Zeitung Heute : Blofelds großer Raketenklau

Andreas Conrad

Seit Jahren war er die absolute Spitzenkraft im Geheimdienst Ihrer Majestät, Dienstnummer 007, also ausgestattet mit der Lizenz zum Töten. Seine Chefin aber hatte er nie zu Gesicht bekommen – bis zu diesem denkwürdigen 12. Juni 1967, bei der „Royal World Charity“-Gala von „You Only Live Twice“ im Londoner „Odeon“: Erstmals war die Queen höchstselbst bei der Premiere eines JamesBond-Films, plauderte angeregt mit dem überraschend schnauzbärtigen Sean Connery über dessen Image als Spion. Mit dem hatte der Schauspieler nach seinem fünften Bond zunehmend Probleme, signalisierte bereits, er wolle 007 aufgeben – ein Entschluss, dem er zum Glück noch zweimal untreu wurde.

Mit 8,5 Millionen Dollar Produktionskosten übertraf „Man lebt nur zweimal“ den Vorgänger „Feuerball“ um fast das Doppelte. Auch der Handlungsraum wurde zum ersten Mal in der Bond-Geschichte in die äußersten Dimensionen erweitert, die dem Menschen damals erreichbar waren. „Moonraker“, zwölf Jahre später gedreht, wurde Bonds Beitrag zum Spaceshuttle-Programm der Nasa. „Man lebt nur zweimal“ gehörte noch der Gemini-Ära an, reflektierte aber auch die behutsame Annäherung der beiden Supermächte: In der realen Welt stecken sie mitten im Wettlauf zum Mond, in der Welt von 007 dagegen schnappt Supergangster Blofeld (Donald Pleasance) ihnen beiden die Weltraumkapseln weg. Wie ein riesiges Krokodil nähert sich sein Raumschiff einer Gemini-Kapsel, während ein Astronaut gerade auf Weltraumspaziergang ist. Schnapp, klappt das Raketenmaul zu, die Nabelschnur wird abgekniffen, und der Spaziergänger entschwindet im All.

Die Idee zu Blofelds Kommandozentrale hatte das Team um Regisseur Lewis Gilbert und Production Designer Ken Adam, einen gebürtigen Berliner, beim Flug über eine Vulkanlandschaft auf der japanischen Insel Kyushu. Der Raketenstart- und -landeplatz ein erloschener Vulkan mit verschiebbarem, als See getarntem Tor – das hatte es noch nie gegeben. Fast sieben Monate arbeiteten 250 Mann an dem Bauwerk, das mit vier Millionen Mark bis dahin teuerste frei stehende Set der Filmgeschichte, 42 Meter hoch, 135 Meter im Durchmesser, mit 33 Meter hoher Rakete. Fast wäre Bond bereits damals in den Weltraum geschossen worden, hätte Blofeld ihn nicht trotz seiner Tarnung als Astronaut erkannt.

So aber musste er sich noch mit vergleichsweise traditionellem Fluggerät begnügen, dem Mini-Helikopter „Little Nellie“, Gegenstück zu dem legendären Aston Martin aus „Goldfinger“ und „Feuerball“. Der Luftkampf über der Vulkaninsel, gegen gleich vier Gegner, wurde einer der Höhepunkte des Films, gegen seine Maschinengewehre, Luftminen, Flammenwerfer und Raketen mit Wärmesuchköpfen hatten sie keine Chance. Leider gestalteten sich die Dreharbeiten allzu realistisch: Bei einem Unfall büßte Kameramann Johnny Jordan ein Bein ein.

Die Filmpremiere sollte für Sean Connery nicht die einzige Begegnung mit der Queen bleiben. Im Juli 2000 wurde er von ihr in Edinburgh zum Ritter geschlagen.

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