Zeitung Heute : BMW: Handlich wie ein Kompakter

Ingo von Dahlern

Diesmal stand er nicht in einer absolut weißen Halle, wie bei der ersten Begegnung vor einigen Wochen, sondern mit allen vier Rädern fest auf der Straße - der neue 7er von BMW. Ein kraftvolles Auto, dass mit seiner Linie unmissverständlich signalisiert, dass man es hier mit einem der ganz Großen seiner Art zu tun hat. Ein Auto mit vielen neuen Desigelementen, wie zum Beispiel der auf die Flanke verlegten Heckklappenfuge und einer Silhouette, die keine Keilform mehr erkennen lässt. Ein Auto aber auch, das trotzdem schon auf den ersten Blick zeigt, aus welchem Stall es kommt - denn es ist unverkennbar ein BMW.

Dort spricht man gern von einem Design-Sprung. Doch so groß, wie er gern dargestellt wird, scheint uns der trotz vieler neuer Elemente in der 7er-Optik nicht zu sein - zumindest außen. Denn ganz anders ist der Eindruck, wenn man in dieses Auto einsteigt. Hier ist alles, was man rundum sieht, neu und anders als die seit Jahrzehnten typische BMW-Optik. Verschwunden ist das mit einer leichten Rundung dem Fahrer zugewandte Cockpit mit seinen zahllosen Schaltern und Tasten. Denn das neue Armaturenbrett betont die Horizontale. Und von den vielen Schaltern ist nur noch ein kleiner Rest zu finden - die nämlich, die für die wichtigsten Grundfunktionen nötig sind.

So aufgeräumt ist uns bisher kein Cockpit eines Luxuswagens begegnet. Dennoch lassen sich hier mehr Dinge steuern und regeln, als je in einem BMW zuvor. Aber das geschieht nach einem ganz neuen Bedienkonzept, das sich schlicht iDrive nennt und dessen zentrales Bedienelement der große runde Controller-Knopf auf der Vorderseite der ungewohnt mächtigen Mittelkonsole ist, die Fahrer und Beifahrer trennt, praktisch so hoch ist, wie eine Mittelarmlehne. und unter dem geteilten Deckeln ein gewaltiges klimatisierbares Ablagefach verbirgt. Zu iDrive später noch mehr.

Uns ging es erst einmal darum, den neuen 745i, also die derzeit stärkste Variante, für einen ersten Ausritt in Bewegung zu setzen. Und dabei mussten wir in vielen Punkten umlernen. Denn was wir als "Schlüssel" in die Hand bekamen, entpuppte sich als als ein kleines Elektronik-Paket, das in eine passende Öffnung rechts von der Lenksäule gehört, gleich neben dem Start-Stop-Knopf. Kaum war die kleine Box dort verschwunden, da fuhren Lenkrad und Sitze auf die noch vom letzten Lenker registrierten Positionen, so dass wir das eine oder andere ändern mussten.

Der gewohnte Griff nach links zur elektrischen Sitzverstellung ging allerdings ins Leere. Denn die Sitzverstellung ist nun an den Außenkanten der großen Mittelkonsole platziert. Und sie funktioniert auch anders als bisher. Denn die Symbole für die einzelnen Sitzelemente lassen sich durch Druck nur noch ein- oder ausschalten. Verstellt werden sie über einen Mini-Joystick vor ihnen. Wenn man es erst einmal verstanden hat, eine durchaus überzeugende Alternative zum bisherigen Konzept - ob sie auch besser ist, mochten wir spontan allerdings nicht entscheiden. Sehr gut gefallen hat uns aber, wie viele Funktionen des Sitzes sich nun einstellen lassen und wie sich dessen Sitzfläche und Rückenlehne optimal an den Körper des Fahrers anpassen lässt.

Endlich optimal sitzend drückten wir den Starterknopf. Doch der Motor blieb still. Er regte sich erst, als wir beim Starten zugleich auf die Bremse traten. Dann surrte er los, unglaublich laufruhig und kaum hörbar. Dabei ist er ein Kraftpaket, dass die leer schon knapp zwei Tonnen schwere 5,03 Meter lange Limousine flott wie einen rassigen Sportler macht. Doch unser Auto blieb erst einmal stehen. Denn auch der Griff zum Schalthebel im vorderen Bereich der Mittelkonsole ging ins Leere. Dort gibt es nur noch zwei Cup-Holder. Der Wählhebel für die Automatik ist als extrem kompakter Lenkstockhebel an die Lenksäule gewandert, wird dort mit den Fingerspitzen bedient und wurde von uns erst einmal in Fahrposition "D" gebracht.

