabere Späße mit der Angst. Verschickten Backpulver in Briefen. Drohten anonym mit Attentaten. Legten Bombenattrappen aus. 258 Trittbrettfahrer hat der polizeiliche Staatsschutz allein in Berlin gezählt. Misstrauen machte sich breit, der Terrorismus lauerte plötzlich überall. Knapp 1200 Hinweise gingen bei der Polizei ein: Die Nachbarn bekommen immer so merkwürdigen Besuch... An den Bewegungen des Kontos ist etwas faul.. . Da läuft ein Bartträger mit einem verdächtigen Paket durch die U-Bahn.. .

Kerzen, Blumen, Zettel

Für den Schulleiter war es eine Art Symbol. Als in der vergangenen Woche die Polizei anrückte und auch die letzten Halteverbotsschilder vor der John-F.-Kennedy-Schule abmontierte. Damit fiel hier die letzte Vorkehrung in Sachen Sicherheit. Nach dem 11. September bewachten wochenlang Polizisten das Areal der amerikanisch-deutschen Schule. In den Klassenräumen wurde am Tag danach weder Mathe noch Bio gegeben – sondern geredet. Auf dem Schulhof und in der Wandelhalle richteten die Schüler Gedenkecken ein. Kerzen, Blumen, Zettel. „Das ging über mehrere Wochen“, sagt Schulleiter Ulrich Schürmann. Als die Austauschschüler aus New York heimkehrten, flammten die Diskussionen wieder auf. Die Themen Religion und Terrorismus haben laut Schürmann in den Kursen einen neuen Stellenwert bekommen. „Das läuft sehr viel intensiver als früher.“ Und noch etwas hat sich am Teltower Damm geändert: Früher, etwa beim Golf-Krieg, musste man auf die ersten Proteste der Schüler nicht lange warten. „Da wurde viel und laut protestiert.“ Seit den Terroranschlägen aber herrsche unter den Schülern eine große Übereinstimmung , sagt Schürmann. „Die pazifistische Position der PDS hat an unserer Schule keine Anhänger gefunden.“

Die Heimat ruft

Auf dem Tisch steht Coca Cola. Ansonsten geht es an diesem Abend im afghanischen Kulturzentrum eher spartanisch zu: Etwa 20 Männer und Frauen sitzen im Kreis und diskutieren. Seit Monaten die immer gleiche Frage: „Soll man nach Afghanistan gehen, um dort beim Aufbau zu helfen“, sagt Sadour Zamani. Das Kulturzentrum in Neukölln ist der einzige Treffpunkt der Berliner Gemeinde mit rund 1000 Mitgliedern. Manche waren in den letzten Monaten im Land. Und fühlten nach einigen Tagen angesichts der Armut und des Elends nur noch Hilflosigkeit. Zamani wollte auch zurück in die Heimat, doch es geht ihm wie vielen seiner Landsleute: Er lebt seit über 20 Jahren in Berlin, verdient gut, ist mit einer Deutschen verheiratet, seine Kinder besuchen das Gymnasium. Das soll er jetzt alles hinschmeißen? „Da muss man entweder ein ganz großer Idealist oder sehr opferbereit sein.“

Ticket nach New York

Nichts wird mehr sein, wie es vorher war – dessen waren sich nach dem 11. September alle sicher. Die Politiker stellten für ein paar Tage den Wahlkampf ein, Veranstalter sagten ihre Feste ab, Kinos nahmen die Actionfilme aus dem Programm. In den Berliner Clubs ertönten statt House-Musik eines Nachts langsame Pianoklänge, schließlich die Stimme von John Lennon: „Imagine. . .“ Zum Gedenken an die Terroropfer in den USA. In Frankfurt meldeten sich in den ersten Tagen nach den Anschlägen 200 Flugbegleiter krank. Auch die Urlauber wollten nicht mehr fliegen, stornierten vor allem die Reisen in die USA und den Nahen Osten. „Das ist bei weitem nicht mehr so extrem“, heißt es bei Last Minute Tours. Seit Februar steige sogar das Interesse an New-York-Flügen wieder merklich. Erholt hat sich das Geschäft offenbar auch bei Europa-Reisen. Keine Zeit, sagt die Frau gehetzt am Telefon. „Der Laden brummt!“ Fast so wie es früher einmal war.

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