Zeitung Heute : Bloß keine Vereinigung

Warum Samoas Premier die Teilung seines Landes gutheißt

Matthias Oloew

Was ist es, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder und der Premierminister des Südsee-Staates Samoa, Tuileapa Sailele Malielegaoi, gemeinsam haben? Jedenfalls nicht die grauen Haare des Premiers und auch nicht seinen kugelrunden Bauch oder den ruhigen Ton, mit dem er spricht, dann aber doch in regelmäßigen Abständen mit beiden Händen entschieden auf den Tisch klopft. Es ist die gemeinsame Erfahrung, über die sie heute bei ihrem Treffen sprechen können – die Erfahrung, Politiker in einem geteilten Land zu sein. Schröder war es als Juso-Vorsitzender und SPD-Fraktionschef in Niedersachsen, Malielegaoi als Premier und zuvor als Minister im geteilten Samoa. Und die Gründe für die Teilung Samoas finden sich ausgerechnet in der deutschen Vergangenheit, beschlossen wurde sie 1889, auf der Samoa-Konferenz in Berlin.

Die koloniale Vergangenheit führt Malielegaoi allerdings nicht hierher. Er ist auf der Rückreise vom Gipfel der Commonwealth- Staaten in Nigeria und macht in Berlin Station, um mit Gerhard Schröder zum Beispiel darüber zu sprechen, wie sich Deutschland erkenntlich zeigen könnte, sollte Samoa das deutsche Streben nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat unterstützen. Malielegaoi weiß schon wie: durch die Wiederaufnahme regelmäßiger Entwicklungshilfe-Zahlungen oder durch die Aufhebung des EU-Importverbots für die Kava-Wurzel. Das Gewächs wird in Samoa als legales Rauschmittel und in Amerika und Europa seit Jahren als Grundstoff für Medikamente verwandt. Bis neuere Forschungen ergaben, dass die Wurzel gesundheitsschädlich sein könnte. „So ein Blödsinn“, sagt Malielegaoi und legt die Hände auf seinen großen Bauch, „schauen Sie mich an. Das hat uns noch nie geschadet.“ Kava ist eines der wichtigsten Exportgüter Samoas.

Ansonsten leben die rund 180000 Samoaner des unabhängigen Staates hauptsächlich von dem, was sie auf ihren Feldern erwirtschaften. Oder von dem, was ihre Angehörigen im Ausland verdienen. Die Samoaner im amerikanischen Teil leben von den Zuwendungen der USA, und das wesentlich besser als ihre Landsleute drüben. Die Folge: Samoa hat ein Ost-West-Problem. Allerdings unter umgekehrten Vorzeichen als im geteilten Deutschland – der Westen ist arm, aber unabhängig, der Osten wohlhabend, aber Kolonie.

Die Teilung Samoas ist eine Folge eines Streits dreier Kolonialmächte. Das Deutsche Reich rangelte mit den USA und Großbritannien um die Vorherrschaft auf dem Archipel. Ähnlich wie die anderen wollten auch die Deutschen einen „Platz an der Sonne“, wie es ihr Kaiser Wilhelm erklärte und hatten außerdem wirtschaftliche Interessen. Kaufleute aus Hamburg machten dort Geschäfte. Eine Kolonie auf Samoa brachte allerdings nicht so viel ein, wie sie kostete. Und so mussten die Samoaner selbst als Grund dafür herhalten, eine Kolonie zu errichten. Sehr edel seien sie, hieß es damals in der Reichstagsdebatte über Samoa, „die Germanen der Südsee“, weshalb sich die Deutschen um ihren Schutz bemühen mussten. Bismarck lud wegen Samoa zur Konferenz nach Berlin, und die drei Mächte einigten sich, den Archipel entlang des 171. Längengrades zu trennen. Die Briten gaben ihre Ansprüche auf, die Teilung war besiegelt. Sie dauert bis heute. Das ehemalige Deutsch-Samoa, knapp 3000 Kilometer nördlich von Neuseeland, ist seit 1962 unabhängig, Amerikanisch-Samoa noch immer US-Territorium.

Die UN haben Amerikanisch-Samoa ganz oben auf die Liste der Länder gestellt, die unabhängig werden sollten. Sie könnten wahlweise auch mit (West-)Samoa eine Einheit bilden. Doch die Amerika-Samoaner wollen sich nicht in die Selbstständigkeit schubsen lassen, und schon gar nicht in die Arme ihrer weniger betuchten Nachbarn. Aber die unabhängigen Samoaner sind auf die Einheit nicht unbedingt scharf. Amerikanisch-Samoa ist nämlich ihr wichtigster Handelspartner. Was exportieren sie? „Fisch“, sagt der Premier. Den hätten die Volksgenossen drüben zwar auch in ihren Gewässern, aber, „sie fischen nicht selbst.“ Die Samoaner auf beiden Seiten leben mit der Situation ganz gut. West-Samoaner gehen in Amerikanisch-Samoa arbeiten und tragen so zum Bruttosozialprodukt in ihrer Heimat bei. „Das ist ein kleines Hongkong, wissen Sie“, sagt Malielegaoi und lacht herzlich über seinen Witz. Und das soll auch so bleiben. Sein Interesse an einer Wiedervereinigung ist gleich null.

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