Zeitung Heute : Blut und Banden

Heute vor einem Jahr erschoss ein Killer sechs Männer vor der Duisburger Pizzeria Da Bruno – wahrscheinlich als Rache für den Mord an der Frau eines ’Ndrangheta-Paten. Jetzt stehen in Italien 59 Angehörige der beiden verfeindeten Clans vor Gericht. Eine Analyse der mächtigsten Mafia Europas

Paul Kreiner[Reggio Calabria]

Die Mörder sind hinter ihm. Davon ist Nicola Gratteri überzeugt. Aber sie schrecken ihn nicht. Das jetzt, das ist nicht ihre, das ist seine Stunde.

Nicola Gratteri, führender Staatsanwalt im Kampf gegen die Mafia, sitzt dieser Tage wieder einmal im Gerichtssaal von Reggio Calabria. Wären da nicht Dutzende von Kameras, der betongraue, fensterlose Hochsicherheitsbunker sähe aus wie eine Turnhalle. Ganz hinten, an der Stelle jener Räume, die in einer Turnhalle zur Lagerung der Sportgeräte dienen, sind Käfige eingebaut, vergittert, schussfest verglast. Drinnen Menschen, stehend, sitzend, an die Stäbe geklammert.

Es geht um sie, wenn Staatsanwalt Gratteri mit der Richterin und den Verteidigern in diesen Tagen um Prozessfragen rangelt und darum, ob das Hauptverfahren überhaupt stattfindet. Gratteri hat Anklage erhoben gegen diese 59 Männer und Frauen aus dem kalabrischen Bergdorf San Luca; er hält sie der „mafiösen Vereinigung“ für schuldig, des Mordes und des illegalen Waffenbesitzes. Gratteri will die mittlerweile 17-jährige, blutige Fehde ahnden, die am 15. August 2007, heute vor einem Jahr, im sechsfachen Mord von Duisburg gipfelte. Sechs Italiener zwischen 16 und 38 Jahren waren damals vor der Pizzeria Da Bruno von einem oder zwei Killern der kalabrischen Mafia, der ’Ndrangheta, erschossen worden.

Eine Familienfehde, ein Streit zweier rivalisierender Clans, hieß es damals. Gewiss, meint Gratteri: „Aber die Sachen mischen sich. Wenn zwei Mafia-Gruppen gegeneinander kämpfen, sind sehr viel größere Interessen im Spiel. Da geht es um illegale Geschäfte, um Kontrolle des Territoriums, um Macht, Gewinne und Vorherrschaft.“ Viele der an dieser Fehde Beteiligten glaubt Gratteri in den Käfigen versammelt zu haben. Den oder die Killer von Duisburg selbst allerdings hat die Polizei noch nicht gefasst.

Das Bergdorf San Luca, aus dem die meisten Opfer von Duisburg stammen, gilt nicht nur als ein Geschäftszentrum im europaweiten Drogen- und Waffenhandel, sondern geradezu als das Herz der ’Ndrangheta. Doch dieses Herz schlägt seit dem Vorfall von Duisburg nicht mehr in dem festen Takt von früher. Zum einen haben die obersten Bosse den verfeindeten Clans der Strangio-Nirta und der Pelle-Vottari noch im August 2007 einen Burgfrieden verordnet. „Die haben gemerkt“, sagt Nicola Gratteri, „dass das Blutbad von Duisburg ein großer Fehler war. Es hat die Aufmerksamkeit nicht mehr nur der italienischen, sondern auch der Polizei im Ausland auf die ’Ndrangheta gelenkt. Und das stört die Geschäfte.“

Zum anderen hat die italienische Polizei in San Luca hart durchgegriffen: Sie hat nicht nur die 59 Personen verhaftet, die jetzt vor Gericht stehen, sie hat auch Wirtschaftsgüter im Wert von 150 Millionen Euro beschlagnahmt – darunter Häuser, Grundstücke, Autos, Konten. Videokameras überwachen den grauen, verwinkelten Ort – jedenfalls dort, wo die mindestens genauso eifrigen Gegenspione der ’Ndrangheta sie nicht abmontieren. Aber dass die Mafia nun in eine Art Winterschlaf gegangen wäre, das hält Gratteri für eine „allzu optimistische Erwartung“.

