Zeitung Heute : Blick zurück nach vorn

Von Berlin hatte Gerhard Seyfried die Nase voll. 28 Jahre sind genug, sagte er sich, kehrte der Metropole den Rücken und zog in das Schweizer Städtchen Solothurn. Das ist zwar nicht so inspirierend, aber gut für die Seele, erzählt der Zeichner. Und noch einen Grund hat er Lars von Törne verraten: Es gibt dort besseres Gras

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Am besten schmeckt ihm das Gras aus der Umgebung. „Frisch vom Bauern“, sagt Gerhard Seyfried, nimmt einen Zug aus der kleinen Holzpfeife und lehnt sich zufrieden im Sofa zurück. Süßlicher Duft erfüllt sein kleines Arbeits und Wohnzimmer. „Das ist gutes Zeug mit Seele, anders als das hochgezüchtete Gras, das man in Berlin bekommt. Ungefähr so wie ein leichter Weißwein verglichen mit einem Whiskey.“

Weißwein statt Whiskey, Solothurn statt Berlin: Seyfried ist zufrieden mit dem Schritt, den er vor gut einem halben Jahr gemacht hat. Raus aus der Stadt, die fast 28 Jahre lang seine Heimat war, weg von Stress und Verkehrschaos, Lärm, Dreck und Aggressivität, die er seit der Maueröffnung beklagt hatte. „In Solothurn komme ich zur Ruhe“, erzählt er später beim Abendspaziergang durch das westschweizerische Städtchen, das er sich als neue Heimat ausgesucht hat. Dichter Nebel liegt über den mittelalterlichen Häusern, berührt die Dächer des Glockenturms aus dem 15. Jahrhundert und der St.-Ursen-Kathedrale von 1770. Dazwischen verwinkelte Gässchen, pittoreske Fassaden, Kopfsteinpflaster. „Nichts verschandelt, nichts Modernes draufgesetzt – und Satellitenschüsseln sind auch nicht erlaubt“, freut sich Seyfried.

Man merkt, wie sehr der 55-Jährige die historische Kulisse nach seinem Rückzug aus Berlin genießt. Etwas ähnliches war es, das ihm damals so gefallen hatte, als er 1976 als junger Zeichner aus München in die Mauerstadt kam: Gaslaternen, Kopfsteinpflaster, Brunnen an den Straßen. Den Zeichnungen und Comics, die ihn berühmt gemacht haben, war die Sehnsucht nach der Beschaulichkeit seiner Kindheit anzumerken. Wer wollte, konnte in den aufmüpfigen Bildern von knollennasigen Polizisten und fröhlichen Freaks eine Idealisierung des Biotops Berlin-West als Kleinstadt sehen, aufregend und bunt, doch zugleich überschaubar und behütet.

Vom Verlust der Heimat West-Berlin erzählt auch das Bild, das Gerhard Seyfried für die Tagesspiegel-Serie gezeichnet hat. Es ist ein melancholischer Blick zurück, ein Abschiedsgruß an eine Stadt im Umbruch, in der sich der Künstler nicht mehr heimisch fühlte. Vertraute Klassiker aus den 70ern und 80ern wie die Verfolgungsjagd zwischen Polizist und Anarchist, der zum Monster mutierte Pandabär oder Seyfried-typische Wortspiele wie „Marihuanenplatz“ stehen da neben bissigen Kommentaren zu Euro-Rausch, überfüllten Straßen oder einem Tanz ums Goldene Kalb am Potsdamer Platz. Die wachsende türkische Monokultur in Kreuzberg thematisiert er ebenfalls – auch das für Seyfried einer der Gründe, der Stadt den Rücken zu kehren.

In die Schweiz verschlug es ihn eher zufällig. Der auf Drogenliteratur spezialisierte Solothurner Nachtschatten-Verlag veröffentlichte vor drei Jahren noch einmal die gereimte Kiffer-Ode „Hanf im Glück“, die Seyfried in den 90er Jahren zusammen mit dem Autor und Hanf-Vorkämpfer Mathias Broeckers geschaffen hatte. Auch zeichnete Seyfried eine Zeit lang psychedelisch bunte Bilder für eine Schweizer Kifferzeitschrift. Als er die Nase von Berlin voll hatte, sagten seine neuen Freunde in Solothurn, er solle doch zu ihnen ziehen. Just zu diesem Zeitpunkt hatte auch Broeckers, mit dem Seyfried seit Jahrzehnten befreundet ist, genug von Berlin.

