Blockade in Ägypten : "Von der Landkarte des Internets gewischt"

Um 23 Uhr 34 mitteleuropäischer Zeit ging in der Nacht zu Freitag das ägyptische Internet vom Netz. Bereits zuvor waren die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter sowie zahlreiche Blogs blockiert worden. Seither sind selbst die internationalen Seiten der ägyptischen Fluglinie Egypt Air oder der regierungsamtlichen ägyptischen Informationsseite nicht mehr zu erreichen. „Eine beispiellose Aktion in der Geschichte des Internets“, wie Experten sagen.

Eine derart strikte Abtrennung vom weltweiten Datennetz hat es zuvor nicht einmal in China oder im Iran und auch nicht in Tunesien gegeben. Dort wurden vor allem Filter eingesetzt, um bestimmte Inhalte zu blockieren, wie Michael Horn vom Chaos Computer Club erklärt. „Die ägyptische Regierung hat ihr Land jedoch komplett von der Internet-Landkarte gewischt“, sagt James Cowie vom Internet-Beratungsunternehmen Renesys.

Die Angst vor der Facebook-Revolution in der arabischen Welt hat am Samstag China erreicht. Wer in chinesischen Kurznachrichtendiensten nach dem Wort „Ägypten“ sucht, erhält eine Fehlermeldung. Auf den Twitter-ähnlichen Internetseiten sina.com und sohu.com erscheint dann der Hinweis, die Suchergebnisse könnten „wegen der geltenden Gesetze nicht übermittelt“ werden. Eine totale Informationssperre zu Ägypten gibt es in China jedoch nicht: Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua und der staatliche Fernsehsender CCTV berichten seit Tagen über die Massendemonstrationen gegen die ägyptische Führung.

Dort ruht der Internetverkehr auf wenigen großen Providern. Dabei handelt es sich um Link Egypt, Vodafone/Raya, Telecom Egypt, Etisalat Misr und Internet Egypt. Die Abschaltung erfolgte nicht komplett simultan, sondern im Abstand von mehreren Minuten. Die Internetanalysten gehen darum davon aus, dass die Provider ihre Verbindungen nach einer entsprechenden Order der ägyptischen Regierung selbst unterbrochen haben, wie das der Vodafone-Konzern für seine Mobilfunknetze am Freitag bestätigte. Ein Provider, die Noor Group, verfügt indes weiterhin über eine Verbindung zum weltweiten Netz. Das könnte daran liegen, dass die ägyptische Wertpapierbörse (www.egyptse.com) über Noor erreichbar bleiben soll, vermutet James Cowie von Renesys. Am Samstag war aber auch diese Adresse tot.

Um ein Land vom Internet zu trennen, müssen keine Kabel getrennt oder Satellitenverbindungen gestört werden. Es reicht aus, die zentralen Routingtabellen so zu manipulieren, dass der grenzüberschreitende Datenverkehr zusammenbricht. Ägypten ist mit dem Internet über 3500 Router-Computer verbunden, die mithilfe des sogenannten „Boarder Gateway Protocols“ den internationalen Datenverkehr regeln.

Die Blockade von Internetseiten kann aber auch in die andere Richtung erfolgen. Die Hackergruppe „Anonymus“

hatte angekündigt, mit einer Lawine von Internetanfragen die ägyptischen Regierungsserver lahm zu legen – was durch die Abschaltung obsolet wurde. Mit solchen Denial-of-Service-Attacken waren zuletzt die Kreditkartenunternehmen Mastercard und Visa belegt worden, nachdem sie keine Spenden an Wikileaks weiterleiten wollten. Kurt Sagatz

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