Zeitung Heute : Bloß keinen Streit vermeiden!

Nicht geliebt und doch so wichtig: die andere Meinung

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Von Hartmut Volk

Die berufliche Beanspruchung zerrt an den Nerven. Das verstärkt die ohnehin verbreitete Neigung, bei Meinungsunterschieden dem anderen das Ohr zu verweigern, sich nicht in der gebotenen Offenheit mit dessen Ansicht(en) auseinanderzusetzen. Eine schädliche Verhaltensweise, denn unterschiedliche Auffassungen sind ein wesentliches Element der betrieblichen Dynamik.

Eine Erkenntnis, die Top-Manager Karl-Joseph (Kajo) Neukirchen (MG Technologies) auf seine ihm eigene Art so ausdrückt: „Harmonie schadet dem Betrieb.“ Streit, so Neukirchen, sei nötig, um die beste Lösung zu finden. Nicht ganz so martialisch formuliertes der österreichische Konfliktexperte Gerhard Schwarz: „Fasst man den positiven Sinn von Konflikten zusammen, könnte man sagen: Der Widerspruch in jedem System (Familie, Betrieb, Gesellschaft) garantiert dessen Weiterentwicklung!" Und Konosuke Matsushita, Gründer und bis zu seinem Tod Chef von Matsushita Electric Industrial Ltd., sagte schon vor Jahren: Wir wissen inzwischen, dass das Überleben von Firmen in einer zunehmend unvorhersehbaren Umwelt gefährdet ist.

Gefragt sind deshalb Führungskräfte, die ein offenes Ohr für die andere Meinung haben, sprich zuhören können und Meinungsvielfalt zu fördern und zu nutzen verstehen. Diese Leader führen aus dem Wissen heraus, dass der Widerspruch im Betrieb nicht nur die Voraussetzung für dessen Überleben ist. Sie ist auch die wirksamste Möglichkeit, der Fülle psychosomatischer Krankheiten (siehe Grafik links) vorzubeugen.

Zu knistern beginnt es erfahrungsgemäß, wenn Menschen etwas bedroht wähnen, was für sie von Bedeutung ist, wenn sie ihr Selbstwertgefühl tangiert sehen. Abgesehen von materiellem Besitz wird großer Wert auf die eigenen Ideale und Überzeugungen, den Wissens- und Erfahrungsfundus, die gepflegten Maßstäbe, auf Erwartungen und Hoffnungen, den guten Ruf, den Status und die Selbstachtung gelegt. Jede Beeinträchtigung dieser Werte – gleichgültig ob nur eingebildet oder real – löst Unmut aus.

Die Situation wird noch durch die Gewohnheit verstärkt, in absoluten Kategorien zu denken. Gut/schlecht, richtig/falsch, zutreffend/unzutreffend. Kurz: entweder/oder, schwarz/weiß. Das erklärt unter anderem, weshalb Mitarbeiter bei Meinungsverschiedenheiten so geschwind in den Schützengräben ihrer Positionen verschwinden. Gewinnen/Verlieren, das ist die unterschwellige Ausgangslage in den Köpfen bei Meinungsverschiedenheiten. Erfolg setzt heute voraus, dass das Eine getan wird ohne zwangsläufig das Andere zu lassen.

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