Zeitung Heute : Blühende Schullandschaften

Von Köpenick bis Wilmersdorf gibt es spannende Neugründungen freier Träger

Susanne Vieth-Entus Katja Gartz

Die Vielfalt in der Berliner Schullandschaft wird noch größer. Nach den Sommerferien eröffnen mindestens vier neue freie Schulen: das Evangelische Gymnasium Köpenick, die BIP Kreativitätsgrundschule Pankow, die Jüdische Traditionsschule „Talmud Tora“ und die Mehrsprachige Schule Berlin. Außerdem liegen der Senatsverwaltung für Bildung 26 Anträge für Neugründungen vor, darunter 19 von berufsbildenden Schulen. Und die bereits existierenden Privatschulen expandieren weiter.

Paradebeispiel für die große Anziehungskraft der freien Schulen ist die Evangelische Schule in Pankow. Sie wollte eigentlich erst ab 2006 statt einer zwei erste Klassen aufnehmen. Aber der Ansturm ist so groß, dass sie schon jetzt zwei erste Klassen eröffnet.

„Wir hatten 140 Anmeldungen für die erste Klasse“, begründet Schulleiter Gunnar Hermann die Entscheidung. Deshalb wurden noch rasch Räume im benachbarten ehemaligen jüdischen Waisenhaus gemietet. Das ist aber nur ein Provisorium. Im nächsten Jahr folgt dann der geplante Umzug von der Hadlichstraße in die Galenusstraße, wo ein denkmalgeschütztes altes Klinikgebäude hergerichtet wird.

Auch in den anderen Jahrgängen ist die Nachfrage groß. Hermann berichtet von Wartelisten für alle Klassenstufen. Er begründet die große Nachfrage damit, dass Eltern „immer sensibler für Bildung werden“: Sie entschieden sich sehr bewusst für eine christliche, reformorientierte Schule. Einzelne wollten auch deshalb nicht an eine öffentliche Schule, weil dort manche Kollegien noch dieselbe Zusammensetzung wie zu Ost-Zeiten hätten: Durch den Geburtenrückgang brauchte man keine neuen Lehrer – also gab es auch keinen frischen Wind.

Erstmals seit dem Krieg nimmt ein evangelisches Gymnasium in einem Ost-Bezirk den Betrieb auf, und zwar in Köpenick: mit vier Klassen, zwei fünften und zwei siebenten. „Die Nachfrage ist ungebrochen steigend", sagt der Evangelische Kirchenschulrat Manfred Hermann. Es sei schwierig, die evangelischen Gymnasien mit eigenen Grundschülern zu besetzten, weil die Plätze so begehrt sind. Vor Andrang kaum retten kann sich das Gymnasium Zum Grauen Kloster. Zudem gibt es in Wilmersdorf eine Elterninitiative für eine neue evangelische Grundschule. Das Konzept sieht eine christliche Erziehung, reformpädagogischen Unterricht und altersgemischte Jahrgänge vor. Nach den Ferien soll es losgehen (Tel. 81826980, www.evgruwi.de).

Ebenfalls in Wilmersdorf befindet sich die neue Jüdische Traditionsschule „Talmud Tora“. Initiator der Grundschule ist Yehuda Teichtal, ein Rabbiner der weltweit tätigen orthodoxen Chabad-Lubawitsch-Bewegung (www.chabadberlin.de). Unterstützt wird er von der Jüdischen Gemeinde. Ihre Heinz-Galinski-Grundschule bekommt also hausgemachte Konkurrenz, was der zuständige Bildungsreferent „spannend“ findet.

Seit der Pisa-Studie sei bei Eltern ein wachsendes Interesse an schulischen Alternativen zu staatlichen Einrichtungen zu verzeichnen, sagt Andreas Wegener, der Vorsitzende des Verbandes Gesamtdeutscher Privatschulen für Berlin und Brandenburg: „Viele informieren sich heute über Schulen in freier Trägerschaft, die vor einigen Jahren noch nicht einmal daran gedacht haben", beobachtet er. Die Vorteile der Privatschulen sieht Wegener, Leiter des Trägervereins Private Kant-Schule, darin, dass sie von Eltern bewusst gewählt werden und dass es ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Eltern und Pädagogen gebe.

Gegenüber vielen öffentlichen Schulen zeichnen sich die Privaten durch ihre Spezialisierungen aus, beispielsweise in Fremdsprachen, Kunst und Kultur oder Integration von hochbegabten und schwachen Schülern. Die privaten Berufsschulen sind ebenfalls gefragt, weil im dualen Ausbildungssystem nicht ausreichend Plätze vorhanden sind. In diesem Jahr sind 3000 Plätze zu vergeben. „Die Träger haben Kapazitäten für weitere 1800 Ausbildungsplätze", sagt Wegener. Nur fehle auf der Basis des Berufsbildungsreformgesetzes noch ein positives Signal der Kammern und des Senats zur Förderung von Verbundausbildungen und schulischen Berufsausbildungen.

Unvermindert groß ist auch der Ansturm auf die katholischen Schulen. Das jesuitische Canisius-Kolleg muss ein aufwändiges Test- und Auswahlverfahren durchziehen, um die große Bewerberzahl überhaupt kanalisieren zu können. Allerdings hat dieses Auswahlverfahren auch Vorteile: Hier entscheiden die Fähigkeiten des einzelnen Schülers und nicht das Schulgesetz. Stark nachgefragte öffentliche Einrichtungen wie die Spandauer Martin-Buber- oder die Marienfelder Gustav-Heinemann-Gesamtschule ärgern sich jedes Jahr darüber, dass sie ihre Schüler nicht selbst aussuchen können: Hier hat das Bezirksamt das letzte Wort.

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