Erst vor ein paar Tagen haben die Carabinieri, mitten in San Luca, einen der immer noch versteckten Clanchefs gefunden. Der 31 Jahre alte Paolo Nirta – bisher Mitinhaber einer Düsseldorfer Pizzeria – wurde umsorgt und beschützt von zwei älteren Tanten, und nur der entschlossene Griff eines Polizisten an Nirtas Hosenbein konnte verhindert, dass der Gesuchte aus dem Fenster sprang und in einem jener von der Mafia gebauten Bunker verschwand, die sich durch den Untergrund von San Luca ziehen.

Eines konnte selbst der Exzess von Duisburg nicht brechen: den Ehrenkodex, die traditionelle „Omertà“, das Schweigegebot. „Die Zusammenarbeit mit der Polizei“, sagt Gratteri, „ist gleich null. Keiner gibt uns Hinweise, nicht einmal in anonymer Form.“ „Pentiti“, also aussagewillige Überläufer wie etwa aus der sizilianischen Mafia, gibt es in der ’Ndrangheta kaum, weil sich diese auf die Blutsbande natürlicher Familien gründet und jeder Überläufer damit seine eigenen Angehörigen verraten müsste. „In San Luca gibt es gar keinen Pentito“, sagt Gratteri.

Und Morde kann auch die Polizei nicht verhindern. Jenen vom Weihnachtstag 2006 nicht, als die Pelle-Vottari einen Generalangriff auf die versammelte Großfamilie Strangio-Nirta starteten, eine Frau erschossen und ein Kind verletzten. Sie war der Auslöser für die Rache der Strangio-Nirta in Duisburg.

Die Polizei wusste immerhin, dass etwas im Gang war. In den Autos einiger Hauptfiguren hatte sie Wanzen eingebaut, die mit GPS-Koordinaten die Bewegungen der verfeindeten Clans dokumentierten. Auch das Telefonat eines gewissen Giovanni Strangio, des mutmaßlichen Killers, hörte die Polizei mit. Er ist 29 Jahre alt und kündigte am 8. August 2007 an, „nach Düsseldorf“ zu fahren. Dass daraus eine Reise zur Pizzeria Da Bruno in Duisburg werden würde, sollte auch seine Familie nicht wissen.

Die Belegschaft der Pizzeria hat an jenem Abend nicht einfach nur einen Geburtstag gefeiert. Dass im Geldbeutel eines der getöteten Männer ein angesengtes Heiligenbild des Erzengels Michael gefunden wird, macht den italienischen Ermittlern schnell klar: Hier hat eine Aufnahme in die ’Ndrangheta stattgefunden. Auf solche Heiligenbilder nämlich tropft der Neuling sein Blut, dann hält der Clanchef das Bild über eine Kerze und sagt dem Neuling den Schwur vor: „Wie dieses Bild soll ich verbrennen, wenn ich diesem Bund je untreu werde.“ Für die italienischen Ermittler beweist dies: Es gibt in Duisburg eine Zelle der ’Ndrangheta, einen ranghohen Chef und im Da Bruno eine gewisse Zahl von Mafia-Mitgliedern; sonst hätte die Initiation gar nicht stattfinden können.

Und die deutschen Behörden sind zu spät aufgewacht? „Ich weiß nicht, ob sie überhaupt aufgewacht sind“, antwortet Gratteri. Es gibt, sagt er, in Deutschland „den Tatbestand der mafiösen Vereinigung nicht“. Und anders als in Italien könne er keine öffentlichen Orte abhören, keine Vermögenswerte beschlagnahmen. Gratteris Bilanz für die Ermittlungen in Deutschland fällt bitter aus. Zwar funktioniere die Zusammenarbeit mit den „aufs Äußerste engagierten“ deutschen Ermittlern gut: „Aber aufgrund der fehlenden Gesetze haben wir in zwölf Monaten technisch gar nichts bewiesen, keine Netzwerke, keine Geldwäsche.“

Fast die Hälfte seines Lebens hat der 50 Jahre alte Nicola Gratteri im Kampf gegen die ’Ndrangheta zugebracht. Aufgewachsen ist er mit einer hinterwäldlerischen Mafia aus Kleinbauern und Schafhirten, die ihre ersten Millionen in den 70er Jahren mit Entführungen verdiente – aber schon damals auf den Rückhalt bei den Einheimischen zählen konnte, die so manchen Entflohenen wieder zu seinen Kidnappern zurückschickte. Dann kam das Drogengeschäft, „und das hat alles verändert“. Heute hält die ’Ndrangheta das Europamonopol auf Kokain, kauft – als einzige Organisation ohne Zwischenhändler – den Stoff für 1200 Euro pro Kilo in Kolumbien ein, um ihn in Italien für 70 000 Euro weiterzuverkaufen.

