Blick zurück : Mensch gegen Hose

Eine Jeans, die man richtig und ausnahmslos super findet, ist das Gegenteil von Alltagskleidung.

Elena Senft
Elena am Schirm
Elena Senft ist Tagesspiegel-Kolumnistin und kompromisslose Jeansträgerin. -Foto: privat

Es ist traurig, aber wahr: An dem jähen Ende der Beziehung zwischen meinem allerersten Freund und mir war eine Jeans schuld. Wir saßen nebeneinander auf einer Schulhofmauer, er trug eine unheimlich geile schneeweiße Levi’s 501, und es war das erste Mal, dass ich stolz darauf war, mit ihm zusammen zu sein.

Unsere Gesprächsthemen waren begrenzt. Um die peinliche Stille zu brechen, sagte ich: „Coole Hose …“ Er erwiderte, dass er die Hose gegen die wucherhafte Leihgebühr von fünf Mark von seinem großen Bruder geborgt habe. Meinen Gefühlen versetzte diese Information den Todesstoß. Denn damals war der Levi’s-Besitz Pflicht und Gesetz, und wer eine geliehene Levi’s 501 anhatte und das auch noch zugab, der konnte ja auch gleich mit einer Levi’s 901 (dem uncoolen angeblichen Mädchenpendant in Möhrchenform) oder in seiner alten Kinder-Jingler’s um die Ecke kommen.

Es gibt kein Kleidungsstück, das emotional so aufgeladen ist wie die Jeans. Bei keinem anderen Kleidungsstück hat es vergleichbare Wutanfälle in Umkleidekabinen gegeben, bei keinem hat man fester am Stoff gezerrt, um es entgegen allen Gesetzen der eigenen körperlichen Konstitution zu schließen. Nie war man neidischer auf anderer Leute Kleidungsstücke als bei einer richtig gut sitzenden Jeans.

Ein Kampf. Mensch gegen Hose. Ein Paradox außerdem. Denn die Jeans tut so, als sei sie ein legeres, gemütliches Alltagskleidungsstück, ein austauschbares Freizeittrikot, mit dem man auf dem Rasen sitzen und sich ruhig schmutzig machen kann.

Eine Jeans, die man richtig und ausnahmslos super findet, ist dann natürlich das Gegenteil von Alltagskleidung. Als Teenager besaß ich eine zu dieser Zeit sehr angesagte Schlaghose, die an den Füßen trompetenförmig so weit wurde, dass ich aussah wie ein Kaltblutpferd. Es gibt nur ein einziges Foto, auf dem ich mit dieser Hose zu sehen bin, linkisch vor dem eigenen Birkenfurnier-Kleiderschrank posierend. Ansonsten war die Jeans zu schön, zu kostbar, zu lange gesucht, um auf offener Straße getragen und verschlissen zu werden. Sie verschwand, als die Mode vorbei war, fast ungetragen in einen Altkleidersack.

Letztes Jahr war ich zu einer Karnevalsparty eingeladen. Ich ging als Achtziger-Jahre-Frau, hatte eine blousonartige Schlangenlederjacke an, eine Discopalme und die schlimmste Jeans, die ich jemals gesehen hatte: ein Damenmodell der Marke HIS, eine bis unter den Busen hochziehbare, sich in Richtung Fesseln hin verjüngende Marmorjeans mit verzierten Applikationen an der Seite und – jetzt kommt’s! – ohne Gesäßtaschen.

Nicht nur, weil ich mich im Spiegel gesehen hatte, sondern auch aus Prinzip ging der Abend in die Hose. Was, wenn einer denken würde, nur die Jacke wäre Verkleidung, während ich meine normale Hose angelassen hätte. Was, wenn jemand nicht darauf kommt, dass ich diese Hose für drei Euro von Humana habe, sondern denkt, ich hätte die noch zu Hause gehabt, weil ich sie früher tatsächlich getragen habe. Es wurde ein ziemlich spaßfreies Fest. Bei Jeans hört der Spaß nämlich auf.

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