Zeitung Heute : "blick nach rechts": "Das gilt doch nur für Latinos"

Frank Jansen

Der kleine Mann auf dem Bildschirm wirkt nicht gerade nett. Erst quillt ihm "laber laber" in Frakturschrift aus dem Mund, dann "Deutschland den Deutschen", "Ausländer machen unsere Frauen an" und "Vom Holocaust hat Hitler nichts gewusst". Prompt blinken Antworten auf. Auf "Ausländer machen unsere Frauen an" kommt: "Das gilt doch nur für Latinos", "Viele Männer belästigen Frauen" und "Sie sind einfach selbstbewusster". Nun muss schnell eine Antwort angeklickt werden. Wer sich für einen Rassistenspruch à la "das gilt doch nur für Latinos" entscheidet, bekommt Punkte - allerdings weniger als ein User, der auf "Viele Männer belästigen Frauen" tippt. Wer alle Parolen - es gibt sie reichlich - korrekt kontert, kann 10 000 Punkte schaffen. Das wollen offenbar viele. Der Andrang ist beachtlich, die highscore-Liste prall.

Das Quiz mit dem Sprechblasenmann, der an die Spielautomatenfigur "pac-man" erinnert, nennt sich "ploppattack" und erscheint auf einer Website der Zeitschrift "blick nach rechts". Der SPD-nahe Informationsdienst hat sein Erscheinungsbild im Netz aufgepeppt - mit dem Ziel, neben Experten auch Jugendliche anzusprechen. Das scheint zu gelingen, obgleich nicht nur lupenrein demokratisch gesonnene Mitmenschen anklicken. In der Highscore-Liste tauchen Namen wie "Jörg Haider" und "Franz Schönhuber" auf, sogar Ernst Jünger, seit 1998 tot, mischt bei ploppattack mit. Einige User möchten wohl provozieren. Es gibt aber auch Insignien wie "toleranz!"

Das am Donnerstag in Berlin vorgestellte, in Kooperation mit dem "wegewerk Medienlabor" gestaltete Fragespiel ist nur eine der Innovationen, mit denen der "blick nach rechts" auf das gestiegene Interesse an Aufklärung über rechte Machenschaften und Strukturen reagiert. Mit einer Karte, in der einschlägige Delikte vermerkt werden, und weiterem Meldungsservice will der blick nach rechts noch mehr Informationen bieten. Obwohl die 1986 ins Leben gerufene, in den Verlag der sozialdemokratischen Monatszeitschrift "vorwärts" eingebundene Broschüre schon lange jedem Experten und Laien, der sich mit Rechtsextremismus beschäftigt, als Pflichtblatt gilt. Die Hefte (Auflage: 1500 Exemplare) in dem markantem Gelbton bieten alle 14 Tage eine Vielfalt an Nachrichten und Analysen, die manchen Verfassungsschutzbericht als Altpapier erscheinen lässt.

Dass der "blick nach rechts" nur von einer einzigen Redakteurin - Gabriele Nandlinger - zusammengestellt wird, ist ein kleines Wunder - das nun etwas stärker grundiert werden soll. Laut "vorwärts"-Chefredakteur Frank Suplie wird eine wissenschaftliche Hilfskraft eingestellt, ein weiterer Mitarbeiter soll mit dem breiten Inforamtionsangebot gezielt Schulen "beackern". Dort bereits aktive Initiativen können sich übrigens, wie auch andere Projekte, am Wettbewerb des Informationsdienstes unter dem Motto "Du gegen Rechts" beteiligen. Weitere Informationen gibt es bei www.bnr.de.

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