Zeitung Heute : Blutige Tulpen

Sie nennen ihre Revolution nach den Blumen des Frühlings, aber die Demokratie wächst in Kirgisistan auf einem kargen Grund

-

Am Sonntag ist Schnee gefallen in Bischkek, der Hauptstadt Kirgisistans, dicke Flocken, schwer und nass. Der Tod für die Aprikosenbäume, die in voller Blüte standen. Die ganze Ernte ist verdorben. „Eine Katastrophe“, sagt Ischengul Abilowa, eine kleine verhärmte Frau Ende 50. Wegen ihrer Aprikosen hat sie von der Revolution der Tulpen in der vergangenen Woche nicht so viel mitbekommen. Am vergangenen Donnerstag wurde der Regierungssitz des Präsidenten Askar Akajew gestürmt aus Wut über offenbar gefälschte Wahlergebnisse, die ihm eine breite Mehrheit im Parlament sicherten. Veränderungen bringen, wie Ischengul Abilowa seit dem Ende der Sowjetunion vor 15 Jahren weiß, selten Gutes. „Jedenfalls für die einfachen Leute wie uns.“ Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte Akajew weiter Präsident bleiben können. „Der war 15 Jahre an der Macht und ist inzwischen satt. Die neue Macht dagegen ist noch hungrig und muss sich erst die Taschen füllen. Auf unsere Kosten“. Das sei hier immer so gewesen.

Auf Amerika, das der einstigen Opposition schon „umfassende Hilfe“ beim Aufbau der jungen Demokratie versprochen hat, ist Ischengul daher weniger gut zu sprechen. Sie vertraut auf Putin, der den Kirgisen in diesem Frühjahr kostenlos Saatgut, Treibstoff und Technik für die Landwirtschaft überlassen will. Für Ischengul ist das die einzige Chance, den Verlust der erfrorenen Aprikosen auszugleichen. Ischengul braucht „lebendiges“ Geld, wie sie sagt. Demokratie wird nicht einmal in Kirgisistan, wo der Mangel an Bargeld zu den absurdesten Tauschgeschäften führt, in Zahlung genommen.

„Demokratie, du gefällst mir!“ Nicht schön, aber laut singen zwei junge Männer ein russisches Lied mit neuem Text, der die Ereignisse der letzten Tage aufgreift. Mit Bierbüchsen in der Hand sitzen sie auf einem Sofa mitten auf der Straße unter einem verbogenen Laternenpfahl. Das Sofa ist wohl von Plünderern, die in den Nächten zum Freitag und zum Sonntag vergangener Woche die teuren Geschäfte im Stadtzentrum ausräumten, auf die Straße geschafft worden.

Bischkek sieht aus wie eine russische Garnisonsstadt, und das wurde die Siedlung Pischpek auch, nachdem Russland Kirgisistan 1876 annektiert hatte: breite, wie mit dem Lineal gezogene Straßen, die im rechten Winkel aufeinander treffen, ein paar massige Ziegelbauten aus der vorkommunistischen Zeit und jede Menge Renommierobjekte aus der Sowjet-Ära, wie sie in jeder größeren Stadt Russlands stehen könnten. Von Blautannen umstanden, die genauso deplatziert wirken wie die steinernen Kopien der Jurten – der Rundzelte aus Filz, wie sie auf dem flachen Land bis heute traditionelle Behausung der Kirgisen sind.

Nur Pappeln, Platanen und Maulbeerbäume geben der Stadt einen südländischen Charakter, die schneebedeckten Ausläufer von Tienschan und Alatau am Horizont signalisieren die Nähe zu China. Dass Bischkek eher zum vorderen Orient gehört, merkt man nur auf den Märkten. Erstaunlich schnell scheint in der Stadt mit ihren rund 700000 Einwohnern nach der Gewaltorgie der letzten Woche wieder Normalität einzukehren. Der Brotpreis, in Zentralasien Indikator für Stabilität, liegt wieder da, wo er vor den Unruhen war. Die Straßencafés haben wieder geöffnet und die meisten Läden auch. Handgemalte Pappschilder, mit denen viele zerschlagene Schaufenster noch abgedeckt sind, weisen darauf hin. Auf manchen ist außerdem eine etwas ältere Inschrift zu lesen: „Wir sind mit dem Volk.“

