Zeitung Heute : "Blitze überm Ozean": Ausgerechnet Ich

Jörg Plath

Sie wollte Theater spielen. Schreiben würden in ihrer Familie schon zu viele, fand Erika Mann als junge Frau. Zudem war zumindest einer dabei nicht ganz erfolglos: Vater Thomas erhielt 1929 den Literaturnobelpreis. Auf der Bühne dagegen hatte Erika keine Konkurrenz zu fürchten. Aber so recht ausfüllend war das Dasein als Schauspielerin auch nicht. Also fuhr sie Autorennen, vergnügte sich, verliebte sich, reiste um die Welt und nahm Drogen. Die 20-er Jahre, ihre eigenen und die der Weimarer Republik verpflichteten. Ganz ohne Schreiben vermochte Erika Mann dieses aufregende und aufgeregte Leben, das sie weitgehend mit dem geliebten Bruder Klaus teilte, dann doch nicht zu führen. Ihr Kabarett "Pfeffermühle" verlangte nach Texten, das zehntägige Autorennen wollte für die Ullstein-Tageszeitung "Tempo" beschrieben werden, und nicht zuletzt gab es pekuniäre Gründe: Erika Mann litt chronische Geldnot. So erlag auch sie dem, was Klaus Mann den "Familienfluch" nannte: dem Schreiben. Eines Tages "und sehr zu meinem eigenen Erstaunen", wie Erika Mann mit selten versagender Selbstironie bemerkt, "wollte ich mich sogar politisch äußern." Denn im Jahre 1932 sprengten Nationalsozialisten in einer blutigen Saalschlacht eine pazifistische Veranstaltung, auf der Erika ein Gedicht vortragen sollte. Fortan äußerte sie sich im Deutschen Reich auf der Bühne der "Pfeffermühle" politisch.

Erst als als ihr der ebenso geschäftstüchtige wie nationalsozialistische Impresario nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 zwei Braunhemden als Saalschutz anbot, floh sie. Verfolgt von deutschen Drohungen reiste die "Pfeffermühle" durch Europa, bis sie im Herbst 1936 in die USA übersiedelte. Dort verstand man das literarische Kabarett jedoch nicht, und Erika Mann griff wieder zum Füllfederhalter, als Reporterin und Vortragsreisende. Schreiben wurde ihr so sehr zum Hauptberuf wie Thomas und Klaus Mann. Schon im März 1937 sprach Erika Mann, unterstützt durch ein Telegramm ihres angesehenen Vaters, in New York vor 20 000 Zuhörern über "Hitler: Eine Gefahr für den Weltfrieden". In den nächsten Jahren schleuderte sie zahlreiche "Blitze überm Ozean" gegen den Mann, der den Blitzkrieg erfunden hatte.

"Blitze überm Ozean" heißt auch die Auswahl von Feuilletons, Reden und Reportagen, die Irmela von der Lühe und Uwe Naumann jetzt herausgegeben haben. Der Schwerpunkt liegt auf Arbeiten aus den Jahren 1936 bis 1945, eingerahmt werden sie von Artikeln aus der Zeit vor und nach dem Dritten Reich. Viele der Texte liegen zum ersten Mal auf Deutsch vor, einige sind Erstveröffentlichungen, etwa der Anfang eines Berichts über ihre Emigrationsjahre 1933 bis 1943. Frisch, unverkrampft, kämpferisch und uneitel schildert Erika Mann in "Ausgerechnet Ich", was sie aufrecht hielt: der "fundamentale Grundsatz", "dass Zynismus sich nicht auszahlt und Idealismus resolut, kompromisslos, sogar militant sein muss, damit er nicht untergeht".

Verspielt nehmen sich dagegen die Artikel aus den Jahren vor 1933 aus. Es sind Gelegenheitsarbeiten der Tochter eines berühmten Mannes, die aus der Familie, über das Oktoberfest, Autorennen und Hotelmarmeladen plaudert. Erika Mann liebt die Geschichte, die Anekdote. In der Eile vertritt ihr die Aufzählung die genauere Zeichnung der Szenerie, die Typisierung die Charakterisierung. Mit den berühmten Feuilletons der Zeit von Siegfried Kracauer, Joseph Roth, Franz Hessel, Bernhard von Brentano oder Walter Benjamin haben ihre Artikel nichts zu tun. Unterhaltend aber sind sie allemal, und diese Fähigkeit kommt Erika Mann im Exil zugute. Wie bisher scheut sie keine Gefahr. Doch an die Stelle des Autorennens tritt nun der Besuch bei Internationalen Brigaden in Spanien, die gegen die Faschisten kämpfen. Statt über die "Briefangst des Autlers", des straffällig gewordenen Autofahrers, schreibt sie über "Mein Vaterland, den Pullman-Wagen", in dem die begehrte Vortragsreisende nachts von Stadt zu Stadt reist. Ihre Reportagen sind in bester amerikanischer Tradition unterhaltend, spannend und informativ. Sie besitzen einen persönlichen Ton, ohne etwas von den schwierigen Lebensumständen der Exilantin zu verraten. Nach 1945 rückte die entschiedene Kämpferin gegen Hitler ins Abseits.

Im beginnenden Kalten Krieg beargwöhnten sie Nordamerikaner und Westdeutsche als Kommunistenfreundin. Als Katastrophe erlebte sie 1949 den Freitod ihres Bruders Klaus. Erika Mann schloß sich noch enger an den Vater an, wurde seine Sekretärin, Beraterin und Editorin. Sie verfaßte Drehbücher nach seinen Werken sowie Kinderbücher. Ihre nicht mehr sehr zahlreichen Artikel sind oft Erinnerungen an Freunde wie Johannes R. Be-cher, Hermann Hesse oder Bruno Walter. Dabei konnte die ältere Dame, wenn man sie nur ließ, durchaus noch Blitze schleudern, wie ihr Artikel über Boris Pasternak zeigt. Der sowjetische Autor des "Doktor Schiwago" lehnte die Annahme des Literaturnobelpreises aus Furcht vor Sanktionen ab. Daran, so Erika Mann, sei die entrüstete "freie Welt" durch ihren "linientreuen" "Rauschzustand" aus "Tugendstolz und moralisch akzentuiertem Hass auf den "Feind" freilich nicht unschuldig. Das waren unerhörte Töne im Kalten Krieg. Bis zu ihrem Tod 1969 bot man dieser Unbotmäßigen nur selten ein Podium.

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