Zeitung Heute : Bloß keine kleinen Erwachsenen

Unsere Modebeauftragte, Grit Thönnissen, kämpft gegen „-inos“ und für altersgerechte Babykleidung

Ich hatte mir vorgenommen: Das machst du nicht, erst Kinder kriegen und dann darüber schreiben. Jetzt sitze ich hier und schreibe noch in der Elternzeit über Babykleidung. Aber wenn man es professionell betrachtet – genug recherchiert habe ich ja in den vergangenen Monaten.

Erst einmal hatte ich mir geschworen, nicht hochschwanger durch Babyboutiquen zu schleichen, mir Babykleider in Größe 52 (für alle Nichteltern: die Kleidergröße entspricht der Größe des Kindes) vor den Bauch zu halten und dann für das winzige Stück Stoff im Verhältnis viel mehr auszugeben, als ich das für ein T-Shirt für mich tun würde.

Zum Glück wurden mir gegen diese Versuchungen Tüten und Pappkartons voll mit Erstlingsausstattungen von Eltern größerer Kinder vorbeigebracht. So hatte ich das beruhigende Gefühl, es sei bestens für alles gesorgt und das Kind müsse erst einmal nicht nackt bei uns herumliegen. Deshalb habe ich kurz vor der Geburt nur einem Kinder-Secondhandladen einen Besuch abgestattet. Hier machte ich Bekanntschaft mit Topolino, Familino und Pocopiano. „-ino“ bedeutet: ist vom Discounter und sieht scheußlich aus.

Erstaunlicherweise wird auf diesen Kleidungstücken die Dominanz der Bärchen gebrochen, die sonst auf alles draufmüssen, was für Kleinkinder gemacht ist. Auf den meisten „-ino“-Stramplern tummeln sich Mäuse mit Sprechblasen wie „I can see you“ und „I have fun“. Die Stoffqualität ist so schlecht, dass man jeden Abend Polyesterflocken zwischen den Zehen und aus anderen Hautfalten seines Kindes herauspflücken muss.

Dafür überkam mich nicht der Hauch eines schlechten Gewissens angesichts der mit Kugelschreiber gekritzelten Preise, die selten über zwei Euro lagen. Ich kaufte also ein paar Strampler, die mir geschmacklich als kleineres Übel erschienen, und fühlte mich gut ausgestattet. So weit die Theorie. Ein paar Monate später weiß ich: Es kommt eben nicht nur darauf an, dass das Kind nicht friert. Die Kleidung sollte sich gut anfühlen, die Windeln darunterpassen, das Kind leicht ein- und auszupacken sein – und irgendwie soll das Ganze doch gut aussehen.

Aber der unter vielen deutschen Müttern herrschende Pragmatismus ist auch bei mir aktiv. So habe ich für das stark reduzierte Babydior-Neugeborenenpaket nichts als Verachtung, greife aber bei einer mitwachsenden Latzhose aus reiner Wolle beherzt zu. Die Kleiderbeschaffung für mich selbst habe ich erst einmal zurückgestellt. Der Strampler, der aussieht wie ein Maulwurfsfell und sich auch so anfühlt, bereitet ja auch mir Freude.

Der ist von der Firma Tragwerk aus München, und deren Philosophie gefällt mir. „Kinder sollen aussehen wie Kinder“, sagt Mitinhaber Martin Bretschneider. Also keine Cargopants für Säuglinge, und auch Jeanshemden braucht kein Wickelkind. Zusammen bringen es die drei Gesellschafter von Tragwerk auf sieben eigene Kinder, an denen die bunten, aber unifarbenen Kindersachen vorzugsweise aus Baumwollnicki oder Jersey getestet werden. „Bei uns soll nichts pludrig oder sackig sitzen, sondern auf Figur geschnitten sein“, sagt Martin Bretschneider. Ich bin mir sicher: Das gefällt auch meinem Sohn. Rosa und Hellblau gibt es nicht, stattdessen viele bunte Töne.

Es soll ja Eltern geben, die versuchen, ihre Kinder geschlechtsneutral zu kleiden. Aber wer glaubt, einfach auf die Jungen- und Mädchenerkennungstöne verzichten zu können, der irrt. Bei uns jedenfalls reicht schon ein roter Sommerhut für die Frage: „Wie alt ist sie denn?“ Und eine rote Jacke gilt manchen schon als absichtliche Irreführung. Die macht auch Martin Bretschneider Spaß, der seinen Sohn gern in der Farbe „Kirsche“ einkleidet.

Ich verweigere mich aber keineswegs den Stereotypen – wenn sie gut aussehen. Einen unserer Bodys von Småfolk zum Beispiel zieren blaue Autos und Lokomotiven. So ein geschlechtsspezifisches Muster ist bei der dänischen Designerin Tana Kretzschmer aber eher die Ausnahme. Elefanten, Affen, Erdbeeren, Nilpferde und Flugzeuge sind großräumig auf Strampler, T-Shirts und Overalls gedruckt und gehen schon fast als Bilderbuchersatz durch.

Genau das Richtige, um die bei mir beliebten schlichten Hosen mit breiten Bündchen am Bauch aus Biobaumwolle aufzupimpen. Die meisten Anbieter von Biokinderkleidung wie Cotton People, Hess Natur, Selana und Engel haben sich modisch weiterentwickelt. Das Farbspektrum ist längst von Braun und Beige zu bunt und geringelt erweitert worden. Überhaupt sind Ringel das mit Abstand häufigste Muster – an manchen Tagen ist das Kind von Kopf bis Fuß geringelt. Sogar die Windelüberhosen haben lustige Streifen.

Nur schade, dass Kinder so schnell wachsen. So treffen sich regelmäßig Glück und Leid am Wickeltisch. Froh bin ich, wenn ich die letzten „-inos“ in eine bereitstehende Tüte für den Secondhandlanden aussortiert habe. Die schönen Sachen dürfen dafür noch ein bisschen länger in der Schublade liegen bleiben. Immerhin kauft man das Zeug ja vor allem für sich selbst.

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