Zeitung Heute : Bleibt am Ball

Hoch schaukelten die Gefühle, bis Deutschland enttäuscht, nicht verbittert, schlafen ging. Ist mit der WM ein neues Land erwacht?

Axel Vornbäumen

Der Tag danach. Der 5. Juli. Ja, man hat wieder Helden, fassungslos einige und mit Tränen in den Augen. Tränen der Rührung sind es und, natürlich, Tränen der Freude. Was muss das für ein Morgen gewesen sein, was für ein Gefühl, damals, 5. Juli 1954, das „Wunder von Bern“, der Sieg gegen die Ungarn, das Tor aus dem Hintergrund von Rahn, alles erst eine Nacht lang her. Ein Land wacht auf und ist wieder wer.

Der 4. Juli, war das nicht der heimliche „Unabhängigkeitstag“ der Deutschen? Ein Datum zum Festklammern. Man hatte doch alles zur Hand dieses Mal, oder nicht? Historische Querverweise. Analogien. Statistiken. Das ganze Material der Hoffnung. Und den Papst in Rom, bitte sehr. Und Klinsmann. Klinsmann. Klinsmann. Hatte einen, der Weltmeister werden wollte, einen, der Deutschland tatsächlich glauben machte, dass es Weltmeister werden könne, schier endlose 25 Tage lang, und jeden Tag ein bisschen mehr.

Klinsmann. Der war doch schon Weltmeister. Suggestions-Weltmeister. Und nun auch noch Dortmund. Ausgerechnet. Dort, wo sie auf der Südtribüne stehen wie eine Wand. Wo sie den zwölften Mann bilden, von jeher. Wo sie der großen Sache die große Emotion mit auf den Weg geben. Dortmund, wo vorher noch nie was schief gegangen ist für Deutschland. Statistisch. Wie hieß der Coca-Cola-Spruch – weiß auf rotem Grund? „Statistisch gesehen ist Deutschland in Deutschland immer Weltmeister geworden.“ Gut, da ist ein bisschen flitternde Ironie dabei gewesen. Aber 32 Jahre lang hat das schließlich gestimmt. Bis zu dieser verflixten 119. Minute in dieser schwülen Dortmunder Sommernacht, bis Grosso aus Palermo kam, ein Außenverteidiger, einer aus der italienischen Betonmischerfraktion. 4. Juli 2006, 23 Uhr 26.

Minuten später nur steigt der Bundespräsident in die Katakomben des Westfalenstadions, die Kanzlerin im Schlepptau. Horst Köhler und Angela Merkel, Deutschlands Nummer eins und Deutschlands Nummer drei, sind bei Deutschlands verschwitzten vierzehn in der Kabine, dort, wo gerade eine Vision zerplatzt ist, wie Christoph Metzelder sagt, ein Mann, der sich über den Spielfeldrand hinaus so seine Gedanken macht. Köhler. Merkel. Bei unseren Jungs. Der Bundespräsident gibt jedem Spieler die Hand, sagt, dass sie sich „in die Herzen der Nation“ gespielt haben. Auch der Satz „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ fällt. Der Klassiker. Was soll man sagen in solchen Momenten?

Helmut Kohl hat das auch gemacht, hat die Nähe gesucht, damals, 1990 in Rom, doch damals ist es auch gut ausgegangen. An diesem 4. Juli aber ist es nicht ein Sich-Sonnen im Erfolg der anderen, es ist eine Geste, die Verneigung davor, dass da – womöglich – mehr entstanden ist in diesen vergangenen knapp vier WM-Wochen als bloß gefälliges Offensivspiel. Jürgen Klinsmann – noch oder vielleicht auch gerade unter dem Eindruck der bitteren Niederlage – findet die Worte, die es wohl am besten beschreiben: „Wir haben der Welt ein anderes Gesicht von Deutschland gezeigt.“

Nun ist es ein wenig zerknittert, dieses Gesicht, aber allenthalben sind am Tag danach die Bemühungen zu spüren, den Faltenwurf dauerhaft zu glätten. An diesem Mittwoch sind die Fahnen an den Autos noch nicht abmontiert, die dieses neue Deutschland-Gefühl sichtbar transportiert haben, jene plötzlich gekommene massenhafte Unverkrampftheit mit nationaler Symbolik, und Horst Köhler ist froh, „dass ich nicht mehr der Einzige bin mit einer Flagge am Auto“. Der Bundespräsident hat der „Bild“-Zeitung ein Interview gegeben zum neuen Nationalgefühl. Nun soll es, so wie schon sein Auftritt in der Dortmunder Kabine, Aufmunterung sein, der vorgetragene Wunsch, dass da was bleibt. „Wir wissen, wo wir hingehören“, sagt der Bundespräsident, „wir wissen unsere Heimat zu schätzen, und wir fühlen uns für sie verantwortlich.“ Dann verkündet er sein Credo: „Wir können viel erreichen, wenn wir Mut haben, Neues zu wagen.“ Vorne, auf Seite eins, würdigt das Blatt, das wie kein anderes den kritisiert hat, der etwas Neues gewagt hat, mit gewohnter Emphase: „Ihr seid trotzdem Helden“ steht über einem Foto vom Bundestrainer, der am Dortmunder Spielfeldrand entsetzt die Hände vors Gesicht schlägt.

