Zeitung Heute : Blick auf Berlins Blüte

Kunst als Spiegel der Gesellschaft: ein Rückblick auf 175 Jahre Staatliche Museen zu Berlin

Christina Tilmann

Lassen wir die Steine sprechen: „Fridericus Guilelmus III. studio antiquitatis omnigenae et artium liberalium museum constituit“. Von Friedrich Wilhelm III. gewidmet dem Studium jeder Art von Altertümer und der freien Künste, steht in goldenen Lettern am Gebälk des Alten Museums am Berliner Lustgarten. Ein Bildungs- und Kunstprogramm als Gegengewicht zu den Nachbarn Schloss, Dom und Zeughaus.

Am benachbarten Neuen Museum, bis 1859 von Friedrich August Stüler errichtet, schreien die Steine dagegen. Schreien noch heute von Krieg und Zerstörung, Barbarei und Vandalismus. 41 Jahre lang, seit dem verheerenden Bombentreffer im Februar 1945, lag das Gebäude als Ruine da, Bäume wuchsen aus dem Dach. Weitere 23 Jahre wird man bis 2009 benötigt haben, um die gravierenden Kriegsschäden zu beheben.

Und noch eine Inschrift, die der Alten Nationalgalerie: „Der deutschen Kunst MDCCCLXXI“, prangt es stolz am Giebel des Tempelbaus am Ufer der Spree. Eröffnet wurde das Haus zwar erst 1876, doch das Jahr der Reichsgründung 1871 war symbolisch gemeint. Da war von Wissenschaft und aller Welt schon längst nicht mehr die Rede. Nationalismus prägt das Gefühl der Zeit.

Altes Museum, Neues Museum und Alte Nationalgalerie bilden das erste Berliner Museumsforum, errichtet in fast fünfzig Jahren, von 1830 bis 1876, und durch einen Kolonnadengang innig zusammengebunden. Es ist der Kern der Museumsinsel – und ein Abbild der Entwicklung deutschen Kunstverständnisses. Was danach kam, das prächtige Bode-Museum (ehemals Kaiser-Friedrich-Museum) an der Spitze der Insel sowie das Pergamonmuseum, waren nur Ausdehnungen in die Breite. Mehr Kunst, mehr Ausgrabungen, mehr Platz. Das Programm jedoch stand fest.

Insgesamt ist das Ensemble der fünf Häuser auf der von Spree und Kupfergraben umflossenen Insel ein einzigartiger Bildungsparcours, durch Kunst und Kultur aus sechs Jahrtausenden, aber auch durch eine bewegte deutsche Geschichte: vom Königreich Preußen zu Kaiserreich und Weimarer Republik, von den Befreiungskriegen zum Ersten und Zweiten Weltkrieg, von der königlichen Kunstkammer zur bürgerlichen Sammlung, und später, nach Nazi-Diktatur, DDR-Mangelwirtschaft und BRD-Ersatzbauten, zu einem Symbol der deutschen Wiedervereinigung.

Ein Jahrhundert lang, von 1830 bis 1930, hat man an der Museumsinsel gebaut. Fast noch ein Jahrhundert später wird man sie, nach Abschluss des Masterplans, einst wieder in vollem Glanze sehen. Doch die Narben der Zeit bleiben unübersehbar.

Am Anfang stand die Neuerfindung Preußens. Die napoleonischen Kriege hatten dem noch jungen Königreich Sieg und Selbstbewusstsein beschert. Doch die deutsche Einheit, damals schon leidenschaftlich beschworen, war noch fern, und die Staatskassen waren leer. Die Lösung hieß: Kunst und Kultur, ein Spree-Athen, wie es Schinkel in seinem berühmten Bild „Blick in Griechenlands Blüte“ als Ideal beschworen hat.

Schon 1797 hatte der Berliner Archäologe Aloys Hirt in einem Vortrag die Gründung eines Kunstmuseums angeregt. 1809/10 hatte Wilhelm von Humboldt die erste Berliner Universität gegründet, in unmittelbarer Nachbarschaft am Boulevard Unter den Linden. 1820 berief König Friedrich Wilhelm III. eine Museumskommission ein, ab 1822 plant Schinkel sein Museum. Die Konkurrenz war groß, ebenso der Wunsch, mit den Konkurrenten gleichzuziehen: Paris und London hatten mit Louvre und British Museum längst ernst zu nehmende Sammlungen.

Das Ergebnis ist ein Bau, der bis heute vorbildlich ist: ein zum Lustgarten geöffneter Kunst-Tempel, zwei großzügige Rundgänge im Erd- und Obergeschoss, und im Herzen die Rotunde, ein Pantheon für kostbare Antiken. Was sich hier in schönstem klassizistischen Gewand präsentiert, ist eine Nation der Wissenschaft und Kunst, der Diskussion und Offenheit, der Helligkeit und des gesunden Maßes. Es ist vor allem: eine bürgerliche Nation. Sie wird sich in den kommenden Jahrzehnten rasant weiterentwickeln, wird nach Goethes und Winkelmanns Antikenbegeisterung die Geschichte entdecken, die Archäologie und schließlich die weite Welt. Doch sie wird sich auch verengen, wird nationalistischer, kolonialistischer, schließlich imperialistisch. Von beidem, Glanz und Elend, künden die Museen.

Mit der Reichsgründung 1871 und der Eröffnung der Nationalgalerie wandelt sich das Kräfteverhältnis in den Museen der jungen Reichshauptstadt. Entscheidend ist nicht mehr der kunstsinnige König, der wie Friedrich Wilhelm IV. Sammlungen einkauft, von „Freistätten für Kunst und Wissenschaften“ träumt und sogar selbst Museumsentwürfe abliefert.

