Zeitung Heute : Blutiges Geschäft

Kryolan liefert Make-Up für die Bühnen und Filmdrehorte in 60 Länder

Annette Leyssner
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„Seit ich 80 bin, komme ich nur noch vier Tage die Woche ins Büro. Dienstags nehme ich mir nun frei“, sagt der 88-jährige Arnold Langer. In seinem weißen Laborkittel steht der Gründer von Kryolan im Lagerraum zwischen Flaschen mit Flüssigkeiten in allen erdenklichen Farben. Mit seinem Sohn Wolfram, 58, leitet Langer die Geschäfte. Inzwischen ist die dritte Generation dabei: Enkel Sebastian, 33, ist grade von den Bahamas zurückgekehrt, wo Kryolan das Make-Up für den „Miss Universe“ Wettbewerb gestellt hat. Der 24-jährige Enkel Dominik arbeitet in der indischen Filiale.

Rund 220 weitere Beschäftigte hat Kryolan in Deutschland, England, den USA, Polen, Indien und Bangladesh. Artikel des 18 000 Produkte umfassenden Sortiments werden weltweit verschickt. Ob Met, Sydney Opera oder Scala – die Kulturtempel der Welt versorgt das Berliner Unternehmen. Das ist kaum zu vermuten, wenn man sieht, wie kleine Schminkfläschchen in den Räumen in Reinickendorf per Hand aus dem Kochtopf befüllt werden: Kryolan ist ein Mittelständler, bei dem auf drei Etagen Produktion und Konfektion untergebracht sind. Aber Kryolan ist auch, was man einen „Global Player“ nennt, der europaweit größte Hersteller für Kunstblut und professionelle Schminke.

Dabei waren die Startbedingungen schwer: Im kriegszerstörten Berlin ging der Chemiker Arnold Langer 1945 mit selbstgemischten Cremes hausieren. Bald stellte der Theater-Fan mit Unterstützung seiner Frau Waltraud die ersten Profi-Schminken für die wieder eröffneten Berliner Bühnen her. Danach ging es aufwärts; der Standort wurde kontinuierlich ausgebaut. „Wir haben noch nie jemanden wegen zu wenig Arbeit entlassen müssen“, sagt Langer senior. Neuste Akquisition ist ein 29 000 Quadratmeter großes Grundstück im Berliner Umland, auf dem ein Logistikzentrum entstand.

Kinofilme sind heute einer der Haupteinsatzorte für Kryolan-Produkte. Das Material der Masken in dem Science-Fiction Klassiker „Planet der Affen“ stammt aus Reinickendorf und in „Titanic“ wurde mit Berliner Präparaten zur künstlichen Hautalterung gearbeitet. Für die Bundeswehr hat Kryolan ein Tarnfarben-Schminkset entwickelt. Auch die britischen und holländischen Streitkräfte setzten auf Kryolan. Die Produzenten des „Tatorts“ und das Deutsche Rote Kreuz sind Dauerkunden: Sie brauchen Material für echt wirkende geschminkte Wunden; um den Zuschauer zu überzeugen oder für Rettungsübungen. Mehr als ein Dutzend Sorten Blut sind im Angebot, die Rezeptur variiert, abhängig davon, ob es rinnen, tropfen oder spritzen soll. Gut 5000 Liter verkauft Kryolan davon pro Jahr. Alle kosmetischen Erzeugnisse werden nach eigenen Rezepten produziert, die meisten davon hat Arnold Langer selber entwickelt. Nur so könne er flexibel auf Wünsche der Kunden reagieren. Die schnelle Entwicklung von Artikeln, zum Beispiel für eine bestimmte Theateraufführung, sei nur möglich, wenn man die Produktion selber kontrolliere. Selbst das Bedrucken und Verpacken von Kosmetikdosen geschieht in eigenen Fertigungsstätten.

Langers Motto: „Wir machen alles möglich, auch wenn es betriebswirtschaftlich nicht immer sinnvoll ist“. Schminke wird oft in der Größenordnung von 10 000 Kilo-Sendungen verschickt. Mit der gleichen Aufmerksamkeit werden Kleinkunden beliefert. „Wenn ein Schauspieler eine Dose Abschminke will, dann bekommt er eine Dose Abschminke auch zugeschickt“, erläutert Langer. Selbst der Wunsch von Einzelpersonen nach einem Lippenstift, angemischt in einem ganz bestimmten Farbton, wird erfüllt. Umgesetzt werden können die Wünsche ziemlich direkt: Nur eine Treppe trennt, Büro, Labor und Fertigung. Pigmente werden in den hauseigenen Walzen selbst gemahlen, alle Farben selbst angerührt.

Neben der Bereitschaft zur Innovation zählt Langer auch das familiäre Klima im Betrieb zu den Erfolgsfaktoren seines Unternehmens. Die Hälfte der Kryolan-Mitarbeiter gehöre schon seit zehn und mehr Jahren zum Team, sagt er. Nachwuchsförderung sei ebenfalls wichtig: Ausgebildet werden Bürokaufleute, Chemiearbeiter und Fachkräfte für Lagerwirtschaft.

Einige der Mitarbeiter laufen Langer beim Rundgang durch das Gebäude über den Weg, er begrüßt sie mit Handschlag. „Ich bin ein väterlicher Chef“, sagt der Senior, der mit seinem weißen Haarkranz aussieht wie ein freundlicher Apotheker. „Die Leute fühlen sich bei uns zu Hause.“ Das tut der 88-Jährige offensichtlich auch, ans Aufhören denkt er nicht: „Aber wenn ich 100 werde, dann nehme ich mir zwei Tage frei“, scherzt er zum Abschied.

www.kryolan.de

Ans Aufhören denke ich nicht: Aber wenn ich 100 werde, dann nehme

ich mir zwei Tage frei.“

Kryolan-Gründer

Arnold Langer, 88, hier mit Sohn Wolfram und

Enkel Dominik

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