Ja, das Land hat wieder Helden. Viele – und einen ganz besonders: Jürgen Klinsmann. Nun wird gegrübelt, am Tag danach, wie viel Druck man aufbauen darf, auf den Mann, der selbst so immensen Druck aufgebaut hat. Gerhard Mayer-Vorfelder, der Noch-DFB-Präsident, muss Rede und Antwort stehen und kann doch nur sibyllinisch lächeln. Und die, die Klinsmann, „den Jürgen“, vor Wochen noch am liebsten in die Wüste geschickt hätten, hoffen nun inständig, dass er bleibt. Dass er was fortsetzt, weil der Weg allein nicht das Ziel gewesen sein kann.

Ja, es hat sich viel bewegt in den vergangenen Wochen. Viel Bigotterie ist abgefallen und Emphase dazugestoßen. Deutschland singt die Hymne mit, recht textsicher, diskutiert plötzlich über die identitätsstiftende Kraft von nationalen Symbolen an Schulen. Freut sich, der Bundespräsident inklusive, über Kreuzberger Taxifahrer, die die Deutschland-Fahne neben dem türkischen Halbmond wehen lassen.

Und für Momente, wenn man genau hinguckt, sieht es tatsächlich so aus, dass da zusammenzuwachsen beginnt, was lange nicht zusammenwachsen wollte. Es gibt Szenen, die davon künden, erste, zaghafte Belege: ein Frühstückscafé in Berlin-Wilmersdorf am Morgen danach, 5. Juli 2006. Zwei Männer treffen sich, beide Mitte 30. „Hey, Hamil“, ruft der erste, „Italia!“ Der zweite Mann schaut gequält, „lass mich“, sagt er, „ich habe die ganze Nacht geheult“.

Beide sprechen mit starkem Akzent. „Komm, Hamil“, sagt der erste Mann, „jetzt wird eben Frankreich Weltmeister.“ Hamil tröstet das nicht. „Wieso Frankreich?“, sagt er. „Ich bin aus Algerien“, sagt der erste Mann, „ich bin für Zidane.“ Zinedine Zidane, der französische Star, ist gebürtiger Algerier. „Pass auf“, sagt Hamil, „wir machen es so, wir wetten: Ich sage, Portugal gewinnt gegen Frankreich.“ Der Algerier nickt, „ist gut“, sagt er, „um was?“ Hamil überlegt nicht lange, „wenn ich gewinne, kletterst du hier auf den Baum und singst die deutsche Nationalhymne“. Der Algerier erschrickt. „Ich? Singen? Vor allen Leuten?“ Hamil lässt nicht locker, „das ist ja der Witz, vor allen Leuten“, sagt er. Aber der Algerier hat noch einen Trumpf, „ich kenne den Text nicht“, sagt er. „Das ist kein Problem“, sagt Hamil, „den schreibe ich dir auf.“ „Aber in großen Buchstaben“, sagt der Algerier, „und wenn Frankreich gewinnt, singst du.“ Hamil lacht, er schlägt ein.

Es ist noch nicht vorbei. Deutschland hat noch seine Chance.

Und manche kämpfen darum, noch in der selben Nacht. Wollen nicht, dass da so schnell etwas zu Ende geht. Es war doch ein Sommernachtstraum. Noch nicht alle sind zu Bett gegangen, kurz vor halb vier, als der Mannschaftsbus endlich im dunklen Grunewald vorfährt. Hier, in der schmalen Brahmsstraße 10, befindet sich das WM-Quartier der deutschen Nationalmannschaft. Hinter dem Busfahrer sitzt Oliver Bierhoff, daneben die beiden Trainer Klinsmann und Löw. Sie versuchen ein Lächeln, Klinsmann zieht seine Mundwinkel nach oben, dann öffnet sich mit einem leisen Zischen die Tür. „Danke für den tollen Fußball, den ihr uns zeigt!!! Ihr seid so geil!!! Wir sind so unglaublich glücklich, das Hier + Jetzt mit euch erleben zu können!!! Ihr seid die Größten – Die SCHÖNSTEN – DIE SCHLAUSTEN!!!“, steht auf einem Laken, das die 30 deutschen Fans in dieser Nacht an die Absperrgitter geknippert haben und das nun nur noch im schwachen Licht der Straßenlaterne zu sehen ist. Unentwegte. Eine Minderheit, die durchgehalten hat, aber keine Minderheit im Geiste. Die Stimmung im Land ist nicht ins Aggressive gekippt, nur wenige randalieren. Der Rest geht ins Bett, enttäuscht für den Moment, aber nicht verbittert.

