Zeitung Heute : BMW: Einfach bei der Sonne tanken

Roland Knauer

Auf einer Tour rund um die Welt stellt der Autohersteller BMW Wasserstoff als Sprit der Zukunft vor. Denn über eines sind sich alle Experten einig: Kraftstoffe auf Erdöl-Basis werden nur noch für eine befristete Zeit Autos antreiben, weil die Vorräte sich in absehbarer Zukunft dem Ende zuneigen. Zudem verbrennen sie zu Kohlendioxid, das den Treibhauseffekt verursacht.

Nun kann man Sprit aus Pflanzen herstellen - also aus nachwachsenden Rohstoffen. Das erfordert riesige Monokulturen mit all ihren Problemen, und selbst das würde für den Energiehunger der wachsenden Autoflotten auf der Welt nicht reichen. Aber wenigstens ist die Bilanz des Treibhausgases Kohlendioxid neutral. Denn bei der Verbrennung entsteht nur so viel CO2 wie die Pflanzen wieder aus der Luft holen.

Bleibt als zweiter Energieträger Wasserstoff, der zum Beispiel über Sonnenkraftwerke aus normalem Wasser hergestellt werden kann. Da die Sonne jede Stunde mit rund einer Milliarde mal einer Milliarde Kilowattstunden den jährlichen Energiebedarf der gesamten Menschheit auf den Globus strahlt, dürfte der Nachschub erst einmal gesichert sein. Und da bei der Verbrennung von Wasserstoff nur das Wasser entsteht, aus dem dieser Treibstoff entstanden ist, wäre auch das Klimaproblem zumindest von Seiten des Individualverkehrs gelöst.

Aus der Sicht des Ingenieurs jedenfalls funktioniert ein Wasserstoff-Motor nicht viel anders als ein herkömmlicher Benziner oder Diesel. BMW zeigt das mit einer Flotte von fünfzehn Limousinen, die während der Expo 2000 in Hannover auf mehr als hunderttausend Kilometern ihre Alltagstauglichkeit unter Beweis stellten, ohne einen einzigen Tropfen Benzin oder Diesel zu verbrennen. Angetrieben werden diese Autos von Wasserstoff, der als Flüssigkeit bei minus 253 Grad Celsius im Spezialtank schwappt.

Beim Gedanken an diesen Treibstoff haben Laien oft das Bild des brennenden Luftschiffs Hindenburg vor Augen, das am 06. Mai 1937 im amerikanischen Lakehurst explodierte. Experten aber halten Wasserstoff für nicht gefährlicher als herkömmliches Benzin. Mit etlichen Crash-Tests, Flammenwänden und blockierenden Sicherheitsventilen haben die Ingenieure von BMW gemeinsam mit dem TÜV-Süddeutschland genau das bewiesen - der Wasserstoff-Tank konnte einfach nicht zur Explosion gebracht werden.

Obendrein baut die auf Flüssiggase spezialisierte Linde AG inzwischen für BMW einen Tank, aus dem kein Wasserstoff mehr entweicht. Das verblüfft Experten, denn Wasserstoff durchdringt praktisch jedes Material. Die Ingenieure von Linde aber haben in langjähriger Arbeit doch eine Substanz entdeckt, die auch für die winzigen WasserstoffMoleküle eine unüberwindliche Barriere darstellt. Wie das Material aussieht, bleibt allerdings Betriebsgeheimnis.

Die Technik ist so weit, BMW wird in seiner nächsten Preisliste ein 750 hL-Modell mit 204 PS (150 kW) anbieten, das mit flüssigem Wasserstoff aus einer Tankfüllung rund 350 Kilometer weit fahren wird. Allerdings wird der Kofferraum recht klein ausfallen, da direkt hinter den Rücksitzen der Wasserstoff-Tank sitzt. Und der hat nirgends anders Platz, da sich unter dem Blech auch ein Benzin-Tank verbirgt. Schließlich soll der 750 hL noch mit normalen Sprit fahren können, weil Wasserstoff-Tankstellen in Europa noch recht dünn gesät sind.