Jetzt teilen sich die beiden eine kleine, verwinkelte Maisonette-Wohnung unterm Dach eines der Jahrhunderte alten Solothurner Häuschen. Jeder hat eine Etage für sich, und um klassische WG-Konflikte zu vermeiden, haben sie eine Putzfrau. Vorm Balkon fließt das Flüsschen Aare vorbei, in dem man im Sommer baden kann. Und wenn nicht der Nebel wäre, erzählt Seyfried bei der Hausführung nach dem Stadtrundgang, dann hätte man von der kleinen Dachterrasse einen herrlichen Panoramablick auf die drei Viertausender im Süden: Jungfrau, Mönch, Eiger.

Noch sind sich die beiden späten Junggesellen nicht ganz sicher, wie lange sie es hier aushalten. „Wir bleiben erstmal ein Jahr und sehen dann weiter“, sagt Seyfried. Bislang ist er „zu 85 Prozent zufrieden“. Ihm gefällt der freundliche Umgangston der Menschen, er genießt die kleinstädtische Ruhe und er schwärmt als passionierter Feierabendkiffer für die liberale Drogenpolitik des Landes. Andererseits vermisst er seine Freunde in Berlin. Auch sei das Leben in der Schweiz teurer als erwartet. Dabei muss er erstmals in seinem Leben nicht von der Hand in den Mund leben. Als Zeichner verdiente Seyfried Jahrzehnte lang gerade genug fürs Nötigste, hangelte sich von Vorschuss zu Vorschuss. Seit er vor einem Jahr als Romanautor debütierte, sieht das anders aus. Drei Auflagen wurden von seinem 600-Seiten-Wälzer „Herero“ in einem knappen Jahr verkauft. Im Frühling soll der Roman, der im Deutsch-Südwestafrika des Jahres 1904, während des Herero-Aufstands, spielt, auch als Taschenbuch erscheinen.

Das Geld für „Herero“ ermöglicht ihm jetzt sein neues Projekt. Diesmal geht es um den Kampf der so genannten Stadtguerilla in der Bundesrepublik der 70er Jahre, vor allem um die Gruppe, die sich Bewegung 2. Juni nannte und deren bekannteste Tat die Entführung des Berliner CDU-Parteichefs Peter Lorenz war. „Ich will die Stimmung von damals schildern, versuche zu erklären, wie die Menschen in die Situation reingeschlittert sind.“ Lorenz war 1975 nach 50-tägiger Entführung im Austausch gegen eine Gruppe „politischer Gefangener“ freigelassen worden. Anders als die Rote Armee Fraktion, die der junge Seyfried zu skrupellos fand, war ihm der „2. Juni“ sympathisch. „Ich dachte damals, man kann ohne Gewalt nichts ändern.“ In München und in Berlin hatte er Freunde aus dem Umfeld der Gruppe. Erst um 1980 – „da wurden sie arrogant“ – änderte Seyfried seine Ansichten.

Eine Abrechnung soll sein Buch dennoch nicht werden, sagt er, während er in der kleinen Küche einen Kaffee aufsetzt. Eher eine tragische Liebesgeschichte, an deren Beispiel er zeigen will, was mit Menschen geschieht, die in eine so außergewöhnliche Situation wie damals geraten. Im kommenden Herbst soll das Buch erscheinen. Bis dahin will Seyfried seinen Zeichenstift ruhen lassen. Abgesehen vom Tagesspiegel-Bild und einigen wenigen Auftragsarbeiten möchte er sich jetzt ganz auf den Feinschliff des Romans konzentrieren.

An den berühmten Comic-Künstler Seyfried erinnern in seiner neuen Wohnung nur noch wenige Utensilien: ein Satz farbiger Filzstifte auf dem Schreibtisch, eine Handvoll kleinformatige Ölgemälde an den Wänden und auf dem Regal als Bücherstütze seine neben den Polizisten wohl berühmteste Comic-Figur, der schwarzmähnige Anarchist. Der große Zeichentisch aus seiner Kreuzberger Atelierwohnung passte ins neue, deutlich kleinere Domizil schlicht nicht mehr rein.

Geblieben ist ihm die Liebe zum Gras. „Ich wäre schon längst an Stress gestorben, wenn ich das nicht hätte“, sagt Seyfried verschmitzt. Allerdings achtet er auf klare Arbeitsteilung: Jene Abschnitte seines Buches, in denen es um historische Fakten geht, schreibt er vormittags, ohne zu rauchen. Erst am Abend, wenn es um Stimmungen und Atmosphärisches geht, zündet er sich sein Pfeifchen an. „Das setzt ungeahnte Energien frei.“ Außerdem gebe es doch kaum einen Künstler, der nicht zum Cannabis neigte. „Schon Mozart hat sich sein Gras als Bällchen mit Schokolade drumrum servieren lassen.“

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