Es schlägt die Stunde der Direktoren und Sammler. Ab jetzt müsste man die Berliner Museumsgeschichte eigentlich als ihre Geschichte erzählen. Müsste Wilhelm von Bode, den Mastermind und mächtigsten Museumsmann der Zeit würdigen, der mit seiner Vorstellung einer Präsentation im Zeitkolorit, mit „period rooms“, die Malerei, Skulptur und Kunstgewerbe einer Epoche vereinen, stilprägend geworden ist. Müsste von James Simon erzählen, dem stillen Finanzier im Hintergrund, der mit 30000 Goldmark pro Jahr die ägyptischen Grabungen finanziert, den Museen seine Malerei- und Skulpturensammlung von Mantegna bis Andrea della Robbia vermacht, und am Ende bescheiden jede Ehrung ablehnt. Müsste schließlich Carl Justi ehren, der, von den Nazis aus dem Amt vertrieben, nach dem Krieg als Generaldirektor auf eine zerstörte Museumsinsel zurückkehrt und der Legende nach durch eine Umbenennung in Bode-Museum verhindert, dass das zu stark mit Preußen assoziierte Kaiser-Friedrich-Museum abgerissen wird. Und man müsste die treuen Museumsvereine erwähnen, die bis heute mit Spenden und Vorträgen den Aufbau und Erhalt der Sammlungen begleiten. Der Reichtum der Berliner Museen und ihr Stolz stammt aus dem Bürgertum der Kaiserzeit.

Der Kaiser, wie später Diktatoren und Diktaturen, tritt hier höchstens als Bremser und Verhinderer auf. Die Alte Nationalgalerie, der nach Plänen Friedrich Wilhelms IV. erbaute Kunst-Tempel an der Spree, ist der letzte große Wurf der preußischen Königszeit – und wird Austragungsort des Berliner Kunst-Streits. An der nationalen Widmung des Hauses „Der deutschen Kunst“ entzünden sich die Geister. Schon Max Jordan, der erste Direktor, hadert mit dem Auftrag, erwirbt zwar Menzel, Böcklin und Feuerbach, und muss doch erleben, dass Peter Cornelius’ monumentale Antiken-Kartons zum Gipfel der Kunst und kaiserlichen Gunst erklärt werden.

Hugo von Tschudi, 1896 zum Direktor der Nationalgalerie ernannt, geht entschieden einen Schritt weiter: Er kauft auf Anraten Max Liebermanns französische Impressionisten, Manet, Cézanne, Monet, Degas, Renoir und Rodin. Der Kaiser interveniert: Jeder Ankauf sei von ihm zu genehmigen, die von Tschudi gewählte Hängung rückgängig zu machen. Nach jahrelangem Streit geht Tschudi 1909 nach München, nimmt seine auf Vorrat gekauften Gemälde, darunter Werke von van Gogh und Gauguin, mit und bereichert mit ihnen die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

Glücklicher als mit der Nationalgalerie wird Wilhelm II. mit einem anderen Zweig der Berliner Sammlungstätigkeit, der bald die Oberhand gewinnt. Im Wettlauf mit Großbritannien und Frankreich engagieren sich Berliner Wissenschaftler immer mehr in der Archäologie. Ägypten, Türkei, der Vordere Orient, Persien und Kleinasien sind die Hauptschauplätze der Aktivitäten. Ab Beginn des 20. Jahrhunderts kommen die Prunkstücke in Massen nach Berlin: das Ischtar-Tor und die babylonische Prozessionsstraße, das Markttor von Milet, die Mschatta-Fassade und das Aleppo-Zimmer, das Tempeltor von Kalabscha und die Palastfassade von Tell Halaf, der Schatz des Priamos und Nofretete. Der Sinnspruch des Alten Museums, das Studium jeder Art von Altertümern, erfüllt sich auf der Berliner Museumsinsel. Auf wissenschaftlich herausragendem Niveau entsteht eine Sammlung, die international ihresgleichen sucht.

Dieser Zwiespalt wirkt bis heute nach. Immer wieder, zuletzt bei den kriegsbedingten Zerstörungen im Nationalmuseums von Bagdad und überall im Irak, sind die Berliner Museen wertvolle Kooperationspartner und Hilfeleistende gewesen. Immer wieder werden aber auch Forderungen nach Rückgabe der nach Berlin verbrachten Altertümer wie Pergamon-Altar oder Nofretete laut.

Die Museumsinsel zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht in einer veränderten Stadt – und in einer veränderten Welt. Daher ist es nur konsequent, dass sich auch der Blick auf ihre Präsentation verändert. Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann hat immer wieder gefordert, Ernst zu machen mit dem Brüder-Duo Wilhelm und Alexander von Humboldt, mit Europa und Übersee, Antike und Gegenwart. Er will die seit der deutschen Teilung in der ganzen Stadt, in Dahlem, Charlottenburg und am Kulturforum verstreuten Museumsschätze wieder auf der Insel, auf den benachbarten Museumshöfen sowie am Schlossplatz vereinen.

Wilhelm von Bode beging den Fehler, mit der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung ausweichen zu wollen von der aus allen Nähten platzenden Insel. Der Archäologe Richard Schöne hat ihn scharf zurückgepfiffen und dafür plädiert, das Gesamtkunstwerk Museumsinsel zu erhalten. „Alle Sammlungen der großen Kunst sollen auf der Museumsinsel bleiben“, war seine Forderung.

Nun bekommt er spät recht: Geht es nach Wünschen der Masterplaner, kehrt selbst die Gemäldegalerie eines Tages an ihren Ursprungsort zurück. Auf dass das „Studium jeder Art von Altertümer und der freien Künste“ hier wieder möglich werde.

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