Zeitung Heute : Blut und Boden

Das Land war die Kornkammer des ganzen Kontinents und hatte eine verheißungsvolle Zukunft. Jetzt steht Simbabwe vor der Katastrophe. Diktator Robert Mugabe will die weißen Farmer vertreiben. Damit zerstört er mehr als nur eine funktionierende Landwirtschaft.

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Von Wolfgang Drechsler,

Kapstadt

Der Brief ist zwar nicht blau, aber Jannie Erasmus hat ihn trotzdem mit derselben Angst erwartet wie ein Schüler, der um seine Versetzung bangt. In nüchtern-bürokratischem Tonfall nimmt das Schriftstück auf Paragraph 5 und 8 des Gesetzes zum Landerwerb Bezug. Dann wird mitgeteilt, dass der Staat die Farm von Erasmus mit Ermächtigung des Präsidenten ohne Gerichtsverfahren enteignen werde. Seit dem Zeitpunkt, an dem Erasmus den Empfang des Briefes bestätigte, gehört seine Farm Bath nicht mehr ihm sondern der Regierung von Simbabwe. Erasmus wurden zunächst 45 Tage Zeit gegeben, alle Arbeiten auf der Farm einzustellen. Diese Frist lief Ende Juni ab. Anschließend erhielt der 63-Jährige weitere 45 Tage, um seine Farm zu räumen.

Heute ist um Punkt Mitternacht auch diese letzte Frist ausgelaufen, die Simbabwes Regierung ihm und 2900 weiteren weißen Farmern gestellt hatte. Machtlos müssen sie nun dem weiteren Lauf der Dinge zusehen. Wer sich den Anordnungen widersetzt, dem hat Präsident Robert Mugabe, der das Land seit der Unabhängigkeit vor 22 Jahren beherrscht, mit dem Einsatz bewaffneter Sicherheitskräfte gedroht. „Eine Enteignung solchen Ausmaßes hat Afrika zuletzt erlebt, als sich der Despot Idi Armin an Ugandas Indern vergriff“ sagt Volkswirt John Robertson.

Quälende Ungewissheit

Es ist im südlichen Afrika nicht üblich, dass die Menschen auf dem Land ihre Gefühle zeigen. Doch das Ultimatum hat seine Wirkung nicht verfehlt. Wie viele andere Farmer haben auch Jannie und Maureen Erasmus nach fast drei Jahren quälender Ungewissheit resigniert. Seit über 35 Jahren leben sie auf ihrer Rinderfarm, 140 km südlich von Harare. Wie die meisten Landwirte in der trockenen Region ist auch Erasmus Rinderzüchter und beliefert die städtischen Gebiete mit Milch und Fleisch. Einige von ihnen versuchen nun, in den angrenzenden afrikanischen Staaten eine neue Existenz aufzubauen. Doch viele sind wie Erasmus schon über 60 Jahre und zu alt für einen solchen Neuanfang. „Es ist schlimm, die Vergangenheit in ein paar Kartons zu packen und sein Lebenswerk zurückzulassen“ sagt er.

Fast zwei Jahre lang haben die beiden sich beharrlich gegen die von der Regierung unterstützten Farmbesetzer und deren Einschüchterungstaktik gewehrt. Inzwischen ist fast die ganz Farmausrüstung gestohlen worden. Auch die vielen Bäume auf der Farm, die als Baumaterial taugen, sind von den Kriegsveteranen fast alle abgeholzt worden. „Wir können einfach nicht mehr. Ich habe noch zwei Milchkühe und zwei Schafe“, sagt der 63-Jährige. „Das Leben hier ist einfach unerträglich geworden".

