Zeitung Heute : Bloß nicht beeindrucken lassen

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lorenz Maroldt

Was das Beeindruckendste der vergangenen ein, zwei, drei Berliner Wochen war? Mal sehen: Vielleicht der Mut der fröhlichen Verzweiflung, mit dem Klaus Wowereit in den Kampf gegen die Beamten zog. Oder die Übernahme der bisher vom Bundesgrenzschutz gehaltenen Kontrollbaracke vor der amerikanischen Botschaft durch übel gelaunte Berliner Polizisten. Auch gut im Rennen: Die Dezibel, die Lemmy von Motörhead den Leuten in der Columbiahalle um die Ohren schlug.

Überhaupt, Musik: Am 28. Oktober waren endlich die neuen Werke zweier zeitgenössischer Künstler zu haben, von denen der eine, Kurt Cobain, bereits acht Jahre tot, also im Nirvana ist und der andere, Peter Hein, wieder auferstanden. Lassen wir den einen ruhen, hören wir dem anderen und seinen Fehlfarben zu. Wir erfahren: Sachbearbeiter Hein hält sich heute gerne im Club der schönen Mütter auf und arbeitet sich immer noch an amerikanischen Präsidenten ab. War damals zu beklagen, es regierten bald graue B-Film-Helden die Welt, wird heute – Zitat – vom Totschläger zum Held, der noch nicht mal gewählt. Auweia.

Auch weil wir keine Karten mehr für Suede bekamen, ging es öfter mal ins Kino. Auf dem letzten Platz landete: Die Bourne Identität mit einer huschigen Franka Potente, im Mittelfeld: Minority Report mit einem fliehenden Tom Cruise, und der Sieger ist: Insomnia mit einem schlaflosen Al Pacino, bis auf weiteres jedenfalls. Denn dann kam ja auch noch das Dschungelbuch, doch dazu später, zunächst: Michel Houellebecq, dessen „Plattform“ nach den Elementarteilchen und der Ausweitung der Kampfzone eigentlich nicht mehr auf dem Programm stand. Aber als sich seine literarische Thailand-Apokalypse realiter auf Bali ereignete, und er zudem wegen angeblich unzumutbarer Islamisten-Schelte vor Gericht erscheinen musste, schien die „Plattform“ dann doch zur Allgemeinbildung und damit auf den Nachttisch zu gehören. So kann man sich irren.

Dann kam der helllichte Tag, als Oma Herta überfallen wurde, direkt im Hausflur, gleich, nachdem sie aufgeschlossen hatte. Ein unbekannter Jemand warf sie nieder, raubte ihre Handtasche – und radelte davon. Ein paar Kinder, auf der Straße spielend, haben es gesehen. Die Kripo hört sich alles an, wird ihn nicht suchen, hofft auf einen Zufall. Seine Beute: Fünfzehn Euro. Der Schaden ist größer. Vorbei die unbeschwerte Zeit.

Und damit sind wir, weil es hier chronologisch zugeht, beim Dschungelbuch, und zwar dem Original, auf Video zu haben. Frage: Ist das schon was für unsere kleine Freundin Klara? Also haben wir uns zur Vorbesichtigung hingesetzt, Oma allerdings, wegen schwächelnder Hörgerätebatterien, heute nicht ganz Ohr. Dann: Unbedenklichkeitsbestätigung erteilt, nur die hypnotische Wirkung von Kaa etwas unterschätzt, Klara feste gedrückt, laut mitgesungen: Probier’s mal mit Gemütlichkeit… eine beeindruckend gute Idee!

So, und jetzt gehen wir was essen. Zum Beispiel ins Ousies, Grunewaldstraße 16. Vorbestellen nicht vergessen, ist meistens recht voll: 216 79 57.

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