Zeitung Heute : Blick ins Ei

Hartmut Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Mehr Erfolg bei künstlicher Befruchtung

Hartmut Wewetzer

Viele Frauen widmen sich heutzutage zunächst Beruf und Karriere. Erst später kommt der Kinderwunsch. Aber je älter sie sind, umso schwieriger ist es, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen. Auch eine künstliche Befruchtung ist keine Erfolgsgarantie. Da kommt eine Meldung aus der britischen Zeitung „Guardian“ gerade recht: „Eine neue Methode zur künstlichen Befruchtung verdreifacht die Erfolgsrate“, schrieb die Zeitung dieser Tage.

Was steckt dahinter? Amerikanische Ärzte hatten weibliche Eizellen auf überzählige oder fehlende Erbträger (Chromosomen) untersucht und nur die intakten Eier nach der Befruchtung in die Gebärmutter eingepflanzt. Die Geburtenrate lag bei mehr als 70 Prozent. Normalerweise liegt sie deutlich niedriger, etwa bei 25 Prozent – mal etwas darüber, mal etwas darunter. Weil nicht Embryonen, sondern lediglich Eizellen getestet werden, wäre das Verfahren sogar in Deutschland mit seinem strengen Embryonenschutz erlaubt.

Die Wissenschaftler vom Sher-Institut für Reproduktive Medizin in Las Vegas untersuchten die Polkörperchen der Eizellen von Frauen mit Kinderwunsch. Die Polkörperchen entstehen beim Heranreifen des Eis durch zwei Teilungen des mütterlichen Erbguts, Reifeteilung (Meiose) genannt. Schaut man sich dann die Chromosomen in den Polkörperchen an, erlaubt das Rückschlüsse auf die Eizelle. So kann eine falsche Verteilung der Chromosomen auf die Tochterzellen bei der Meiose erkannt werden. Und genau diese gilt als häufige Ursache für Unfruchtbarkeit, besonders bei älteren Frauen.

Die US-Ärzte untersuchten, ob die Zahl der Chromosomen in den Polkörperchen korrekt war oder nicht. Dabei verwendeten sie eine Technik, mit der es möglich ist, alle Chromosomen zu untersuchen. Befruchtet wurden danach nur die Eizellen, bei denen die Analyse der Polkörperchen einen intakten Chromosomensatz ergeben hatte. 26 von 35 teilnehmenden Frauen brachten mithilfe dieser Embryonen gesunde Babys zur Welt.

Das klingt auf den ersten Blick sehr gut. Da die Hälfte der Fehlgeburten in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten auf das Konto von Chromosomenstörungen geht und die Häufigkeit dieser Störungen mit dem Alter der Frau zunimmt, leuchtet es ein, den weiblichen Anteil durch einen „Ei-Check“ zu verringern. Bei Spermien geht das nicht, sie haben keine Polkörperchen.

Trotzdem muss das Ergebnis mit Vorsicht genossen werden. „Es klingt interessant, aber die kleine Zahl der Teilnehmerinnen lässt noch keinen endgültigen Schluss zu“, sagt Heribert Kentenich, Spezialist für künstliche Befruchtung an den DRK-Kliniken in Berlin. Die gleiche Ansicht vertritt Kentenichs Kollege Klaus Diedrich von der Uniklinik Schleswig-Holstein in Lübeck. „Das ist noch kein Beweis. Bisher fehlt eine Studie, in der die Polkörper-Untersuchung objektiv mit der herkömmlichen Behandlung verglichen wird.“ Verdreifachte Erfolgsrate? Man sollte nicht zu früh jubeln, auch wenn’s verlockend klingt.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!