Genau genommen gibt es nur einen Ort auf dem alten Kontinent, wo der stolze Besitzer eines 750 hL tanken könnte: Am Münchener Flughafen im Erdinger Moos steht die einzige Zapfsäule für den Treibstoff der Zukunft, an der auch Privatkunden tanken dürfen. Der Fahrer muss dort nicht einmal aussteigen, denn ein Roboter erledigt alles für ihn. Eine Kamera erkennt den Tankstutzen, führt die Zapfpistole dort hin und dockt sie an.

Um die Mobilität der Käufer zu erhöhen, bemüht sich BMW gemeinsam mit dem Erdölkonzern BP, ein Netz von Wasserstoff-Tankstellen aufbauen. Die nächste soll in Mailand gebaut werden, Berlin soll im Jahr 2002 eine Robot-Tankstelle für den Treibstoff der Zukunft erhalten. Ausgehend von dieser Achse Berlin - München - Mailand sollen europaweit weitere Tankstellen folgen, bis die Versorgung überall stimmt.

Dieses Ziel ist erheblich schwerer zu erreichen als einst die flächendeckende Einführung bleifreien Benzins, da völlig neue Wasserstoff-Tankstellen parallel zu den vorhandenen Benzin-Tankstellen entstehen müssen. Wenn die Politik solche Vorhaben unterstützt, werden vorausschauende Mineralöl-Konzerne diese anfangs teuren Investitionen schon wagen, die sich erst nach etlichen Jahren auszahlen.

So will allein BP im Rahmen des von der EU-Kommission initiierten Zehn-StädteWasserstoffprogrammes fünf weitere Tankstellen für den Sprit der Zukunft bauen. In diesen Orten sollen mit Wasserstoff betriebene Busse eine absolut saubere Alternative zum herkömmlichen Personennahverkehr bieten. Mit einem Prozent der Ökosteuer könnten in Deutschland hundert Tankstellen auf Wasserstoffbetrieb umgerüstet werden - so teuer kommt das zukünftige Wasserstoffnetz also gar nicht.

Auch die Herstellung scheint gesichert. Liegen doch die derzeit wichtigsten Ölförderländer häufig im Sonnengürtel der Erde. Obwohl Dubai zum Beispiel noch sehr lange Öl fördern wird, macht sich Staatschef Sheikh Mohammed Biln Rashid Al Maktoum schon heute Gedanken über Alternativen für die Zukunft. Denn das kleine Emirat will seinen derzeit bereits sagenhaften Reichtum auch in Zukunft mehren. Da drängt sich die Wasserstoff-Technik geradezu auf.

In den sonnigen Wüsten Arabiens können Solarkraftwerke reichlich Wasserstoff herstellen. Genug Geld für Investitionen in diese Zukunftstechnologie haben die Öl-Scheichs ebenfalls. Also hat Dubai ein Forschungsprogramm über 46 Milliarden US-Dollar aufgelegt, in dem die Gewinnung von Sonnenenergie eine wichtige Rolle spielt. Schon in drei Jahren könnte in Dubai die erste Wasserstoff-Herstellung aus Sonnenenergie funktionieren, konnte BMW-Vorstand Burkhard Göschel feststellen, als er auf der Welttour in diesem Emirat Station machte. Von dort könnte der verflüssigte Energieträger mit Tankschiffen nach Europa transportiert und auf das langsam sich vergrößernde Tankstellennetz verteilt werden.

Wie weit diese schöne neue Wasserstoffwelt noch in der Zukunft ist, liegt allein in den Händen der Politik. Auch das konstatieren die Repräsentanten des Automobilherstellers BMW mit Blick auf ihre eigene Vorleistung in Form des demnächst ersten serienmäßigen Wasserstoff-Autos der Welt.

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