Die Marodeure ließen sich von solchen Schildern nicht beeindrucken. 15 Tote und 380 Verletzte brachten die beiden Nächte der langen Messer und Sachschäden in Höhe von mindestens 100 Millionen US-Dollar – knapp ein Zehntel des gesamten Staatshaushalts der armen Republik. Das kirgisische Staatsfernsehen, frisch gewendet und bemüht, die Revolution von links zu überholen, hat den gestürzten Präsidenten Akajew als Drahtzieher der Gewalt in Verdacht: Die Plünderer seien planvoll und organisiert vorgegangen.

„Quatsch“, sagt einer, der sich dazu bekennt, dabei gewesen zu sein. Nurlan, ein 19-Jähriger, der nicht weiß wohin mit den viel zu langen Armen. In Osch im Süden zu Hause, war er unter den Ersten, die am letzten Donnerstag das Amtszimmer Akajews stürmten. „Nichts war geplant. Es hat sich einfach so ergeben.“ Zuerst, erzählt Nurlan, hätten sie sich auf den Kühlschrank im Büro gestürzt. „Essen war da aber nicht drin. Bloß ein Glas mit Blaubeerkonfitüre. Dafür jede Menge Alkohol. Westimporte“, sagt Nurlan. „Whisky und Zeug, das wir nicht mal dem Namen nach kannten.“

An das, was danach geschah, kann sich Nurlan nicht mehr klar erinnern. Auch Nurbek Mamatow, der sich schon wenige Minuten nach Beginn des Sturms auf das „Weiße Haus“ am Fenster von Akajews Arbeitszimmer zeigte, weiß nicht, wie er dort eigentlich hingekommen ist. Das Fernsehen war mit dabei, und vielleicht, so hofft Mamatow, verschaffen die Bilder ihm endlich, worauf er bisher vergebens hoffte: eine Arbeit. Er ist Ende 20 und im Besitz von zwei Abschlüssen technischer Hochschulen, trotzdem hat er bisher ganze sechs Wochen lang Geld verdient, illegal, auf einer Baustelle im russischen Jekaterinburg.

„Schlimm, solche Karrieren“, sagt Schenischbek Nasaralijew. „Aber bei uns kein Einzelfall.“ Auch Nasaralijew hat die Bilder gesehen von der Erstürmung des „Weißen Hauses“ und Mamatow als einen seiner Patienten wiedererkannt, obwohl er schon Hunderte behandelt hat. Professor Nasaralijew ist Gründer und Direktor des Zentrums gegen Drogensucht, die in Kirgisistan ein Massenphänomen ist. Drogen sind billig, weil sie aus nächster Nähe kommen. Aus Afghanistan, Tadschikistan und dem Tschui-Tal, nördlich von Bischkek gelegen an der Grenze zu Kasachstan. Noch Anfang letzter Woche landesweit hoch angesehen, hält sich der bald 70 Jahre alte Professor nun versteckt in einer Kellerwohnung, in den Händen eine Waffe. Freunde warnten ihn gleich nach dem Umsturz, er stehe auf der Abschussliste von Dealerbanden.

„Akajew stürzte vor allem, weil er den Leuten immer vorhielt, sie seien träge und daher an ihrer Armut selbst schuld. Dabei hatte seine Familie längst alles an sich gerissen, was Geld brachte“, sagt Nasaralijew. Die Treibstofflieferungen an den US- Stützpunkt Manas, die Fuselproduktion und die Spielsalons in Bischkek. In russischen Medien war von rund 600 Millionen US-Dollar die Rede, die der Akajew-Clan ins Ausland verschoben haben soll. Akajew, sagt Nasaralijew, habe das ganze Land als Selbstbedienungsladen betrachtet und die Massen hätten sich bei den Plünderungen ihren Anteil zurückgeholt.

