Zeitung Heute : Blutrotes Meer

„Keine Gnade für die Terroristen“, fordern Hunderte in den Straßen von Dahab

Jürgen Stryjak[Kairo]

Am Tag nach den drei Bombenattentaten wirkt Dahab wie traumatisiert. Denen, die am Dienstagmittag an die beliebte Uferpromenade des Ortsteiles Masbat kommen, bietet sich immer noch ein Bild wie aus dem Reisekatalog: Traumwetter, weiß getünchte Häuschen, Palmen, die im Wind schwingen. Alles scheint wie immer. Das Trauma von Dahab ist nicht zu sehen, sondern zu hören. Normalerweise ertönt in den Strandcafés und Restaurants um diese Tageszeit Musik. Diejenigen, die gerade keine Tour in die Wüste oder aufs Meer unternehmen, dösen bei Titeln von Janis Joplin oder Jimmy Hendrix, bei Wasserpfeife und einem Stella-Bier auf großen Kissen in den Tag hinein. Dahab ist kein Allerweltsort mit Sehenswürdigkeiten, Dahab ist eine Lebenseinstellung.

Am Dienstag aber ist es still am Ufer. Dahab klingt nicht mehr. „Wann wir hier wieder wie vorher weitermachen können, ich weiß es nicht“, sagt Ahmed Scharqawi. In einem Pub in der Hauptstraße von Masbat, 100 Meter vom Ufer entfernt, steht er am Tresen. Eigentlich läuft in seiner Kneipe um diese Zeit Heavy Metal, doch heute ist es still, der Pub ist leer. Niemand ist gekommen, um die übliche Partynacht bei einem Mittagsbier fortzusetzen. Es hat keine Partys in der Nacht zuvor gegeben.

Auf der Uferpromenade sind Einheimische und Touristen unterwegs, um die Schauplätze der Anschläge zu besuchen. Sie sehen Blutlachen und zerstörte Geschäfte. Scherben liegen auf der Promenade, dazwischen bunt durcheinander gewürfelt die Auslagen von Souvenirläden. Die Holzbrücke im Zentrum ist mit gelben Plastikbändern abgesperrt. In den Cafés des Ortes versucht man, den Schock mit Ursachenforschung zu bewältigen. Noch immer ist unklar, ob die Explosionen das Werk von Selbstmordattentätern waren oder ob Bomben ferngezündet wurden. Augenzeugen berichten, dass sie keine Körper von Attentätern an den Tatorten entdecken konnten. Auch die Regierung spricht von Fernzündung. Muhammad Hani hingegen, der Gouverneur der Provinz Süd-Sinai, hatte noch Montagnacht erklärt, dass die Tat das Werk von Selbstmordattentätern sei.

In der Nähe der Holzbrücke bildet sich am späten Nachmittag eine spontane Protestdemonstration. Mehrere hundert Einheimische tragen Schrifttafeln und rufen „Nein zum Terrorismus“ und „Keine Gnade für die Täter“. Gleich daneben interviewt der Sender Al Dschasira einen Scheich aus der Stadtversammlung von Dahab. Mehrmals betont er, fast flehentlich, dass es sich bei den Tätern unmöglich um Ortsansässige handeln könne.

In den Kaffeehausgesprächen spürt man neben dem Entsetzen mehr und mehr auch Wut. „Wann tut die Regierung wirklich etwas gegen diese Wahnsinnigen?“, fragt ein Beduine zornig, der einen Souvenirladen am Ufer betreibt. Fast alle Ägypter sind der Gewaltorgien gegen Gäste des Landes überdrüssig. Erst vor einer knappen Woche war die Verhaftung einer Gruppe von Extremisten unweit des Ortes Al Saff, 60 Kilometer südlich von Kairo, verkündet worden. Sie hätten Aktionen gegen Touristen, Gaspipelines sowie gegen muslimische wie christliche Religionsführer vorbereitet. Auch hätten sie es, so das Innenministerium wörtlich, auf die „dekadente Jugend in den Ferienorten“ abgesehen.

Für solche Extremisten ist Dahab zweifelsohne ein Sündenpfuhl. Hier wird getrunken, getanzt und oben ohne am Strand gelegen, hier treffen europäische Rucksacktouristen auf israelische Ausflügler. Manchmal sind aber auch fromme Beduinen zu sehen.

Gleich neben der Holzbrücke am Strand von Masbat steht eine Marmortafel, deren Text Präsident Mubarak für seine Anstrengungen um den Tourismus preist. Vor zehn Jahren versprach die Regierung, Dahab möglichst bald auf die Landkarte des Massentourismus zu bringen. Jetzt befindet der Ort sich, neben Taba und Scharm al Scheich, auf der Landkarte des Terrorismus. Und seine Bewohner befürchten, dass er dort auch eine ganze Weile bleiben wird.

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