Zeitung Heute : Blühend hell und charmant im Ton

Stradivari für Studenten: Die UdK hat ihr wertvollstes Instrument restauriert

Sebastian Blottner

Man muss kein Musikexperte sein, um diesen Namen zu kennen. Ein Mythos, ein seit 300 Jahren unerreichter Meister und der am häufigsten kopierte Könner seines Faches: Antonio Stradivari.

Stradivari lebte und wirkte im oberitalienischen Cremona und gilt als der beste einer ganzen Reihe von herausragenden italienischen Geigenbaumeistern. Seine Instrumente sind der Zunft bis heute Vorbild, Sammler zahlen dafür zwischen einer und fünf Millionen Euro.

Was viele nicht wissen: Die Universität der Künste besitzt eine echte Stradivari. Und nicht nur das. Statt die Geige wegzuschließen, wird sie an besonders begabte Studenten verliehen und ist ständig in Gebrauch.

Aber: der Name allein macht noch keinen Klang. „Blühend hell, charmant und singend im Ton, besonders obertonreich“ klinge eine Stradivari, schwärmt UdK-Professor Hartmut Rohde. Davon allerdings war bei der Geige aus dem UdK-Besitz zuletzt nicht mehr viel zu hören. Mit ihren fast 300 Jahren klang die 1709 gebaute Geige „dumpf und war nicht mehr tragfähig gegenüber dem Orchester“, erklärt Rohde. Die Decke des Instrumentes hing durch und hatte Risse. Mehrere Jahrzehnte lang waren keine größeren Reparaturen an dem Instrument vorgenommen und eine Instandsetzung dringend nötig geworden.

Die Universität entschied sich für eine Restaurierung des seltenen Stückes, ein aufwendiges Unterfangen. Fast zwei Jahre nahmen die vor kurzem abgeschlossenen Arbeiten in Anspruch – und auch jetzt muss die Geige während des Einspiel-Prozesses immer wieder für Feineinstellungen in die Werkstatt.

Unweit der UdK, in einem der typischen Berliner Gewerbe-Hinterhöfe, befindet sich die Werkstatt der Restauratoren. Das Wichtigste sei gewesen, die Decke der Geige wieder auf Vordermann zu bringen, erläutern Yves Gateau und Daniel Kogge ihre Arbeit. Zunächst besserten sie die vielen alten Risse aus. Dabei achteten sie minutiös darauf, sämtliches Originalholz zu erhalten.

Danach sollte die Fichtenholzdecke wieder ihre ursprüngliche Wölbung erhalten. Dazu wurden Negativ- und Positivabdrücke aus Gips hergestellt, die man in Zehntelmillimeterschritten bearbeitete, um die Decke in die gewünschte Form hoch- oder herunterpressen zu können. Für einen solchen Arbeitsschritt musste das leicht befeuchtete Holz monatelang mit warmen Sandsäcken beschwert in die Gipsformen gepresst werden. Allmählich näherten sich die Restauratoren so der gewünschten Form an.

Die exakte Deckenwölbung des Originalzustandes können die Profis natürlich nirgendwo nachprüfen, daher ist eine Menge Augenmaß gefragt. Schließlich beeinflussen schon die kleinsten Veränderungen den Klang des Instrumentes mitunter entscheidend.

„An einer Geige ist nichts gerade“, erläutert Gateau. Als Anhaltspunkt können den Restauratoren nur die Maße des Instrumentes selbst dienen: „Eine Kurve die ankommt, muss auch weiterlaufen“.

Zusätzlich ist außergewöhnliche Erfahrung erforderlich, um mit dem Auge das akustische Resultat abschätzen zu können. Anspielen und reinhören kann man während der Arbeit nämlich nicht.

Hartmut Rohde ist mit dem Ergebnis der Restauration sehr zufrieden. „Es war ein absolut gelungener Eingriff und das Instrument hat ein richtig gutes Potenzial bekommen.“ Bis es zu voller Reife und Charakter gefunden habe, würden allerdings noch zwei bis drei Jahre vergehen – so lange dauert es, die Geige einzuspielen. Ein frisch restauriertes Instrument unterscheide sich in dieser Hinsicht nicht von einer neu gebauten Geige.

Danach wird die Stradivari wieder begabten Virtuosen mit UdK-Studentenausweis zur Verfügung stehen. Für einige ihrer Vorgänger hat sich das Üben auf dem raren Instrument besonders gelohnt: Unter ihnen Daniel Gaede, Erster Konzertmeister der Wiener Philharmoniker und jetzt Professor in Nürnberg, Ariadne Daskalakis, Violinen-Professorin in Köln oder Viviane Hagner, die als Solistin inzwischen mit den größten internationalen Orchestern konzertiert.

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