Nichts geschah, denn noch leuchtete das Symbol für die angezogene Handbremse. Allerdings suchten wir vergebens nach einem Hebel, um diese zu lösen. Denn das geschieht beim neuen 7er allein durch Druck auf den Bremsknopf - ebenso wie das Anziehen der Bremse. Und diese elektrisch betätigte Bremse kann noch mehr. Wir hatten gleich nach dem Lösen auf Hinweis eines BMW-Technikers die sogenannte Multifunktions-Taste auf dem Lenkrad gedrückt, sahen nun ein grünes Bremssymbol mit einem Automatik-Hinweis und erlebten diese Funktion schon, als wir nach kurzer Fahrt an einer Steigung vor einer Ampel anhielten. Denn sofort trat die Bremse in Aktion, hielt das Fahrzeug in Position, ohne dass wir extra bremsen mussten. Und als wir Gas gaben, löste sich die Bremse automatisch wieder. Anfahren am Berg, nicht nur für viele Fahrschüler eine Angstpartie, wird mit dieser Technik zum Kinderspiel.

Erstmals auf freier Landstraße traten wir ein wenig fester aufs Gaspedal. Und nun zeigte der 745i, was in ihm steckt. Sein nun 245 kW (333 PS) leistender

4,4-Liter-V8 reagierte spontan auf jede Gaspedalbewegung, ließ schnell erkennen, dass die in den technischen Daten genannten 6,3 Sekunden für den Spurt auf Tempo 100 durchaus realistisch sind. So flott ist derzeit keine Oberklasselimousine. Doch der 745i ist mehr als nur extrem agil. Er ist vor allen Dingen auch ungemein handlich. Auf engen Bergstraßen mit vielen Kurven und Spitzkehren folgte er dem Lenkeinschlag mit absoluter Präzision und blieb, auch wenn es flott voran ging, exakt in der Spur, wobei der die Kurven mit nur minimaler Seitenneigung durchfuhr und zugleich auch grobe Fahrbahnunebenheiten souverän wegsteckte.

Und wie das sichere und komfortable Fahrwerk, so begeisterte auch das neue Sechsgang-Automatikgetriebe. Wir hatten praktisch nie den Wunsch, auf Handschaltung zu wechseln, die mit den Bedientasten am Lenkrad im Prinzip zwar komfortabel, aber bei flotter Kurvenfahrt, bei der man die Position der Hände am Lenkrad ständig ändert, nur schwer zu bedienen ist.

Es ist eine Menge geballlter Elektronik, die so viel Fahrsicherheit und Fahrkomfort möglich macht - neben der Fahrdynamikregelung DSC vor allem die nun kontinuierliche elektronische Dämpfer-Control (EDC-K), das aktive Fahrwerk Dynamic Drive und die optionale Luftfederung für die Hinterachse. Doch im 745i treten sie so in Aktion, dass man beim Bewegen des Autos echte Fahrfreude empfinden kann. Die wollte so uneingeschränkt allerdings nicht aufkommen, wenn es um das Bedienkonzept iDrive geht.

Zugegeben, wenn man es erst einmal verstanden hat, dann ist es im Prinzip einfach und überzeugend. Wer allerdings nicht ständig mit Computern und ihren Menüs umgeht, muss sich erst richtig einarbeiten, und dafür reicht reine Intuition leider nicht aus. Aber da alle Bedienfunktionen auch für den Beifahrer zugänglich und einsehbar sind, erwachsen dem hier völlig neue Aufgaben, von denen das Trainieren des Fahrers sicher nicht unattraktiv ist, damit der bei der Klimatisierung zum Beispiel nicht mehr notgedrungen auf "Auto" schalten muss, sondern die Möglichkeiten für ein Wunschklima optimal nutzen kann - wenn es ihm Spaß macht, sogar per Spracheingabe.

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