Ähnlich sieht es ein Kamerateam des russischen Staatssenders RTR, das zufällig in der Nähe war, als die Türen des Beta-Stores splitterten – Bischkeks Shopping-Mall. Mit Preisen, die für die Masse bei Durchschnittslö hnen von umgerechnet zehn Dollar monatlich jenseits von Gut und Böse lagen. Dörfler mit hungrigen Augen hätten sich zuerst über die Süßigkeitentheke hergemacht, Bonbons und Schokolade verteilt. Dann hätten sie auch Fernseher und DVD-Player eingepackt. „Höchst professionell“, sagt ein Mitarbeiter des Kamerateams. „Im Handumdrehen bildeten sich Banden mit mafia-ähnlichen Hierarchien. Demokratie auf Kirgisisch eben.“

Mit Demokratie hätten diese Plünderungen nichts zu tun, ermahnte Interimspräsident Kurmanbek Bakijew seine Landsleute am Sonntag im Fernsehen. Ab sofort solle damit Schluss sein, nicht nur mit den Plünderungen, auch mit allen anderen Unregelmäßigkeiten. Vor allem für Staatsdiener gelte: „Wer morgen nicht pünktlich zur Arbeit kommt, fliegt.“ Immerhin, die Polizei hat sich am nächsten Morgen wieder auf die Straße getraut, mit großen Pappschildern. „Das Volk hat immer Recht“, stand dort.

Dass inzwischen fast wieder Normalität herrscht, rechnen die Bischkeker allerdings nicht der Polizei an und schon gar nicht Interimspräsident Bakijew, dem Mann aus dem Süden, dessen politischer Kurswert im Sinken ist, seit die Revolutionäre aus seiner Heimat auf dem Rückweg sind. Ruhe und Ordnung, sagen viele, habe einer der ihren wiederhergestellt – der eiserne Felix, Generalleutnant Felix Kulow. Anfangs war er enger Mitstreiter Akajews, dann dessen erbittertster Gegner, zu sieben Jahren Haft verurteilt und gleich nach dem Umsturz befreit. In Kulow hat die Revolution endlich den charismatischen Führer und Märtyrer gefunden, der den Massen bisher fehlte. Inzwischen Koordinator von Militär, Polizei und Geheimdienst, gilt Kulow als chancenreichster Kandidat für die Präsidentschaftswahlen, obwohl er sich bisher nicht einmal offiziell bewarb. Der eiserne Felix spricht die Sprache der Straße und beantwortet auch die komplexesten Fragen militärisch kurz: „Korrektur der Privatisierung, Umverteilung von Eigentum? Es gibt nichts zu verteilen“. Dann muss er weiter. Er hat keine Zeit für Journalisten, schon gar nicht für ausländische.

Wie verworren die Lage in Kirgisistan immer noch ist, zeigt eine Meldung ein paar Stunden später: Kulow tritt von seinem Amt als Sicherheitschef zurück, hieß es da. Er habe seine Aufgaben erledigt.

Kirgisistan ist nicht Georgien und nicht die Ukraine. „Von der Revolution der Rosen haben wir nur die Dornen und von der Revolution der Orangen bloß die Schalen abgekriegt. Auf denen wird noch so mancher ausrutschen.“ Toptschubek Turgunalijew freut sich über das Bild, das ihm da wieder gelungen ist. Selbstbewusst lehnt der kleine Mann mit den scharfen Gesichtszügen sich zurück und streicht mit den Händen über die polierte Schreibtischplatte. Nagelneu wie der Computer und seine zwei Handys – all das führt dem Besitzer seine Blitzkarriere vor Augen. Noch vor knapp einer Woche war Turgunalijew Chef von Erkindik – „Freiheit“, einer Partei, die nach Meinung der Konkurrenz ihren Kongress in einer Telefonzelle abhalten kann. Seit Montag, ist er Chef des Regierungapparats. Bei der Präsidentschaftswahl selbst chancenlos, will er wenigstens zu den Königsmachern gehören.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben