Zeitung Heute : Blumenschau der Superlative

Seit 60 Jahren kommen Besucher aus aller Welt zur Blütenpracht im niederländischen Keukenhof

Rolf Brockschmidt Waltraud Hennig-Krebs

Es gibt wohl kaum einen Ort auf der Welt, wo der Frühling seine Farbenpracht so üppig zeigt wie auf dem niederländischen Keukenhof, zu deutsch Küchengarten. In diesem Jahr nun feiert die Gartenanlage ihr 60-jähriges Bestehen. Aber ausgerechnet im diamantenen Jubiläumsjahr zeigt sich die Natur noch zögerlich. Der lange und harte „unholländische Winter“, wie die Tagesszeitung „AD“ schreibt, lässt die Blüten nur zögerlich hervorkommen, gegenüber einem normalen Jahr befindet man sich im Rückstand. Doch schon auf der Fahrt zum Keukenhof sieht man vor allem das satte Violett der Krokusse. Ein Tulpenfeld – etwa die Größe eines Fußballfeldes – enthält etwa 25 Millionen Blumenzwiebeln. Wenn die Sonne jetzt an Kraft gewinnt, werden sich die Felder in wahre Blütenteppiche verwandeln.

Für große Freude im frischen März sorgte die Anwesenheit von Königin Beatrix, die zusammen mit dem Kongressabgeordneten Maurice Hinchey dem diesjährigen Thema „New York – 400 Jahre Holland am Hudson“ die Ehre erwies. Besonders gefreut hat es Walter Jansen, Präsident des Keukenhof-Kuratoriums, dass Majestät auch eine rote, langstielige Tulpe höchstpersönlich auf den Namen „Spring Garden“ – zu ihrer Verblüffung mit Champagner – taufte. Nicht nur dieser Name ist eine Referenz an Amerika, sondern auch der große Kopf der Freiheitsstatue, der mit 53 000 Zwiebelpflanzen, davon 20 000 Tulpen, auf einer Fläche von 15 mal 23 Metern gesetzt wurde. Die Konturen sind mit Fettpflanzen markiert. Im Moment zeigt sich der Kopf zartgrün, die Tulpen und Muscari warten noch auf ihren Moment. Große Tafeln am Haupteingang erinnern an die lebendige niederländische Vergangenheit New Yorks.

Das Thema wurde ausgewählt, weil vor 400 Jahren der englische Seefahrer Henry Hudson an Bord des Seglers „De Halve Maen“ im Auftrag der Verenigde Oostindische Compagnie (VOC) den Landstrich erkundete und auf der Insel Manahatta im nach ihm benannten Hudson River an Land ging. Mit der Zeit entwickelte sich dort die Siedlung Nieuw- Amsterdam, das spätere New York. Doch die Spuren der niederländischen Gründerväter sind allgegenwärtig: So wurde beispielsweise Harlem nach der nordholländischen Stadt Haarlem benannt, Brooklyn leitet sich vom Ort Breukelen bei Utrecht ab, Staten Island erinnert an die Staten Generaal. Mit einigem Stolz bemerkte Amsterdams Bürgermeister Job Cohen bei der Eröffnung, dass die Niederländer auch ihr Stadtrecht und die Gottesdienstfreiheit mit in die Neue Welt gebracht hätten. Aber Nieuw-Amsterdam habe auch durch eine Mauer die Ureinwohner davon abgehalten, in die Stadt zu kommen. Der Name Wall Street erinnert daran.

Die Siedlung hat sich schnell zu einer Drehscheibe des Handels am Hudson entwickelt. Insofern passe die Tulpe auch als Symbol des niederländischen Handelsgeistes. Man habe es damals verstanden, aus einem nicht-niederländischen Produkt wirtschaftlichen Wohlstand aufzubauen – allerdings könnte man auch von der Tulpomanie im 17. Jahrhundert, der maßlosen Spekulation mit noch nicht erblühten Tulpen, etwas lernen.

