Zeitung Heute : Bloß nicht nach Brandenburg fahren

Sandra Dassler

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Eigentlich bin ich kein Großstadtfan. Das liegt wahrscheinlich an meiner Kindheit im kleinen Bergdorf. Man wird diese Freude am Geruch frischer Gartenerde und diese Sehnsucht, morgens um sieben mit nackten Füßen über eine taufrische Wiese zu laufen, einfach nicht mehr los – da können die Ärzte noch so sehr vor Zeckenbissen warnen. Also schließe ich mich vor fast jedem Wochenende oder Feiertag jenen an, die aus der großen, lauten, feinstaubschweren Hauptstadt ins ländliche Umland fliehen.

Aber es gibt eine Ausnahme: An Christi Himmelfahrt bin ich überaus dankbar dafür, jetzt eine kleine Wohnung in Schöneberg zu haben. Zwar kennt auch der eine oder andere Berliner Himmelfahrt nur noch als „Herren-“, „Männer-„ oder „Vatertag“, aber nirgendwo wird die archaische Trotzreaktion auf Frauen- oder Muttertag so exzessiv zelebriert wie in Brandenburg. Seit Wochen schon präparieren dort milchbärtige Schuljungen ihre Fahrräder, Mopeds oder Mofas. Alte Schubkarren werden zu fahrbaren Diskotheken und Biergärten umgebaut. Junge Birken sterben einen viel zu frühen Tod: ihre Zweige zieren als Statussymbol die Räder oder Hüte der märkischen Mannen, wo sie – im Gegensatz zu ihren Trägern – spätestens nach der dritten Kneipe verdorrt sind.

Mann muss seine Männlichkeit nämlich offenbar dadurch unter Beweis stellen, dass er saufen kann. Was zur Folge hat, dass jeder, der an diesem Tag in Brandenburg unterwegs ist, ständig lallenden, pöbelnden und nach Bier stinkenden Horden begegnet. Kahlköpfige Neonazis, die wenn sie sich Mut angesoffen haben, vor nichts zurückschrecken, sind ebenso anzutreffen wie ansonsten brave Familienväter, die sich „einmal im Jahr die Kante geben“. Im Spreewald endet das „Vergnügen“ oft mit gekenterten Kähnen, in Wittstock manchmal auf Intensivstationen oder in Ausnüchterungszellen.

Nein, danke! Auch wenn ich Brandenburg an 364 Tagen des Jahres wirklich mag – morgen bleibe ich in Berlin. Außerdem habe ich unweit meiner Wohnung eine traumhafte Wildnis entdeckt – den Naturpark am Schöneberger Südgelände. Da haben sich Flora und Fauna ein Stück Großstadt zurück erobert. Und es riecht wunderbar nach frischer Erde.

Infos zum Naturpark am Schöneberger Südgelände unter www.bund-berlin.de

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