Zeitung Heute : Blusen kaufen

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Kleine Mädchen tragen Rosa. Nur ich nicht. Ich war nämlich das kleinste von vier Mädchen, und da gab es keine hübschen neuen Kleidchen, nur dreimal abgetragene alte Sachen, an denen ich mich schon sattgesehen hatte, bevor ich sie zum ersten Mal selber überzog. Wenn ich mir so alte Fotos angucke, habe ich das Gefühl, wir haben immer Erdfarben getragen. Ist nur so ein Gefühl – die Fotos sind alle schwarz-weiß.

Neulich habe ich mein kleinkindliches Defizit behoben und mir eine leuchtendrosa Bluse gekauft. Am Abend habe ich sie beim Geburtstagsfest meiner Schwester zum ersten Mal getragen, und was soll ich sagen: Ich war nicht die einzige in Pink. Ungefähr die Hälfte aller Damen leuchtete wie ich. In den nächsten Tagen sah ich nur noch rosa: Auf einer Medienparty waren Sabine Christiansen und Angela Merkel in der Kleinmädchenfarbe aufgetreten, dann las ich, dass selbst junge CDU-Abgeordnete heutzutage rosa Schlipse tragen…

Da ich meine Kleidung inzwischen nicht nur selber kaufen kann, sondern auch selber bezahlen muss, habe ich die Bluse trotzdem nicht gleich eingemottet. Gekauft hatte ich sie bei mir um die Ecke, bei Hirschmann, ein kleiner Laden, in dem finde ich immer was. Ich liebe meine Schöneberger Gegend am Winterfeldtplatz, weil da ein Laden neben dem nächsten Café ist, fast nur Individualisten – außer dem Drogeriemarkt ist keine Kette dabei. Bei Fleischer Hoffmann kann man artgerechte Bouletten kaufen, in der Croissanterie Mettchens gegenüber das Brötchen und im Antiquariat Deckers die Lektüre dazu, über dem Buchladen steht noch „Feinkost“ in Schreibschrift geschrieben, bei Tim’s gibt’s fette Brownies, bei Miss Moneypenny Milchkaffee bei Sonnenschein. Es gibt zwei gute Falafel-Läden, und bis vor einiger Zeit gab’s auch einen netten Einrichtungsladen, nur plötzlich war der weg. Eine Weile stand das Geschäft leer, eines Tages sah ich zu meinem großen Schrecken – das Schild einer Sandwichkette, die sich gerade so rasant breit macht wie einst McDonald’s & Co. Ich dachte schon, das ist der Anfang vom Ende. Aber letzte Woche kam ich an einem lauen Sommerabend vorbeigeradelt, vor allen Lokalen waren die Tische voll – nur die Sandwichkette leuchtete grell ihre Leere nach draußen.

Hirschmann Mode, Maaßenstraße 12

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