Zeitung Heute : Bodenlos

Deutschland war ein Volk der Aktionäre – damals, vor drei Jahren. Dann platzte die Spekulationsblase. Seitdem herrscht Ernüchterung. Milliardenbeträge sind verloren. Und ein Ende der Krise ist nicht in Sicht.

Andreas Oswald Henrik Mortsiefer

Von Andreas Oswald

und Henrik Mortsiefer

Gibt es gar kein Halten mehr? Die Weltbörsen stürzen ab und markieren neue historische Tiefs. Kleinanleger, die seit Jahren von der Politik aufgefordert sind, sich über ihre Alterssicherung Gedanken zu machen, müssen mitansehen, wie ihre Anlagen immer mehr zusammenschrumpfen. Ein Volk von Aktienbesitzern, groß ausgerufen mit dem Börsengang der Telekom, es steht jetzt mit leeren Händen da. 104 Euro war die T-Aktie Anfang 2000 wert, jetzt krebst sie knapp über zehn Euro. 90 Prozent Verlust musste mancher Anleger in den letzten drei Jahren verkraften, wenn er nicht verkaufte, und das ging ihm nicht nur mit der Telekom so. Banken, Versicherungen, Versorger, Autohersteller – alle gerieten sie in einen Strudel, der jetzt eine neue Dimension bekommt. Am Dienstag durchbrach der Deutsche Aktienindex (Dax) den Tiefststand vom letzten Oktober. 2519 Punkte hieß es damals.

Geht es noch tiefer? Die bange Frage von damals ist jetzt beantwortet. 2485 lautet der Schlusskurs vom Montag. Am Dienstag wurden zwischenzeitlich 2433 erreicht. Für viele Analysten und Anleger ist das ein Signal. Ein böses Signal. Bricht jetzt Panik aus? Kommt es zum totalen Ausverkauf? Wie weit können die Kurse noch fallen? Was die Experten besonders beunruhigt: Wenn – wie jetzt – positive Meldungen über die Ertragslage von Unternehmen und das verbesserte Geschäftsklima den Abwärtstrend nicht stoppen können, was dann? Alle reden vom Krieg. Werden die Kurse hochschießen, wenn die ersten Kanonen donnern? So wie im letzten Golfkrieg? Auf dem Frankfurter Börsenparkett wird spekuliert, dass die USA mit ihren Verbündeten in der Nacht von Sonntag auf Montag ihren Krieg gegen den Irak beginnen werden – und Montag die Kurse steigen.

Aber das ist Spekulation. Ein Krieg käme schließlich nicht überraschend, warum sollten sich also deshalb die Kurse ändern? Auch die Kriegsangst dürfte nicht mehr wesentlich zu- oder abnehmen. Selbst professionelle Anleger sind angesichts des neuerlichen Kurseinbruchs mit ihrem Latein am Ende. „Wir tun uns ausgesprochen schwer mit Prognosen für die kommenden Monate“, sagt Jens Ehrhardt, Inhaber der gleichnamigen Vermögensverwaltung in München, die zurzeit nur noch ein Viertel ihres Kapitals in Aktien investiert hat. Die Angst vor einem Krieg, der erste große Bilanzbetrug in Europa, die unsicheren Konjunkturaussichten: Die Investoren wechselten ihre Einschätzungen der Zukunft fast täglich. „Das ist wie bei der Reise nach Jerusalem“, sagt Ehrhardt. „Am Ende geht die Sache nicht auf.“ Selbst die Charttechnik stoße an ihre Grenzen, wenn sich alle Anleger darauf stürzten, in der Hoffnung, den Markt zu schlagen.

Doch woran soll man sich noch halten? Wenn alle ratlos sind, wenn keine Erklärung mehr hilft, dann schlägt die große Stunde der Charttechniker. Charttechniker sind Analysten bei Banken und Fondsgesellschaften, die ihre Erkenntnisse aus den Kursverläufen selbst beziehen. Sie sagen: In einem Kurs drückt sich die gesamte psychologische Befindlichkeit der Gesamtheit der Anleger aus. In ähnlichen Situationen verhalten sich Anleger immer wieder gleich, weil sie immer wieder die gleiche Angst oder Panik oder Zuversicht befällt. Deshalb kommt es immer wieder zu ähnlichen Kursmustern. Interessant ist, dass Banken ihre Kunden nicht oder nur zögernd darüber informieren. Dabei wird diejenige Abteilung der Deutschen Bank, die mit dem Geld der eigenen Bank spekuliert – nicht mit dem der Kunden – unter anderem von Charttechnikern gemanagt.

Betrachtet man den Dax seit seinem Hoch Anfang 2000, dann fällt auf, dass sich der Kursverlauf an einer Abwärtstrendlinie gleichsam aufhängt. Es gibt immer wieder markante Tiefs, die wie Nadeln hinunterragen. Den Tiefs schließen sich immer kurze Aufwärtsrallyes an, die aber spätestens an der Abwärtslinie abprallen – es folgt das nächste Tief. Erst, wenn die Abwärtstrendlinie signifikant nach oben durchbrochen wird, ist der Abwärtstrend nach Ansicht der Chartisten zu Ende.

Wie weit sinken die Kurse jetzt? „Es gibt keine Unterstützungslinie mehr, der Weg nach unten ist offen“, sagt Uwe Wagner, Charttechniker der Deutschen Bank. Nur eins ist gewiss: Dem Tief folgt wie immer eine Aufwärtsbewegung. Darauf warten jetzt alle.

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