Zeitung Heute : Blumiger Exportschlager

Das „Hakige Chamelaucium“ duftet nach Zitrone

Brigitte Zimmer

Im Botanischen Garten werden Pflanzen, die besonders sehenswert sind, sei es durch die Blüte oder einen außergewöhnlichen Fruchtstand, durch einen roten Punkt gekennzeichnet. Auch in dieser Beilage stellen wir eine von ihnen vor.

Wegen seiner schmalen Blätter könnte man das „Hakige Chamelaucium“ – im Australienhaus, gegenüber dem Eingang zum Haus der tierfangenden Pflanzen – auf den ersten Blick für ein Heidekrautgewächs halten. Aber die Blüte belehrt uns eines Besseren: Der schmucke, immergrüne Strauch gehört zu den Myrtengewächsen (Myrtaceae), deren wohl bekannteste Vertreter die Eukalyptusbäume sind. Beheimatet ist Chamelaucium uncinatum in einem etwa 600 Kilometer langen Küstenstreifen Westaustraliens, wo er in sandiger Heide und sommertrockenen Gebüschformationen gedeiht. Dort wird er normalerweise zwei bis vier Meter hoch. Er ist schlank verzweigt mit lockeren, leicht überhängenden Trieben. Meist sind die Zweige rötlich überlaufen.

Der Botaniker Johannes Conrad Schauer (1813-1848), in Frankfurt am Main geboren und später Professor an der Universität Greifswald, hat die Pflanze 1844 beschrieben und wissenschaftlich benannt. Er wählte die Artbezeichnung uncinatum (lateinisch = hakig), weil die Blattspitzen hakenförmig nach unten gebogen sind. Die nadelartigen, nur einen halben bis einen Millimeter breiten, fast stielrunden, leicht fleischigen Blätter werden bis zu vier Zentimeter lang. Sie stehen einander in kreuzweise abwechselnden Paaren gegenüber. Das in ihren Geweben gespeicherte Wasser hilft den Pflanzen, sommerliche Dürre- und Hitzeperioden zu überstehen. Beim Zerreiben verströmen die Blätter einen angenehm-aromatischen, zitronenähnlichen Duft, denn die zahlreichen, unter der Lupe gut erkennbaren Blattdrüsen enthalten leicht verdunstende ätherische Öle – ein Charakteristikum aller Myrtengewächse.

Wenn zu Beginn der Blütezeit an den jüngeren Zweigen die weißen bis rosafarbenen Knospen erscheinen, ist der Strauch wie mit zahlreichen kleinen Perlen bestickt. Untersuchungen haben gezeigt, dass das „Hakige Chamelaucium“ zu den Kurztagspflanzen gehört und seine Blühfreudigkeit bei mittleren Temperaturen am größten ist.

Dem Zauber der kleinen, sich nacheinander öffnenden Blüten kann sich wohl keiner entziehen. Sie sehen aus wie von einem Konditor liebevoll gestaltete Marzipanblümchen oder winzige Kunstwerke aus Wachs. Deshalb wird das „Hakige Chamelaucium“ in seiner Heimat, den Landstrichen um Geraldton, als „Geraldton wax“ bezeichnet. Seine attraktiven Blüten stehen in langgestielten, zwei- bis fünf-blütigen Trugdolden in den oberen Blattachseln jüngerer Triebe. Sind die Pollenkörner reif und die Narben empfängnisbereit, wird von der Innenfläche des grünlichen Blütenbechers so viel Nektar abgesondert, dass sich richtige Tropfen bilden: Eine reichliche Belohnung für die bestäubenden Insekten, die überdies durch einen auch für uns wahrnehmbaren, angenehmen süßlichen Duft angelockt werden. Sobald ältere Blüten nicht mehr empfängnisfähig sind, hört die Nektarproduktion auf und die Innenfläche des Blütenbechers verfärbt sich rot. Dies ist offensichtlich ein Signal für die Bestäuber, dass sich der Besuch solcher Blüten nun nicht mehr lohnt.

Die Gattung Chamelaucium umfasst ungefähr 30 Arten, die alle in Westaustralien endemisch sind. Chamelaucium uncinatum ist die am häufigsten kultivierte Art. Sie ist ausgesprochen variabel in Farbe, Größe und Zahl der Blüten und wird vor allem in Australien, Israel und Kalifornien großflächig angebaut. Die Zweige sind als Schnittblumen ein echter Exportschlager, insbesondere nach Europa. Die Sträucher werden in warmen Gegenden von Gartengestaltern als auflockernde Elemente in Rabatten eingesetzt oder als Hecken gepflanzt. Bei uns ist die Art nicht winterhart, aber als Kübelpflanze fürs Kalthaus im Handel. Sie wächst relativ langsam, muss nur selten in einen größeren Topf umgepflanzt werden, braucht wenig Dünger und fühlt sich besonders wohl, wenn die Bodenfeuchte niedrig gehalten wird. Weit über 40 Sorten sind im Handel, eine davon mit tiefvioletten Blüten trägt den Sortennamen „University“ oder „University Red“.

Die Autorin ist promovierte Biologin am Botanischen Garten der Freien Universität Berlin. Der Garten und die Gewächshäuser sind täglich ab 9 Uhr geöffnet. Internet: www.botanischer-garten-berlin.de

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