BLUES Seasick Steve : Mein Leben als Hund

Es riecht oft nach Legende, wenn die Biografie eines Künstlers mehr Aufmerksamkeit bekommt als sein Werk. Aber auch wenn es den meisten von uns in unseren bürgerlichen Gehäusen unwahrscheinlich erscheinen mag, gibt es diese Lebensläufe, die sich wie ein Abenteuerroman aus einem vergangenen Jahrhundert lesen. Der Mann, der als Seasick Steve bekannt ist, der vor Zehntausenden auf Festivals aufgetreten ist und den Kollegen und Kritiker als große authentische Bluesstimme unserer Tage rühmen, dieser Mann hat ein Leben geführt, das mit „unstet“ nur unzureichend charakterisiert ist.

Niemand weiß genau, wie alt er ist. Aber es gilt als gesichert, dass Seasick Steve Anfang der vierziger Jahre als Steven Wold in Oakland, Kalifornien, geboren wurde. Der Vater macht sich früh aus dem Staub, ein trinkender, prügelnder Stiefvater folgt. Mit 14 nimmt Wold Reißaus. Jahrzehnte des Umherziehens folgen, kreuz und quer durch die USA und Europa. Jahrzehnte, in denen er in Bruchbuden wohnt oder unter Brücken schläft, sich als Tagelöhner durchschlägt und im Knast landet, mit Kumpels säuft und sich an kaputte Beziehungen klammert. Was ihn in diesem unromantischen Vagabundendasein am Leben hält, ist die Musik, die er sich als Autodidakt erschlossen hat. Sind die Lieder, in denen er seine Erlebnisse mit rostiger Gießkannenstimme besingt, zu denen er auf verstimmten Gitarren schrummelt. Lieder, die irgendwann Leute mit Kontakten hören, die erkennen, welches Potenzial in ihnen schlummert. Mitte 60 ist Seasick Steve, als sein Debüt herauskommt. Heute erscheinen seine Platten bei einem großen Label. Und schon der Tourbus, mit dem er unterwegs ist, bietet mehr Komfort als die Hundehütten von früher.Jörg Wunder

C-Club, Do 9.5., 21 Uhr, 25 € + VVK

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