Im Grunewald wird’s gleich schon wieder hell. Seit ein Uhr nachts stehen die Fans hier, viele Jungs und Mädchen darunter. „Du bist der Jürgen, der Jürgen Klinsmann“, singen sie nach der Melodie von „You are my sunshine“ – „du kommst aus Stuttgart und nicht aus Baden, und das erfreut mein schwäbisch’ Herz.“ Als die Spieler endlich da sind und aussteigen und die Fans sehen, da lächeln sie. Die Fußballer tragen schwarze Jogginghosen, rote Shirts und ihre Taschen über den Schultern. Manche sind verschlafen, andere haben Kopfhörer im Ohr.

Auch Michael Ballack winkt noch einmal, bevor sich die schwere Gitterpforte öffnet, hinter der die Spieler in ihren Zimmern verschwinden. Stunden zuvor, in den Katakomben des Westfalenstadions, hatte auch der im Lächeln geübte Mannschaftskapitän mit den Tränen gekämpft, als er auf Fragen nach seinem Gefühlszustand antworten sollte. Auch er also war infiziert von Klinsmanns WM-Virus. Ballack, der Abgebrühte. Ballack, der Skeptiker, der von Sieg zu Sieg immer zuversichtlicher geworden war. Doch als der Kapitän aus der Mixed-Zone des Westfalenstadions endlich in die schwüle Nacht entschwindet, da tut er dies mit einem fast sichtbaren Kloß im Hals.

Vielleicht kreisten seine Gedanken in diesem Moment ja um Torsten Frings, darum, was gewesen wäre, wenn er den Bremer während des Spiels in seinem Rücken gehabt hätte, als „Back-up“, wie Klinsmann das ausdrücken würde – und nicht gesperrt auf der Bank. Sie hatten doch auch für ihn gewinnen wollen, für eine höhere Gerechtigkeit sozusagen. Frings und das Italien-Spiel, das wird nun auch so eine Legende werden. Denn die Sperre gegen den Bremer basierte letztlich auf Hinweisen der Italiener. Das neue Deutschland, wenn’s denn eines wird, wird seine alten Rivalitäten zu pflegen wissen.

In Dortmund jedenfalls ist da am Dienstagabend ein weiteres Kapitel geschrieben worden – im Stadion selbst hat der Fall Frings die Atmosphäre sehr belastet. Die Italiener jubeln ironisch, als Frings aus dem Mannschaftsbus steigt und auf der Leinwand zu sehen ist. Und die Deutschen kontern. Fortan wird jede gesangliche Regung der Italiener in einem gellenden Pfeifkonzert erstickt. Bei der Ankunft der Mannschaft, beim Warmmachen, beim Vorlesen der Aufstellung, immer wieder dröhnten die Pfiffe der Deutschen ohrenbetäubend laut durch das Stadion.

In München bewegt um dieselbe Zeit ein leichter Wind die Deutschlandfahnen, die sich die Menschen auf ihre Rücken gebunden haben. Der Wind kommt aus südlicher Richtung, aus dem benachbarten Italien. „Ihr seid nur ein Pizzalieferant“, singen Hunderte im Biergarten am Nockherberg, als auf den Bildschirmen die italienischen Spieler einlaufen. Bei der Nationalhymne des Nachbarn pfeifen viele, selbst in der entspanntesten Stadt Deutschlands wird das Halbfinale sehr ernst genommen. Deutschland kämpft auch in München aufopferungsvoll, ein Mädchen im Kleid steht abseits und betet. Dann fallen die Tore – und eine Stille legt sich über den Biergarten, die bei dieser Weltmeisterschaft noch nicht gehört wurde. Die betende Frau weint. Der Wind aus Italien rauscht durch die Bäume.

Am Samstag kommen alle wieder, dann wird es ein wenig weniger ernst.

Mitarbeit: André Görke, Robert Ide, Armin Lehmann und Helmut Schümann

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