Überall in Simbabwe sind weiße Farmer in den letzten Tagen zusammengekommen, um sich wie Jannie und Maureen Erasmus von ihren Nachbarn und Arbeitern zu verabschieden. „Uns standen Tränen in den Augen, als wir in einer kurzen Andacht um Hilfe und Kraft in dieser schweren Stunde baten – und dann ein letztes Mal die staubige Straße zum Farmhaus zurückfuhren“, sagt Erasmus. Ein Gutteil der von der Enteignung bedrohten Farmer hat die ländlichen Gebiete bereits verlassen und bei Freunden in den Städten Unterschlupf gesucht. Denn zwischen heute und Montag feiert Simbabwe traditionell sein „Heroes weekend“ zu Ehren der schwarzen Guerillas, die in dem 1979 zu Ende gegangenen Unabhängigkeitskampf gegen die weiße Minderheitsregierung ums Leben kamen. „Wir wollen vor dem Wochenende aufbrechen, denn die Emotionen könnten überschwappen und einige Kriegsveteranen das Ultimatum zur Abrechnung nutzen“ sagt ein Tabakfarmer in Hwedza, 60 km südöstlich von Harare.

Hintergrund der jüngsten Ereignisse ist die von Mugabe seit über zwei Jahren gewaltsam forcierte so genannte „Landreform". Sie besteht darin, produktive Großbetriebe von weißen Farmern ohne Entschädigung zu enteignen und das Land an Schwarze weiterzuverteilen. 4000 weiße Farmer, so macht Mugabe geltend, säßen auf einem Drittel des besten Landes, während sich zwölf Millionen Simbabwer den Rest teilten. Die Beschlagnahmung solle dem Land Stabilität und Prosperität bringen, hieß es.

Aber nicht bedürftige schwarze Kleinbauern, sondern Parteibonzen und andere Günstlinge des Präsidenten sowie Familien so genannter Kriegsveteranen haben einen Großteil der Farmen erhalten – und produzieren darauf meistens nicht. Nun droht der einstigen Kornkammer des Kontinents eine Hungersnot. Mehr als sechs Millionen Simbabwer brauchen dringend Nahrung. „Wir rufen die internationale Gemeinschaft um Hilfe an und zerstören gleichzeitig mutwillig unser eigenes Produktionspotenzial“, sagt Mac Crawford vom Farmerverband CFU kopfschüttelnd. „Das verstehe wer will." An der Notwendigkeit einer Landreform zweifelt ohnehin kaum jemand in Simbabwe, auch Erasmus nicht. „Wir brauchen dringend mehr schwarze Farmer", sagt er. „Dass die großen Bauern fast alle weiß sind, ist politisch höchst brisant.“ Erasmus hat deshalb vier seiner fünf Farmen der Regierung offeriert. „Aber die haben nicht einmal geantwortet. Das zeigt doch, dass hinter der Enteignung vor allem politische Gründe stehen.“ Sicher hätten die Weißen mehr zur Lösung der Landfrage tun können, meint er. „Aber wer hätte schon gedacht, dass Mugabe sein Land lieber zerstören als die Macht aus der Hand geben würde?"

„Dies ist mein Zuhause“

Soweit das Auge reicht, ist kein Zeichen landwirtschaftlicher Tätigkeit auszumachen Die bevorstehende Vertreibung weißer Farmer bedroht auch deren schwarze Arbeiter. Denn noch immer ist die Landwirtschaft der mit Abstand größte Arbeitgeber Simbabwes. Mit den fast 3000 Farmen verlieren nach Schätzungen mindestens 250 000 Farmarbeiter ihr Einkommen. Auch sie müssen ihre Sachen packen und Neuansiedlern Platz machen. „Viele haben seit 20 oder 30 Jahren für uns gearbeitet und kein anderes Zuhause. Sie sind effektiv obdachlos“, sagt Erasmus.

Allerdings haben sich längst nicht alle mit der drohenden Enteignung abgefunden. Jean Simon, eine 42-jährige Farmerin im Norden von Harare, will sich gegen die Willkür der Machthaber wehren. Sie räumt ohne Umschweife ein, große Angst zu haben. Dennoch ist sie entschlossen, die Farm auch künftig zu bewirtschaften. „Meine Familie lebt seit 200 Jahren in Afrika und ich bin eine Afrikanerin. Eigentlich sollte dieses Land den ganzen Kontinent ernähren. Statt dessen werden wir wegen unserer Hautfarbe verfolgt. Egal, was passiert und wer in Simbabwe regiert: Ich werde bleiben. Denn dies ist mein Zuhause.“

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