Doch das amerikanische Thema mit seinem Rahmenprogramm ist nicht die einzige Attraktion des Keukenhofs, der sich auf dem Gelände eines Landguts befindet, dessen Eigentümerin von 1401 bis 1436 Jacoba van Beieren, Gräfin von Holland, war. Sie ließ auf einem Teil des Grundstücks einen Küchengarten (Keukenhof) anlegen, um für ihre Küche immer frische Kräuter verfügbar zu haben. Nach ihrem Tod ging das Landgut in den Besitz reicher Handelsfamilien über. Die heutige Grundform des Gartens entstand 1850 nach Plänen des Landschaftsarchitekten Zocher.

1949 beschloss eine Gruppe holländischer Blumenzwiebelzüchter und Exporteure, den Park als Ausstellungsgelände einzurichten, um den Kunden das Blumenangebot in voller Blütenpracht präsentieren zu können. Seitdem findet das populäre Ereignis jährlich statt. Keukenhof ist die Leistungsschau der 93 anerkannten „Hoflieferanten“ – nur sie dürfen den Namen Keukenhof verwenden und exklusiv ihre Neuzüchtungen ausstellen. Alle gezeigten Blumen sind mit deutlichem Schild des Züchters versehen. Man kann jetzt schon aus Katalogen in den verschiedenen Pavillons auf dem Gelände oder über die Website des Keukenhof seine Zwiebeln für den Oktober bestellen.

Unter uralten Bäumen, an Teichen und entlang der Wasserläufe blühen auf dem 32 Hektar großen Gelände nahe dem Städtchen Lisse alljährlich mehr als sieben Millionen Zwiebelblumen, vor allem Tulpen, Narzissen und Hyazinthen. Damit während der zweimonatigen Saison die Blütenpracht erhalten bleibt, bekommen die Blumenbeete eine sogenannte Etagenbepflanzung. Die Blumenzwiebeln werden dabei in bis zu vier Schichten von Hand von 60 Gärtnern von September bis Anfang Dezember gesetzt. In der obersten Schicht befinden sich Krokusse und Muscari, in der zweiten Schicht früh blühende Tulpen, in der dritten Schicht spät blühende Tulpen und in etwa 40 Zentimeter Tiefe Narzissen und Hyazinthen. Ist ein Blatt welk, wird es sofort abgeschnitten, denn sonst riskiert man Schimmel oder Schädlinge, erklärt Pressesprecher Michel van Dun, der auch selbst ein kleines Krokusbeet in zwei Tagen bei strömendem Regen bepflanzt hat. Verblühte Pflanzen werden gleich entfernt, und am Ende der Saison werden alle Blumenzwiebeln herausgenommen und kompostiert – auch die Rasenflächen werden wieder herausgerissen, denn die Designer möchten im kommenden Jahr Neues präsentieren. Letztes Jahr war alles mehr oder weniger eckig, jetzt zeigen die Beete organischen Schwung. Modefarben werden in diesem Jahr Pink und Rosa sein, die Tulpe des Jahres ist die „Black Parrot“, die natürlich nicht wirklich schwarz ist, sondern tiefviolett.

Die überwältigende Wirkung der Pflanzenpracht wird jedoch nicht ausschließlich durch Blumenzwiebeln erzeugt, sondern durch eine Kombination mit Stauden, Sträuchern und Bäumen. Zahlreiche Gartenstile, wie beispielsweise ein historischer Teil, ein Naturgarten sowie ein japanischer Landschaftsgarten, fügen sich zum ursprünglichen Grundriss zusammen, der einem englischen Landschaftsgarten entspricht. Die sogenannten Inspirationsgärten, sieben abgetrennte Gartenräume, bieten individuelle Formen, Farben und Pflanzenkombinationen. Mittlerweile kommen pro Saison rund 800 000 Besucher aus aller Welt, die nicht nur den Anblick genießen, sondern auch Anregungen für den eigenen Garten mitnehmen können.

In Sonderschauen werden Hunderte von exotischen Blumen und Pflanzen in den schönsten Farben und Sorten gezeigt, beispielsweise Orchideen, Bromelien und Anthurien, und vom 8. bis 10. Mai dreht sich alles um Orchideen. Ebenfalls im Mai können die schönsten und vor allem die aktuellen Liliensorten bewundert werden.

Weiteres im Internet:

www.keukenhof.nl

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