Zeitung Heute : Bloß keine Villa Kunterbunt

Farbige Fassaden können frisch und einladend wirken – aber auch ziemlich fehl am Platz

Janne Terfrüchte
Eindeutig ein Blickfang – aber wirklich schön? Auffällige Farben wie Grün, Blau oder Pink können auf Dauer anstrengend sein. Sie dominieren ihre Umgebung anstatt mit ihr zu harmonieren. In vielen Gemeindesatzungen ist der Anstrich von Hausfassaden daher verbindlich geregelt. Foto: dpa/tmn
Eindeutig ein Blickfang – aber wirklich schön? Auffällige Farben wie Grün, Blau oder Pink können auf Dauer anstrengend sein. Sie...Foto: dpa-tmn

Ein kleines Hexenhäuschen in Rot, ein Reihenhaus in Grün, ein Einfamilienhaus mit blauer Südseite: Immer mal wieder werden weiß getünchte Wohnsiedlungen von Farbklecksen aufgebrochen. Doch manches bunte Haus wirkt auch fehl am Platz.

Der Farbton eines Hauses bestimmt den ersten Eindruck des Besuchers. „Die Fassade ist die Visitenkarte des Hauses“, sagt Ludger Küper vom Paint Quality Institute in Schwalbach (Hessen). Und der Wohnpsychologe Uwe Linke aus München ergänzt: „Eine Farbe kann Wärme und Geborgenheit vermitteln – also das, was wir auch mit Heimat assoziieren.“ Alle acht bis 15 Jahre ist es Zeit für einen neuen Anstrich – je nachdem, wie dreckig die Fassade ist. Verschmutzungen entstehen, indem sich Staub ablagert oder Algen wachsen. „Bei Schäden wie gravierenden Rissen sind unmittelbar Maßnahmen zu treffen, um größere Schäden und dadurch höhere Kosten zu vermeiden“, rät Bodo Schmidt vom Bundesverband Farbe Gestaltung Bautenschutz in Frankfurt. Hausbesitzer sollten sich regelmäßig die Fassade ansehen und kleinere „Macken“ beheben.

Ein Anstrich soll einige Jahre bis Jahrzehnte halten – daher muss die Wahl wohlüberlegt sein: Ob zum eigenen Haus ein kräftiger Farbton oder doch eher ein dezentes Gelb passt, kann heute durch eine Simulation ausprobiert werden. Die kann der Malermeister erstellen, wenn man ihm ein Foto des Hauses gibt. Oder man probiert es selbst aus, wie Küper erläutert: Das Haus fotografieren, das Bild in Schwarz-Weiß ausdrucken und die Fassade farbig anmalen.

Einen grundsätzlichen Rat, welche Farbe man für welchen Baustil wählen sollte, kann Wohnpsychologe Uwe Linke nicht geben. In der Farbenlehre wirkten warme Töne wie etwa Orange zwar wie ein „Herzliches Willkommen“, kalte Töne wie Grün hingegen eher distanzierter. An einem Haus spielten aber auch viele andere Faktoren wie Größe, Lage und Sonneneinstrahlung eine Rolle: „Rot wirkt zwar grundsätzlich anregend, am falschen Haus kann es aber auch gewaltig wirken“, sagt Linke.

Auch andere auffällige Farben wie Grün, Blau oder Pink können – vor allem bei großen Häusern – auf Dauer anstrengend sein. Sie dominierten ihre Umwelt, so Linke weiter. „Grelle Farben passen selten, weil sie weniger mit der Landschaft und mit anderen Häusern harmonieren.“ Passe die Fassade hingegen zum Gesamtkonzept von Garten, Balkon und Dach, entstehe ein harmonisches Bild. Auch in die Umgebung muss der Hausanstrich sich einfügen – das ist mancherorts sogar vorgeschrieben: „Es gibt viele Gemeinden, in deren Satzungen die Farbe von Hausfassaden geregelt ist“, sagt Bodo Schmidt. Probleme verursachten oft dunkle Vollfarbtöne und mehrfarbige Fassaden. Absichern kann man sich mit einer Genehmigung.

Vielleicht aus Vorsicht wählen Hausbesitzer in Deutschland daher gerne unauffällige Farben. Linke sieht neben Weiß vor allem dezente Gelbtöne. Doch auch starke Farben kann man in Maßen nutzen: Statt der gesamten Fassade erhält nur eine Hauswand einen bunten Anstrich. Laut Küper sollte dies eine exponierte Wand sein, so dass der farbliche Unterschied gut erkennbar ist. Um das Farb- mit dem Gartenkonzept zu verbinden, könnte zum Beispiel die zum Garten zeigende Hauswand farblich hervorgehoben werden. Experimentierfreudige können auch nur einzelne Akzente in Form von Mustern oder Streifen setzen.

Allerdings haben farbige Fassaden auch einen Nachteil: Sie sind anfälliger. Leuchtende Farben gibt es im Gegensatz zu Erdtönen meist nur mit organischen Pigmenten, die laut Schmidt weniger lichtbeständig sind als Farben mit mineralischen Pigmenten. Helle Farben neigten zudem eher zur sogenannten Kreidung; ihre Beschichtung reibt schneller ab. Diese Kreidung falle auf einer weißen Fassade weniger auf als bei kräftigen Farben. Beständiger seien insgesamt eher Farben mit hohem Bindemittelanteil. Küper rät zu Reinacrylat-Fassadenfarben, die ebenfalls eine lange Haltbarkeit hätten.

Wer selbst die Außenwände streicht, sollte genügend Zeit für die Vorbereitung des Untergrunds einplanen. Dieser muss sauber, trocken, ausreichend fest und tragfähig sein. Verfärbungen, große Risse und Verschmutzungen bessert der Heimwerker vorher aus. Aufgetragen wird die Farbe entweder mit einer Fassadenwalze oder Sprühgeräten, bei denen die Farbe unter Druck zerstäubt wird.

Streichen oder Sprühen sollte man außerdem nur bei mittelprächtigem Wetter: Laut Küper sind Hitze, Kälte und Regen keine guten Bedingungen für Malerarbeiten. Damit die Inhaltsstoffe der Farbe sich gut verbinden und trocknen, sollte es während der Arbeiten und mindestens eine Stunde danach nicht regnen. Die Temperaturen sollten nicht unter zehn Grad liegen – aber es sollte auch nicht zu warm sein.

Ist das geschafft, machen die Bewohner nicht nur einen tollen Eindruck bei der Nachbarschaft. „Eine frische Farbe gibt uns auch das Gefühl, als ob wir mal wieder richtig Ordnung geschaffen haben“, so Wohnpsychologe Linke. (dpa)

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