Und nicht nur das: Die Bauern und Hirten haben ihre Kinder auf die Uni geschickt. „Heute sind sie Finanzexperten, Ärzte, Ingenieure, Rechtsanwälte, diplomiert, promoviert, nicht vorbestraft, aber gleichzeitig, auf höherer Ebene, in der ’Ndrangheta. Sie sind in die öffentliche Verwaltung eingedrungen, überall, in den Gemeinden, der Region, im Staat.“ Ihr Spezialgebiet ist das Gesundheitswesen. 65 Prozent seines Etats gibt die Region Kalabrien allein für diese Zwecke aus, und dass die ’Ndrangheta im Beschaffungswesen und der Abrechnung medizinischer Dienstleistungen kräftig mitverdient, ist kein Geheimnis. Allein in der Stadt Locri, unweit von San Luca, wurden in fünf Jahren 88 Millionen Euro für Behandlungen ausgegeben – mehr als das Doppelte dessen, was der Etat erlaubte. Wie viele Angestellte die Gesundheitsbehörde in Locri hat, wo und was genau sie alle arbeiten, hat bisher niemand herausgefunden. Von mehr als 1500 ist die Rede. Und zu Jahresbeginn wurde ein hohes Mitglied der kalabrischen Regionalverwaltung verhaftet, weil es eine Privatklinik eigens zur Anzapfung öffentlicher Gelder errichtet haben soll – und sich seine Wiederwahl erkaufte, indem es die örtlichen Mafiachefs ins Geschäft zog.

Den 443 Kilometer langen Ausbau der Autobahn Salerno – Reggio Calabria haben die Clans regelrecht unter sich aufgeteilt, auch wenn, der Form nach, norditalienische Firmen die Aufträge gewonnen haben. Diese sehen sich aber nun dazu gezwungen, drei Prozent der Auftragssumme als „Sicherheitsgebühr“ in der Firmenbilanz abzurechnen und müssen auch noch Kies, Beton, Teer bei örtlichen Firmen einkaufen sowie die Maschinen und das Personal „empfohlener“ kalabrischer Unternehmer einsetzen.

Immer wieder löst die Regierung Gemeindeverwaltungen auf, die von der ’Ndrangheta durchdrungen sind – doch manchmal arbeiten die verdächtigsten Personen anschließend als „Berater“ weiter. Allein zur Geldwäsche werden riesige Luxus-Einkaufszentren errichtet, die aus dem Landschaftsbild des armen Kalabrien herausstechen.

Auf 44 Milliarden Euro schätzen Experten heute den Jahresumsatz der ’Ndrangheta; er speist sich aus dem Drogengeschäft, aus öffentlichen Aufträgen, aus Schutzgelderpressung, Zinswucher, Waffenhandel, Prostitution. Die ’Ndrangheta gilt heute als die „globalisierteste“ der italienischen Mafien. Sie betreibt und unterwandert Geschäfte nicht mehr nur in ganz Italien, sondern praktisch überall dort, wo Kalabrier eingewandert sind.

Staatsanwalt Gratteri hat sich viele Feinde gemacht, mit jeder Akte kamen neue hinzu. Seit 1989 kann er sich nur noch mit Leibwächtern bewegen: „Es ist ein Leben ohne Restaurants, Kino, Theater.“ Wie hält man so etwas aus? „Kraft gibt mir die Überzeugung, dieser Gesellschaft etwas Gutes zu tun und letzte Zuflucht zu sein für ehrliche Leute, die unter all dieser Kriminalität leiden.“ Immer wieder geht Gratteri in die Schulen, um über die ’Ndrangheta zu sprechen, oder er hält Vorträge. Die Säle, sagt er, „sind übervoll. Allein fühle ich mich nicht.“

Verraten aber fühlt Gratteri sich manchmal schon. Im April hat er in seinem Büro eine Wanze gefunden. Der Sender hatte eine Reichweite von 20 Metern. Jemand aus dem eigenen Haus muss den Staatsanwalt belauscht haben. Wer es war, das hat Gratteri noch nicht herausgefunden. Die Arbeit wird ihm nicht ausgehen. Den Ermittlern gehe es „wie den Ölsuchern in Saudi-Arabien“, sagt er. „Wo immer sie bohren, überall werden sie fündig.“

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