Zeitung Heute : Blühende Blicke

Der Einheitskanzler, die Bürgerrechtlerin und Landschaften nach 1989

David Ensikat

Jeanne d’Arc trägt eine schwarze Strickjacke und ein dünnes Goldkettchen. Auch ihre Stimme ist eher dünn. Die Leute jubeln ihr dennoch zu. Noch lauter bejubeln sie den großen, schweren Mann neben ihr. So schwer ist er, dass die Helfer seinen Stuhl auswechseln; der ursprüngliche, elegante, bog sich durch.

Zwei Kämpfer für Frieden und Freiheit im Palast der Tränen, „Jeanne d’Arc“ ist Bärbel Bohley, ein Redner hat sie heute Abend so genannt, der große, schwere Mann ist Helmut Kohl. Es ist der Abend des 9. November, es nähert sich die Stunde, zu der vor 15 Jahren der Berliner SED-Chef Günter Schabowski sagte, dass, „äh, sofort, unverzüglich“ neue Reiseregelungen in Kraft treten würden.

Eingeladen haben ein Radiosender, die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Stasi-Opfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, auf dem Podium im Berliner Tränenpalast sitzen Bärbel Bohley, Helmut Kohl und ein höflicher Radiomoderator. Der fragt zuerst, ob die beiden den Veranstaltungsort mit dem rührenden Namen einmal kennen gelernt hätten, als er noch DDR-Grenzübergangsstelle war. Bärbel Bohley, Mitglied des Verbandes Bildender Künstler damals, durfte 1970 mal in den Westen, um moderne Kunst zu sehen, da ist sie hier durch. Helmut Kohl, Oppositionsführer im Bundestag damals, wollte 1979 einmal in den Osten, einfach so, wurde im Tränenpalast gebeten, kurz zu warten, und bekam schließlich den Bescheid im Namen der Regierung der DDR, er sei eine unerwünschte Person.

Ein Vierteljahrhundert ist das jetzt her, und wie erwünscht Helmut Kohl inzwischen ist, wurde in einer einleitenden Rede vor dem Podiumsgespräch kund: Angela Merkel, Kohls einst kritische Nachfolgerin an der Spitze der CDU, sprach ihn grundsätzlich und sehr oft mit „Sie, lieber Helmut Kohl“ an und blickte dabei immer freundlich von ihrem Redemanuskript auf. Angela Merkel sagte auch, wir hätten es heute Abend mit „zwei der herausragenden Akteure des 9.November“ zu tun.

Also, so die zweite Frage des höflichen Moderators, Frau Bohley, Herr Kohl, wo waren Sie am 9. November?

Bohley: „Ich bin ins Bett gegangen.“

Kohl: „Ich war in Warschau.“

Um die konkrete Politik der Wendezeit geht es an diesem Abend selten, Bärbel Bohley sagt, so moralinsauer, wie manche denken, sei sie nicht, Kohl zitiert Napoleons Außenminister, doch auf einmal scheint es interessant zu werden: Da sagt Frau Bohley zu Herrn Kohl: „Wir hätten vielleicht eher miteinander reden sollen. Warum haben Sie nur solche Leute wie den Diestel und den Krause rangelassen und nicht uns von der Bürgerbewegung gefragt?“ Kohl sagt daraufhin, dass Idealismus und Umsetzung zweierlei sind, und um Bärbel Bohleys „Bürgerbüro“ habe er sich doch gekümmert. Das war 1995/96.

An den Abend des 10. November 1989 kann sich der „Kanzler der Einheit“ noch genau erinnern. Da hat er vorm Schöneberger Rathaus das Deutschlandlied in die gellenden Pfiffe hineingesungen. Die „Mischung aus Altberliner Linken und örtlichem Pöbel“ habe damals Schlimmes angerichtet: „George Bush hat das im Fernsehen gesehen.“ Und Michail Gorbatschow habe ihn, Kohl, angerufen und gefragt, ob sowjetische Einrichtungen in Berlin gefährdet seien. In Moskau gab es damals wichtige Leute, die meinten, Panzer müssten ausrücken, erzählt Helmut Kohl – „Ich hatte wirklich Angst.“

Von der Angst ist gar nichts mehr zu spüren, der Altkanzler sitzt da, die Füße weit auseinander, wie am Boden festgewachsen, die Hände zufrieden auf dem großen Leib, schaut er milde in die Menge und sagt: „Ich bin ein Auslaufmodell, ich darf ja heute alles sagen.“

Na, da schöpft der höfliche Moderator Mut: Wie es um die blühenden Landschaften steht, fragt er.

Kohl holt einen Zettel hervor, zitiert sich selbst – und tatsächlich, da ist auch, gleich neben den Landschaften, von Opfern die Rede. Gewiss, er habe den „Faktor Zeit“ unterschätzt und die westdeutsche Industrie habe ihn einigermaßen enttäuscht. Dass die nur Konsumenten sah im Osten und keine Produzenten! Und sicher hätten auch „Armleuchter aus dem Westen“ viel kaputtgemacht. Im Kern jedoch sei das Land gesund, die Leute müssten nur etwas mehr arbeiten.

Bärbel Bohleys Blick auf Land und Leute ist noch viel milder. Sie sei „Malerin und Augenmensch“, und als solche sehe sie die Landschaften durchaus blühen. Ihr Vergleich ist ein spezieller: Seit Jahren wohnt sie in Kroatien, vorher half sie lange Zeit in Bosnien – „Die Leute auf dem Balkan leben schlechter und jammern weniger“, sagt sie.

Kohl nickt, spricht über Frieden, Freiheit, Dankbarkeit, und als alles vorbei ist, wundert man sich irgendwie, dass es draußen dunkel ist und regnet.

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