Zeitung Heute : Boden für Gewalt

Fabian Leber[Berlin] Thomas Seibert[Istanbul]

Die extremistische Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) soll in Deutschland Ausbildungslager unterhalten haben. Welche Bedeutung hat Deutschland als Aktionsbasis für die PKK?


Westliche Sicherheitsbehörden wissen es, PKK-Chef Abdullah Öcalan höchstpersönlich hat es bestätigt, und die Türkei beklagt sich seit Jahren darüber: Die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) führt ihren Kampf gegen Ankara nicht nur im Südosten Anatoliens, sondern nutzt verschiedene westeuropäische Staaten als Aktionsbasis. In Griechenland unterhielt die extremistische Kurdenorganisation jahrelang Ausbildungslager, wie Öcalan selbst bestätigte. Auch in Deutschland und den Niederlanden soll es solche Lager gegeben haben, behauptet jetzt ein mutmaßlicher PKK-Bombenleger, der nach Ermittlungen der Polizei im vergangenen Jahr im westtürkischen Badeort Kusadasi einen Bus mit Urlaubern in die Luft sprengte und fünf Menschen umbrachte.

Von ausdrücklichen „Lagern“ wollen deutsche Sicherheitskreise zwar nicht sprechen. Die Behörden schließen aber nicht aus, dass in den vergangenen Jahren in Deutschland potenzielle Terroristen zumindest angeworben und ideologisch ausgebildet wurden. Trotz des seit 1993 in der Bundesrepublik geltenden PKK-Verbots gebe es immer noch Kreise, in denen die PKK-Ideologie weiter verbreitet werden.

Für die Ausbildung von PKK-Kämpfern hat Europa allerdings an Bedeutung verloren – sie findet inzwischen eher im Nordirak statt. Die Bundesrepublik mit ihrem hohen Anteil türkischer Migranten ist für die Kurdengruppe aus anderen Gründen viel wichtiger: Hier wird Geld gesammelt und erpresst, von hier aus verbreiten die PKK-nahen Medien die Botschaft der Rebellen. Nach Einschätzung des Verfassungsschutzes kann die PKK in Deutschland immerhin mehrere tausend kurdische Türken zu ihren Anhängern zählen.

Der mutmaßliche Attentäter von Kusadasi, Mehmet Sirac Keskin, wurde nach eigenen Angaben in der zweiten Hälfte der 90er Jahre in Deutschland von der PKK rekrutiert. Keskin sagte aus, nach seiner Ausbildung in Deutschland und den Niederlanden sei er in ein weiteres Ausbildungscamp der PKK im Nordirak geschickt worden. Auch hohe Funktionäre wie der frühere PKK-Europachef Kani Yilmaz sind ähnliche Wege gegangen. Yilmaz wurde inzwischen Opfer blutiger Machtkämpfe innerhalb der PKK-Führung.

In jüngster Zeit sorgen auch PKK-nahe Medien in Westeuropa immer wieder für Streit. Besonders der TV-Satellitensender Roj-TV, der sein Programm von Dänemark aus ausstrahlt und von vielen Kurden in der Türkei gesehen wird, ist für Ankara ein Problem. Zuletzt beschwerten sich türkische Regierungspolitiker, Roj-TV habe Ende März und Anfang April die blutigen Kurdenunruhen in der Türkei angefacht. Die türkische Regierung schickte nach eigenen Angaben in den vergangenen Monaten umfangreiches Beweismaterial nach Kopenhagen. Ankaras Forderung, Roj-TV zu verbieten, wird von Dänemark bisher jedoch abgelehnt. In Deutschland ist für die PKK besonders die Zeitung „Özgür Politika“ wichtig. Das Blatt wurde im vergangenen Jahr als Sprachrohr der PKK verboten, darf inzwischen aber wieder erscheinen.

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